Wolfgang Herrndorfs "Tschick" und andere Jugendromane: Leck die Ente, Kumpel!

Jugendbücher für Erwachsene oder Erwachsenenbücher für Jugendliche? Wolfgang Herrndorfs "Tschick" und auch die Romane "Home Boy" und "Luke und Jon" erzählen vom Heranwachsen zwischen 11. September, Autoklau und Tod der Mutter - zum Teil in grotesk übersetztem Slang.

Jugendliche (in "Frühlings Erwachen"): "Von der harten Sorte, die Diggers" Zur Großansicht
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Jugendliche (in "Frühlings Erwachen"): "Von der harten Sorte, die Diggers"

"Nasen-Catering" bis der "Windfang" schwillt: Husain M. Naqvis "Home Boy"

Sex, Drogen und Selbsterfindung: Das sind die Hobbys von AC, Jimbo und Chuck. Das Literaturstudium haben die drei pakistanischstämmigen New Yorker beendet, Geld ist irgendwie da und das Jahrtausend noch jung. Ihre Abende verbringen sie in einer skandinavischen Bar in Lower Manhattan, zwischen Blondinen und Latinas, Homo- und Metrosexuellen und "Exilanten aller Povenienz aus der Nachbarschaft". Jimbo steht an den Plattenspielern und mischt portugiesische Lounge-Musik mit senegalesischem Pop, während AC wie die Karikatur eines schwarzen Zuhälters gekleidet über den Dancefloor flaniert und sich an Freestyle-Raps versucht. "Man konnte", sagt Chuck, der Erzähler von "Home Boy", der noch vor wenigen Jahren Shehzad Lala hieß und in Karatschi wohnte, "über zehn Jahre in Großbritannien leben und sich dabei kein Stück britisch fühlen, aber zehn Monate in New York machten dich schlankweg zum New Yorker." Denn: Hier musste sich niemand für seine Eigenarten rechtfertigen.

Bis zum 11. September 2001, als mit dem World Trade Center auch das liberale New Yorks zusammenbricht. Die selbstgestylte Identität ist auf einen Schlag nichts mehr wert, das Auftreten der drei Exzentriker mit der arabischen Anmutung nicht mehr Garant für Party, sondern Paranoia: Sie werden für Terroristen gehalten, erst von anderen Kneipenbesuchern, dann von der Polizei. "Plötzlich waren wir Japse, Juden, Nigger", sagt Chuck. Er muss sich entscheiden, ob das neue, misstrauische New York, dem die Farben und Grautöne verloren gegangen sind, noch seine Heimat ist.

Als der Autor Husain M. Naqvi mit der Arbeit an seinem Debütroman "Home Boy" begann, hatte er bereits an einer Hochschule Schriftstellerei unterrichtet und nachts vor angetrunkenem Publikum Poetry Slams bestritten. Sein Debütroman ist von beiden literarischen Welten geprägt: Einerseits wählt er mit den Terroranschlägen vom 11. September einen schwierigen Stoff und stellt grundsätzliche Fragen über Amerika. Andererseits erzählt er schnell, vielstimmig und übersprudelnd, voller Anspielungen und Pointen.

Leider gelingt es jedoch nicht immer, die Stimmung des Originals ins Deutsche zu übertragen. Insbesondere das erste Kapitel, in dem Naqvi ein Stimmungsbild des alten, wilden, multikulturellen New Yorks zeichnet, wird in der Übersetzung zur Geduldprobe: Koksen heißt hier "Nasen-Catering", danach schwillt der "Windfang", AC schimpft nicht, sondern "judiziert", und zwar: "Leck die Scheißente, Kumpel." Als wäre das ein Begriff, mit dem sich hippe Jungakademiker anreden, ist jedes zweite Wort "Digger" - ein Begriff, der hier auch im Plural verwendet wird: "Von der harten Sorte, die Diggers."

Neben derart penetranter oder schlicht falscher Jugendsprache irritiert der Hang zum Süddeutsch-Dialektalen, den die Übersetzerin den Figuren unterjubelt: Ein afro-amerikanischer Sommelier sagt "gelt?", die New Yorker Pakistanis zum Abschied "pfüät di". Das überspannt die Patchwork-Identitäten bis zum satirischen Verfremdungseffekt und trübt den Genuss dieses bemerkenswerten Romans, der mit Humor, Sensibilität und Empathie erzählt, wie das amerikanische Versprechen zum Kollateralschaden des War on Terror wird. Oskar Piegsa

Buchtipp

H.M. Naqvi:
Home Boy

Kiepenheuer & Witsch; 317 Seiten; 9,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Mit dem Lada ins Paralleluniversum der Pubertät: Wolfgang Herrndorfs "Tschick"

Das 20. Jahrhundert begann im Dezember 1894: Dem Monat der Veröffentlichung von Mark Twains "Huckleberry Finn". Jenem Roman, der sich nicht nur auf denkbar stärkste Weise von der Operettenliteratur seiner Zeit absetzte, sondern auch das Road Movie literarisch vorweg nahm - und damit eines der entscheidenden Genres des Pop.

Die Grundzüge der Geschichte, ein weißer Außenseiter und sein Freund, den seine Herkunft zum Außenseiter macht, sind zahllose Male variiert worden. Meist von Amerikanern, auch von Franzosen, so von Baru in seinem grandiosen Comic "Autoroute du soleil", fast nie aber von Deutschen. Weil man hierzulande beim ganz großen Aufbruch gleich an den Russlandfeldzug denkt?

