Wondratschek-Ausstellung Ein Gedicht für knapp 10.000 Euro

Wolf Wondratschek sieht sich als Verkannter des Literaturbetriebs, sein jüngstes Manuskript hat er einem Privatmann verkauft. In Berlin werden nun weitere Unikate des Schriftstellers ausgestellt.

Von Tobias Lehmkuhl

Schriftsteller Wolf Wondratschek: "Selbstbild mit Ratte" präsentiert
Jim Rakete

Schriftsteller Wolf Wondratschek: "Selbstbild mit Ratte" präsentiert


"Selbstbild mit Ratte" heißt Wolf Wondratscheks jüngster Roman. Gelesen hat ihn allerdings nur eine einzige Person, ein vermögender Privatmann, der dem Autor für das Manuskript gezahlt hat, was kein Verlag zu zahlen bereit war. Niemand sonst wird "Selbstbild mit Ratte" je lesen können.

In Interviews aber erzählte Wondratschek von seinem neuen Werk, die Öffentlichkeit horchte auf. So kam es, dass in Berlin ein Mann, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, auf die Idee kam, eine ganze Ausstellung mit Wondratschek-Unikaten zu veranstalten.

Er besuchte den Autor in Wien, begeisterte auch den Fotografen Jim Rakete, einen alten Freund Wondratscheks, für das Projekt. Wondratschek wurde mit Texten wie "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" oder "Mara" berühmt, nun sind seine unbekannten Werke in einer kleinen Hinterhofwohnung im Berliner Stadtteil Schöneberg zu sehen: Die Ausstellung "Bin in einer Stunde zurück" zeigt Lyrik, Collagen und typographische Arbeiten. Zitieren darf man die Gedichte nicht: Sie sollen ganz und gar ihrem neuen Eigentümer gehören - für 9800 Euro das Stück. Ein stolzer Preis, eine Summe, die kaum ein Verlag für einen ganzen Gedichtband zu zahlen bereit wäre, sei der Autor auch noch so berühmt.

Dialoge und Rätselfragen

"Wir haben in sehr sanfter Weise über den Preis nachgedacht", sagte Wondratschek während der Vernissage am Samstagabend mit ebenfalls sehr sanfter Stimme, "und wir sind zu der Ansicht gelangt, dass die Gedichte so viel wert sind." Und wer wollte das abstreiten? Gerade, wenn sie einem alleine gehören? Wann kann man sich sonst schon für so wenig Geld wie ein Mäzen, ja wie ein König fühlen?

Was in der Kunst Gang und Gäbe ist, ist in der Literatur zumindest in Vergessenheit geraten: In der Renaissance und noch im Barock war es durchaus üblich, dass Dichter ihre Werke Fürsten oder ähnlichen Gönnern widmeten.

Fürsten waren nun auf der Schöneberger Vernissage nicht anwesend, aber doch der große Fotograf und frühere Musiker Jim Rakete, der erzählte, wie er Wondratschek kennenlernte: 1979, als seine damalige Band Texte von Wondratschek vertonen wollte. Allerdings scheiterte das Projekt an dessen Honorarvorstellungen.

Wondratschek wusste also schon immer, was er wert war - was er sich selbst wert war, zumindest. Vielleicht sollte man als Autor nicht so weit gehen wie Wondratschek in den achtziger Jahren, als er von seinem damaligen Verleger Daniel Keel eine Kiste Gold als Vorschuss für sein nächstes Werk forderte. Aber dass man sich als Schriftsteller nicht unter Wert verkaufen und ein gewisses ökonomisches Selbstbewusstsein an den Tag legen sollte, lässt sich doch von ihm lernen.

Und schließlich: Was sind das für Bilder und Texte an den drei Schöneberger Wänden? Neben den Gedichten sind es zumeist Dialoge zwischen Bildern und Texten, die Wondratschek da inszeniert: Der junge Truman Capote und der alte und darunter der Satz: "Heilige Scheiße, ich hab's doch gewusst." Ein Blatt Papier mit Tränenspuren: Wondratschek will es unter eine weinende Japanerin gehalten haben. Rätselfragen wie: "Wofür entscheidet sich ein Boxer, wenn er schlägt?"

Außerdem manch verschwommener weiblicher Akt. Fragt man eine der an diesem Abend anwesenden Damen, ob sie sich angesichts dieser Bilder nicht auch den ein oder anderen nackten Mann wünschen würde, lautet die Antwort: "Davon habe ich zu Hause wirklich mehr als genug." Nichts zu kritisieren also.



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insgesamt 6 Beiträge
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oil-peak-fan 21.02.2016
1. Eine wunderbare Idee,
um die überproportional weiblich besetzten Verlagslektorate und damit einhergehende Politische Korrektheit zu umgehen. Ich hoffe, das Buch hat auch einen exklusiven Einband, Goldschnitt und noch andere ansehnliche Details.
brooklyner 21.02.2016
2.
Herrlich, eine Kiste Gold als Vorschuss zu verlangen. Jefällt ma!!!
event.staller 21.02.2016
3. Wenn das Beispiel Schule macht.
Herzlichen Glückwunsch, Herr Wondratschek. Ihnen ist gelungen, was sonst nur toten Künstlern widerfährt: ordentliche Preise für das eigene Werk. Nur wenn - wie die für Millionen ersteigerten Gemälde - die Kunst in Safes verschwindet, geht das Publikum leer aus. So enden dann die Tage der Kunst "mit einer offenen Schußwunde."
Newspeak 21.02.2016
4. ...
Herrliche Zeiten. Es reicht nicht, daß es Menschen gibt, die ihren Reichtum vor allem der Ausbeutung ihrer Mitmenschen verdanken. Nein, jetzt müssen sie, wo alle anderen Spekulations- und Statusobjekte verbraucht sind, auch noch das stehlen, was dem Menschen als immaterieller Wert Spaß im Leben machen könnte. Martin Shkreli macht es vor, deutsche Millionäre machen es nach. Wenn ich kein Atheist wäre, würde ich für die Französische Revolution 2.0 beten.
Ossifriese 21.02.2016
5. Unwissen
Weiß nicht. Wenn man etwas zu sagen hat und schreibt es auf, so ist es wohl zuerst wichtig für einen selbst. Sollte man darüber hinaus meinen, es könnte auch für andere Bedeutung haben, veröffentlicht man es. Wondratschek hat offensichtlich etwas Neues erfunden: Er hat ein Buch geschrieben, das nur für ihn und einen Zweiten (siehe Titel) wichtig ist. Warum also sollte ich es lesen? Ist wohl unwichtig...
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