Wondratschek zum Siebzigsten: Als Männer noch Kippen hatten

Von Thomas Andre

Wolf Wondratschek: "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" Zur Großansicht
Lino Rinkens

Wolf Wondratschek: "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde"

Fernweh nach Frauen: In seinem neuen Roman "Mittwoch" zeichnet Wolf Wondratschek ein Spottbild alternder Chauvinisten - und hält als Pointe eine bewährte Exit-Strategie unsteter Cowboys bereit. Jetzt feiert der letzte Bannerträger des Machismo seinen Siebzigsten.

In der zentralen Szene des Episodenromans "Mittwoch" stehen die alten Männer entspannt im Tabakladen herum und erzählen sich von ihren Siegen und Niederlagen. Alles echte Typen, deren Libido noch nicht eingeschlafen ist und die nur ab und an mal von Unpässlichkeiten wie einer Migräne geplagt werden. Sie heißen Roberto, Richard, Bruno, Arthur, Rudi, Hans. Sie rauchen. Sie geben sich altersweise. Und sie tragen wahrscheinlich alle Züge ihres Erfinders Wolf Wondratschek: Dem - zumindest bis Clemens Meyer kam - letzten Bannerträger des Machismo in der deutschsprachigen Literatur. Sein weitgehend heiterer Roman ist eine Übung der Leichtigkeit - und hält als Pointe eine bewährte Exit-Strategie unsteter Cowboys bereit: Einfach mal Vater werden.

In "Mittwoch" findet sich eine Phänomenologie des Mannes, wie es ihn heute so nicht mehr gibt, jedenfalls nicht in der Ausführung als junger Kerl - allenfalls als museales Ausstellungsstück: Maulfaul ist er, gefühlsgehandicapt, supermaskulin und eigenbrötlerisch. In den besten Momenten seines Romans schafft es Wondratschek, mit wenigen Sätzen die Härten kenntlich zu machen, die die virile Verdummung und derangierte Desillusionierung der Männer mit sich bringt. Einer hat eine saufende Ehefrau und einen nichtsnutzigen Sohn. Der wettet und geht in den Puff ("Zum Goldenen Dattelbaum"), wahre Gefühle kennt er nicht. Die Alten sind schuld, "sie haben vergessen, ihn zu lieben." Was soll aus so einem werden.

Wondratscheks erstes, 1969 erschienenes Buch hieß "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde". Besser kann es im Verlaufe einer langen Schriftstellerkarriere auch gar nicht mehr werden - wenngleich der Buchtitel "Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre" auch nicht übel war. Und populärer als in den Siebzigern, als ein Rebell wie sein lyrisches Alter ego Chuck zum Vorbild antibürgerlicher Lebemänner wurde, war Wondratschek nie wieder. Am 14. August wird der Mann, der wegen seiner Leidenschaft für den Ring gerne auch griffig der "Box-Poet" genannt wird, 70 Jahre alt - sein Alterswerk läutete er vor zwei Jahren mit dem Vater-Sohn-Buch "Das Geschenk" ein.

Im Literaturbetrieb hat der Wahl-Wiener Wondratschek überzeugt die Haltung des ewigen Außenseiters kultiviert. Zuletzt gab es mit dem Literaturpreis einer gewissen Wilhelm-und-Christine-Hirschmann-Stiftung trotzdem erstmals seit mehr als 40 Jahren mal wieder eine Auszeichnung.

Sympathien für selbstbestimmte Frauen

In seinem "Short Cuts"-artigen neuen Buch rückt Wondratschek das Personal der einfachen Leute nebeneinander: den Friseur, den Boxer, die Prostituierte, den Kneipier, den Schaffner und den Standesbeamten. Seine Sympathie gehört den selbstbestimmten Frauen, die alleine an der Bar einen Drink nehmen und sich nicht dem nächstbesten Glücksjäger an den Hals werfen wollen. Die nämlich bleiben, "selbst wenn sie eine Frau im Arm halten, auf Distanz" - und sie haben bestenfalls "Fernweh nach Frauen". Wondratschek erzählt aber auch von Frauen, die unnahbar sind: Als wolle er die Programmierung seiner Männer-Figuren einfach aufs andere Geschlecht übertragen.