Machen sich in "Autoroute du soleil" ein Nerd und ein maghrebinischer Einwanderer nach dem Vorbild von Huckleberry Finn davon, so sind es in Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" ein Nerd und ein Einwanderer aus Russland. Der Nerd, mal Psycho, mal schlicht Maik genannt, ist als der Loser seiner Klasse nicht mal zur Geburtstagsparty von Tatjana Cosic eingeladen - dabei findet er die, so Maik, "einfach insgesamt super". Der Russe, Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, ist neu in der Klasse, man weiß zu Beginn über ihn nicht viel mehr, als dass er ab und zu im Unterricht vom Stuhl kippt.

Dann kommen die Sommerferien und mit ihnen kommt die Hitze - auch das ein ganz klassisches Motiv. Anders als Ralf Rothmann, der in seinem wunderbaren Buch "Junges Licht" die Magie und die Langeweile eines Hochsommers aus der Sicht eines Heranwachsenden verdichtet, erzählt Wolfgang Herrndorf "Tschick" auf den Effekt hin und nicht auf die Atmosphäre. Das Buch ist rasant und kommt an kaum einem Gag vorbei. Er dürfte so nicht nur dem Geschmack von Vierzehnjährigen, sondern auch den vieler vierzigjähriger Feuilletonisten getroffen haben, die sich noch immer wie Vierzehnjährige fühlen - das legt zumindest die Vielzahl positiver Besprechungen nahe.

In den Anfangskapiteln erinnert der Tonfall der Ich-Erzählers Maik ein wenig an die deutsche Übersetzung von Goscinnys "Der kleine Nick", dann machen sich die beiden Jungs von Berlin-Marzahn aus mit einem geklauten Lada auf den Weg. Klar, dass die beiden Minderjährigen eigentlich nicht Auto fahren dürften - in die Walachei wollen sie trotzdem. Wo immer die auch sein mag. Sie ist nur das vage Ziel, das ein Road Movie braucht. Letztlich aber spielt der Roman nicht in Ostdeutschland, sondern in einem Paralleluniversum: Dem der Pubertät.

Und so ist "Tschick" nicht nur eine ziemlich konsequente Übertragung des klassischen Road Movie in die deutschsprachige Literatur, sondern auch ein Jugendbuch für Erwachsene - oder ein Erwachsenenbuch für Jugendliche. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Wolfgang Herrndorf:
Tschick

Rowohlt Verlag; 253 Seiten; 16,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Sanft, ohne Pathos: Robert Williams "Luke und Jon"

Luke ist dreizehn Jahre alt, als seine Mutter stirbt, die Bank nach mehreren Mahnungen das Elternhaus zurückfordert und sein Vater mit letzter Kraft den Umzug in ein altes Haus in der nordenglischen Provinz stemmt, bevor er sich ganz dem Whiskey überlässt. Es sind Sommerferien und Luke bleibt sich in der fremden Umgebung weitgehend selbst überlassen, als eines Morgens ein merkwürdiger Nachbarsjunge auftaucht: "Er trug Opaklamotten: braune Schuhe, eine graue Hose, einen dunkelgrünen Wollpullover", erzählt Jon. "Und eine verdammte Krawatte. Sein Seitenscheitel legte eine dünne weiße Linie frei, und jede einzelne Haarsträhne wirkte starr, wie festgeklebt." Auch der Junge in den Opaklamotten hat seine Mutter verloren und ist ein Fremder in der Schule der nahen Kleinstadt. Auch er braucht einen Freund.

Robert Williams hat mit seinem Debütroman "Luke und Jon" eine sanfte, pathosfreie Geschichte über das Klarkommen geschrieben. Perfekt war das Leben seiner Protagonisten nie - als Lukes Mutter noch lebte, litt sie unter einer bipolaren Störung, kam während depressiver Phasen tagelang nicht aus ihrem Zimmer und auch der Vater war damals schon ein überforderter Kunsthandwerker. Perfekt wird das Leben von Luke auch nie werden - nicht nur, weil die Lücke bleibt, die seine verstorbene Mutter hinterlassen hat. An der Schule können Luke und Jon sich nicht immer vor den Schikanen der Mitschülern beschützen, die Bösen werden nicht bestraft und in einigen Situationen ist weiter Kopfeinziehen gefragt. Es gibt Rätsel und Probleme die bleiben, doch Jon, Luke und sein Vater, Gerald Redridge, helfen sich und wachsen aneinander.

Abgesehen von beiläufigen Erwähnungen von Computerspielen und Globalisierung ist "Luke und Jon" in seiner Melancholie ein seltsam zeitloser Roman. Andere Bücher über das Erwachsenwerden erzählen schließlich immer wieder von Protagonisten, sie sich an gesellschaftlichen Verhältnissen reiben: Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen" ist mit seinen Erlebnissen fest in der amerikanischen Nachkriegszeit verankert, Mifti aus "Axolotl Roadkill" im zeitgenössischen Berlin. Robert Williams, in dessen "Luke und Jon", die Großmäuler nicht die Helden sind, geht es dagegen um innere Welten mehr als um die äußere. Und um Freundschaft, Verlust, Außenseitertum und widrige Umstände. Themen, die immer aktuell bleiben. Oskar Piegsa

Buchtipp

Robert Williams:
Luke und Jon

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.

Berliner Taschenbuch Verlag; 188 Seiten; 8,95 Euro.

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1. .
cc_zero 15.12.2010
Heutzutage sollte man sowieso nach Möglichkeit auf Originalsprache umsteigen (wenn man es nicht schon getan hat). Das gitl für Bücher genauso wie Filme oder Spiele. Übersetzungen scheinen zunehmend lieblos und billig.
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