Sowjet-Liebesgeschichte: Schmetterling und Kalaschnikow

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Deutsche Landser an der Ostfront: Starker Kontrast

Federleichte Romanze im Grauen des Zweiten Weltkriegs: In "Die Manon Lescaut von Turdej" beschreibt Wsewolod Petrow eine Liebe hinter der deutsch-sowjetischen Front. In der UdSSR ist die Novelle nie erschienen - und entwickelte sich gerade deshalb zu einem Mythos.

So stellt man sich einen gelungenen Abend der sowjetischen Inteligenzija vor: Konspiratives Treffen in einer Privatwohnung, Alkohol, der Geräuschpegel steigt. Irgendwann fordert im Übermut einer der Gäste: "Los, Wsewolod, hol den Text raus, Du musst vorlesen!" Und irgendwann zieht der Angesprochene tatsächlich einen Text hervor, der, wie sich das für unveröffentlichte Literatur gehört, in einer Schublade lag. Er beginnt zu lesen. Danach Applaus, anhaltende Begeisterung.

So ähnlich muss es zugegangen sein, wenn im damaligen Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, der Kunsthistoriker Wsewolod Petrow (1912-1978) aus seiner Novelle "Die Manon Lescaut von Turdej" vortrug. Petrow hat den Text immer wieder öffentlich vorgelesen - doch nie veröffentlicht. Ungeklärt ist, warum. Doch entwickelte sich die im Zweiten Weltkrieg spielende Liebesgeschichte zu einem Mythos unter denjenigen, die davon gehört hatten. 2006 erschien sie erstmals in einer russischen Literaturzeitschrift.

Nun hat Daniel Jurjew, Sohn des Schriftstellerpaars Oleg Jurjew und Olga Martynova,den Text ins Deutsche übertragen. Es ist eine makellose, klassische Geschichte. Zur Zeit ihrer Niederschrift, 1946, muss sie den Kulturbehörden Stalins als maximale Provokation erschienen sein.

Eskapistische Liebe

In einer Ära, die geprägt war vom sozialistischen Realismus, von Propagandaliteratur für den Arbeiter- und Bauernstaat, lässt Petrow einen Ich-Erzähler auftreten, den man sich in einem Salon mit Marcel Proust oder Joris-Karl Huysmans vorstellen könnte, kaum aber in einem sowjetischen Lazarettzug auf dem Weg an die Front des großen vaterländischen Krieges: Gebildet und sensibel, an psychosomatischen Erstickungsanfällen leidend, hat er gar nichts gemein mit dem Ideal des kraftvollen, proletarischen Kriegshelden. Und dann liest er auch noch Goethes "Werther" - auf Deutsch. Mitten im Krieg gegen die Deutschen.

Zwischen ihm und der Krankenschwester Vera entspannt sich eine zarte Liebesgeschichte. In Anspielung auf Abbé Prévosts literaturgeschichtlich bedeutsamen, Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen Roman "Manon Lescaut", in dem es um eine äußerst kapriziöse Hofdame geht, nennt auch der Erzähler das Mädchen Manon. Er ist verliebt in sie. Sie weiß nicht, ob sie ihn oder doch einen ganz anderen liebt.

Noch mehr als der feinnervige Erzähler muss diese Vera auf die sowjetischen Behörden wie eine Verhöhnung aller kommunistischen Ideale gewirkt haben: Wird doch anhand ihrer Person nicht der den gesellschaftlichen Fortschritt verkörpernde Sowjetmensch beschrieben, sondern eine ganze Dynastie von Frauen, die sich durchs Leben schlagen unter Einsatz ihrer Schönheit, getrieben von Sehnsucht nach Liebe und einem anderen Leben. Die Großmutter Varietésängerin, die Mutter Telefonfräulein, schließlich Vera. Frauen, wie es sie im Feudalismus geben mochte, auch im Kapitalismus - aber im Sozialismus? Ihr aller Leben ist geprägt von flüchtigen Romanzen mit viel versprechenden Männern, unehelichen Kindern, ihr Dasein ist prekär. Zur zupackenden Arbeiterin der Sowjetpropaganda verhalten sie sich wie der Schmetterling zur Kalaschnikow.

"Die Manon Lescaut von Turdej" ist eine dementsprechend federleichte Liebesgeschichte im Angesicht des bleischweren Grauen des Winterkrieges. Vieles bleibt in der Schwebe. Vom Krieg erzählt Petrow nur in Andeutungen. Die Belagerung seiner Heimatstadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht, die Millionen das Leben kostete, kommt nicht einmal im Rande vor. Gerade aus dem Kontrast zur Realität erzielt Petrow seine Wirkung und betont so den Eskapismus seiner Hauptfiguren. Auf unterschiedliche Weise versuchen sie beide dasselbe: Sich an der Liebe berauschend, vor der Welt zu fliehen. Und auf unterschiedlliche Weise scheitern sie beide.

Wsewolod Petrow erzählt diese zutiefst humane Geschichte in gut 30 kurzen Episoden. Klar, elegant und mit federleichtem Ernst, dass, wäre man selbst einmal auf einem seiner Leningrader Feste gewesen, nur eine Aufforderung in Frage gekommen wäre: "Los, Wsewolod, hol den Text raus, Du musst vorlesen!"

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Tony Judts "Nachdenken über das 20. Jahrhundert", Birk Meinhardts "Brüder und Schwestern", Tom Wolfes "Back To Blood" und Victor Serges "Der Fall Tulajew".

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