Plattes ("Gab es einen Ort auf der Welt, der keine Kampfzone war?") steht neben Glänzendem ("Man kann eine Gummizelle vergolden mit Musik"). Die Frau ist die Sexgöttin, die Männer blöd dastehen lässt: "Von der Herde anderer Männer gestresst, verstehen sie nicht mehr viel von der Welt. Alleingelassen, erstarren sie." Wondratscheks Spottbild der vom Leben geschlagenen Typen - einer schießt den Gynäkologen seiner Frau nieder wegen angeblicher "Verletzung der Intimsphäre" - geht am Ende über in eine warmherzige Beschreibung der Alten, die, wenn alle Kämpfe gekämpft sind, der guten alten Zeit hinterhertrauern. Da hatte man noch keine Wehwehchen und konnte überall qualmen.

Sieht man mal davon ab, dass Wondratschek seine Herrenrunde zu sehr im Kalauer-Modus sinnieren lässt, macht der Schluss doch Mut: Als alter Sack darf man entweder junge Frauen schwängern oder psychedelische Hosenträger anziehen.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: John Grishams "Das Komplott", Ulf Poschardts "911", Rutu Modans "Das Erbe", Jennifer Egans "Black Box", Ralph Bollmanns "Die Deutsche", DJ Stalingrads "Exodus" und Donald Ray Pollocks "Knockemstiff"

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Wondratschek
colognist 14.08.2013
gehört zu den Besten seiner Zunft. Freue mich auf das Buch.
2. Eine etwas merkwürdige Rezension
Ylex 14.08.2013
Zitat: „In den besten Momenten seines Romans schafft es Wondratschek, mit wenigen Sätzen die Härten kenntlich zu machen, die die virile Verdummung und derangierte Desillusionierung der Männer mit sich bringt.“ Mag sein... aber ob das Wondratscheks Absicht war? Diese kümmerliche Auffassung vom Mannsbild passt gar nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe. Leider habe ich den Roman noch nicht gelesen, ich erlaube mir aber Zweifel an der zitierten Deutung, sie ist mir irgendwie zu rollenhygienisch, zu sehr dem Zeitgeist zu gefällig. Wolf Wondratschek ist ein tückischer Schriftsteller, seine spätere Hinwendung zur Prosa war für mich immer verlängerte Lyrik, er ist eigentlich kein Romancier, er ist ein scharfer Beobachter, der Situation verpflichtet, auf die die nächste folgt, und die zusammen erzeugen Gefühle, so wie sie einem sonst von niemandem vermittelt werden können. Wenn schon „virile Verdummung“ im Alter, dann durchblickt sie Wondratschek jedenfalls genau – ich glaube nicht, dass ihn diese psychologisch-geriatrische Perspektive derart interessiert, dass er sie zu einem Romanthema gemacht hätte. Er hatte es immer sehr mit den Frauen, nicht nur als Sexgöttinnen, sondern ebenso als tragische Figuren ihrer Hingabe, und die Männer als tragische Figuren ihrer Gier nach den Frauen – Wondratschek sieht die Liebe düster, aber das zumindest geschlechtsübergreifend.
3. optional
herrschickhilfe! 15.08.2013
Thomas Andre, etwas weniger schlampig zu schreiben, waere dem Anlass angemessener und auch freundlicher gegenueber Herrn Wondratschek (und den Lesern): "wenngleich der Buchtitel "Carmen oder bin ich das Arschloch achtziger Jahre" - da fehlt ein "der", "das Arschloch der achtziger Jahre". Soll das ein Satz sein und falls ja, was soll das heissen?: "Dem - zumindest bis Clemens Meyer kam - letzten Bannerträger des Machismo in der deutschsprachigen Literatur". "trotzdem erstmals seit mehr als 40 Jahren mal wieder eine Auszeichnung." Also was jetzt? "Trotzdem erstmals" oder "mal wieder?" Beides geht schlecht. Schade, dass sich beim Spon keiner mehr Muehe gibt, anstaendiges Deutsch zu schreiben, nicht mal wenn es um deutsche Literaten geht.
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