"Wodka für den Torwart" Ein Schweinchen namens Futbola

Diese Elf muss keinen Gegner fürchten: In "Wodka für den Torwart" schreiben ukrainische Autoren mit Witz und Lakonie über Fußball und andere Nebensachen - und zeigen, dass Sportignoranz lässiger ist als deutsche Sommermärchenseligkeit. Nummer drei der elf besten Bücher zur Fußball-EM.

Von Hans-Jost Weyandt

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Darum geht's: Lange bevor die Trainerlegende Walerij Lobanowski das moderne Kombinationsspiel entwickelte, für das auch Johan Cruyff die Urheberschaft reklamiert, war Kiew eine Hochburg des Fußballs, vergleichbar mit Wien und Budapest. Während der deutschen Besatzung 1942 mussten acht Spitzenspieler in einer Zwangsarbeiterelf gegen eine Auswahl der Wehrmacht antreten. Die Ukrainer besiegten ihre Unterdrücker, wenig später wurden acht von ihnen in einem KZ am Stadtrand inhaftiert, vier starben, und obwohl nie ein enger Zusammenhang zwischen Spiel, Leid und Tod bewiesen werden konnte, besteht er in einem höheren Sinn natürlich doch. Das Mattsch smerti (Todesspiel) hat für die Ukraine (und früher für die Sowjetunion) einen ähnlich hohen Stellenwert wie für Deutschland das Wunder von Bern. Fußball wirkt identitätsstiftend und ist Volkssport - was freilich nicht bedeutet, dass alle elf Autoren dieser Anthologie große Experten sind. Einige haben vielleicht gerade so viel Ahnung vom Fußball wie Bayerns Rückpasskönig Anatolij Tymoshchuk vom Offensivspiel.

Das lernt man: Eine schöne Lässigkeit der Ukrainer im Umgang mit ihrem Volkssport, die bis zur fröhlichen Ignoranz reichen kann: eine Haltung, die leider seit dem kollektiven Sommermärchenrausch 2006 kaum noch in Deutschland zu finden ist. Selbst alte Damen, denen zum Thema Sport vielleicht Hans Günter Winklers Goldritt auf Halla bei den Olympischen Spielen in Stockholm einfällt, sollten tunlichst interessiert nicken, wenn irgendeine Pfeife von Enkel sich zu einem Oberlangweilerthema wie "zweiter Torwart hinter Neuer" auslässt. Irena Karpa hingegen fällt zum Leitthema nur ein Schweinchen namens Futbola ein, das durch ihre Kindheit quiekte: hinreißend. Und Tanja Maljartschuk versteht nur Bahnhof, und darüber schreibt sie dann auch, wunderbar leicht und leicht melancholisch: die Bahnhöfe Kiews, die Friedhöfe, die Plätze und stillen Winkel, die in ihrem Stadtporträt zu Sehnsuchsorten werden. Was lernt man noch? Dass Transkarpatien fußballerisch das "ukrainische Brasilien" ist. Behauptet jedenfalls Olexandr Hawrosch. Und er belegt seine kühne These so begeistert, dass man ihn zum "transkarpatischen Günther Koch" küren möchte, der berühmten fränkische Stimme des Clubs.

Der Satz, der alles sagt: "Fußball löst unsere Probleme nicht. Aber er lässt uns verstehen, dass die meisten Probleme ausgedacht und erfunden, zweifelhaft und künstlich sind wie die Abseitsposition." (Serhij Zhadan)

Das taugt's: Fußballphilosophisches von Serhij Zhadan von einer leichten Transparenz, die Luis Cesar Menottis Nikotinreflexionen schwer vernebelt wirken lassen. Spielerische Theorietänzeleien von Natalka Sniadanko um und mit dem Ball, den sie seitenlang in der Luft hält, meistens mit Köpfchen. Eine Ballade über das Abseits von Oksana Sabuschko, die Ror Wolf entzücken dürfte. Und Erzählungen, trickreich und gewitzt, wie ein guter Kick: Diese Elf müsste keinen literarischen Gegner fürchten.

Und wer wird Europameister? Nach der Logik von Tanja Maljartschuk nicht die Ukraine - vorerst. Am Ende ihrer Liebeserklärung an Kiew schreibt sie: "Aber so ist die Stadt. Sie lässt sich nicht küssen. Vielleicht braucht sie auch gar keine Liebe. Sie sitzt mit meiner Freundin auf dem Balkon, raucht, bekämpft die Tauben und wartet, dass sich die Zeiten wieder ändern." Dann, vielleicht, kann es wohl was werden mit dem Titel.

• EM-Countdown Teil 2 "Die Brüder Boateng" • EM-Countdown Teil 1: "Totalniy Futbol"

• Ebenfalls auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Igor Klechs mitreißendes "Buch vom Essen" über die Küche der Ukraine



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