Alaska-Abenteuer "Wolfsnächte" Wenn nur das Testosteron noch warm hält

Der Mensch ist des Menschen Wolf - das ist der Leitsatz für diesen Krimi, in dem ein Irak-Veteran in Wolfsmaske mordet. Autor William Giraldi entfaltet ein archaisches Drama in mythischer Eislandschaft.

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Winter in Alaska
Corbis

Winter in Alaska


Russell Core ist 60, sieht aus wie 70 und fühlt sich wie 80. Er findet keinen Halt mehr im Leben und keine Haltung zu einer Welt, die er zunehmend weniger versteht. Seine Frau ist nach einem Schlaganfall nicht mehr ansprechbar, seine Tochter hat er seit Jahren nicht gesehen. Die Welt, früher voller Verheißungen, voller Hoffnung, ist "auf ein Schlüsselloch zusammengeschrumpft".

Ein ausgebrannter Mann ist dieser Wolfsforscher, den der US-Schriftsteller William Giraldi in seinem zweiten Roman "Wolfsnächte" auf ein letztes Abenteuer schickt. Es wird eine blutige Reise durch eine unwirtliche und unwirkliche Welt. Einen Wolf soll Core, der ein Standardwerk über die Tiere geschrieben hat, töten, eine Rachemission im Auftrag einer jungen Frau, Medora Slone, deren Sohn angeblich von einem Rudel verschleppt und getötet wurde.

Autor William Giraldi
Katie Giraldi

Autor William Giraldi

Core weiß selbst nicht, warum er den Auftrag annimmt, warum er mitten im kältesten Winter nach Alaska reist, um einer Frau zu helfen, die er nicht kennt, bei einem Auftrag, an den er nicht einmal glaubt. Vielleicht will er sich ein letztes Mal etwas beweisen, vielleicht sucht er den Tod, war der Albtraum, in dem er von Wölfen zerrissen wurde, eigentlich eine Vision.

Die Natur des Bösen und das Böse in der Natur

Keelut heißt der Ort, an den es Core verschlägt, benannt nach einem bösen Geist, der sich als Hund oder Wolf tarnt, "ein Hüttendorf am Rande der Wildnis, das sich ihr widersetzte und sie gleichzeitig willkommen hieß". Die Menschen hier, in diesem "Land, in dem Wetter und Fleisch verschmolzen" sind von einer universellen Andersartigkeit, sie leben nach Regeln, die Core nicht versteht.

"Mr. Core, Sie sind hier nicht auf der Erde", sagt Medora Slone, kurz bevor sie verschwindet. Und Core entdeckt im Keller ihres verlassenen Hauses die Leiche des Jungen, stranguliert. Ein Fund, der den Schriftsteller endgültig aus der Bahn wirft. Während er in einem Motelzimmer im Fieberwahn deliriert, kehrt Medoras Ehemann aus dem Krieg zurück. Ein Jahr lang hat er gekämpft, unendlich weit weg von zu Hause, in der Wüste, wo es zwar 60 Grad wärmer ist als in Alaska, aber nicht weniger abweisend.

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Für Slones Erlebnisse im Irak findet Giraldi wenige, aber wirkmächtige Bilder, fiebrig-intensiv wie die Gemälde von Hieronymus Bosch: "Auf der Straße lag der verkohlte Oberkörper eines Mannes, ab der Hüfte durchtrennt, die Eingeweide von Fliegen belagert, ein Arm ausgestreckt, als versuchte er zur unteren Hälfte zurückzuschwimmen."

Slone macht sich auf die Suche nach seiner Frau, ob um sich für den Mord an ihrem Kind zu rächen oder sie vor dem Zugriff der Polizei zu schützen, lässt Giraldi lange offen. Slone geht mit einer solchen Kompromisslosigkeit und Brutalität zu Werke, dass er schon bald selbst zum Gejagten wird.

Aussicht auf Erlösung

Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf. Dieses Zitat, das der Philosoph Thomas Hobbes im 16. Jahrhundert mit seinem "Leviathan" unsterblich machte, nimmt Giraldi wörtlich. Er entwirft eine finstere Welt, in der der einzige Unterschied zwischen Mensch und Bestie darin besteht, dass Menschen aus Bösartigkeit töten und Tiere aus Notwendigkeit. Während Slone mit einer Wolfsmaske vor dem Gesicht jeden umbringt, der sich ihm in den Weg stellt, verzweifelt Core daran, dass er nicht mehr weiß, "was die Worte Tier und Mensch noch bedeuten, hier, wo diese beiden Welten sich derart aneinander rieben".

Mit "Wolfsnächte" ist William Giraldi ein hoch literarischer (und von Nicolai von Schweder-Schreiner ausgezeichnet übersetzter) Thriller gelungen, ein auf Eis gelegter Country Noir, der sich vor dem Hintergrund einer unbarmherzigen, mythischen Landschaft entspinnt, die zum eigentlichen Protagonisten der Geschichte wird, fast, als wäre sie selbst ein Lebewesen: "Die Kälte war etwas Lebendiges - mit eigenem Willen und einer Lunge", beobachtet Core, bevor er sich aufmacht zur finalen Konfrontation in der Eiswüste. Er wird um mehr kämpfen als ums nackte Überleben - für ihn geht es darum, einen Weg zurück ins Leben, zu sich selbst zu finden.

Intensiv, wuchtig und mit manchmal etwas zu viel Testosteron erzählt Giraldi sein archaisches Drama über die Natur des Bösen und das Böse in der Natur. Doch am Ende lässt er ein wenig Hoffnung aufkeimen, dass es trotz aller Sünden, derer sich seine Figuren schuldig machen, eine Aussicht auf Erlösung geben könne - und wenn sie nur darin liegt, dass man lernt, sein Leben als Erzählung zu begreifen und so einen Sinn zu finden in einer Welt, die kälter ist als der Tod.

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