US-Autorin Gyasi über Sklaverei "Die Narbe wird an die nächste Generation weitergegeben"

In ihrem Roman "Heimkehren" beschreibt die Autorin Yaa Gyasi acht Generationen Sklavereigeschichte. Hier erzählt sie über Brandnarben, vererbten Schmerz - und was sie mit den Konföderierten-Statuen machen würde.

Autorin Gyasi
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Autorin Gyasi

Ein Interview von


Zur Person
  • Michael Lionstar
    Yaa Gyasi, Jahrgang 1989, ist in Ghana geboren und in den USA aufgewachsen, studierte Englische Literatur an der Stanford University. "Heimkehren" ist ihr Debüt. Sie wurde dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gyasi, Ihr Buch erschien auf Deutsch zufällig während der Debatte über die Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee in Charlottesville. Waren Sie überrascht, dass die Sklaverei aus Ihrem Roman plötzlich Nachrichtenthema war?

Gyasi: Das mag von Europa aus so wirken, aber das Thema ist ja nicht neu. Das hat sich alles abgezeichnet. Die Nachwirkungen der Sklaverei sind auch heute Teil unseres Alltags. Genauso wie Debatten über den Umgang mit der Flagge der Konföderation.

SPIEGEL ONLINE: Einer Ihrer Protagonisten, ein Geschichtslehrer, betont: Man müsse darauf achten, wessen Historie offiziell nicht erzählt werde, um zu wissen, wer Macht habe. Entschieden Sie deshalb, über acht Generationen zu erzählen, beginnend Ende des 18. Jahrhunderts in Ghana, bis zur Jetztzeit in den USA?

Gyasi: Ja, ich wollte zeigen, welchen Effekt diese Art von Geschichtsschreibung hat. Meine Figur Kojo sagt: "Erzähl' eine Lüge oft genug, dann wird sie wahr". Wenn uns die gleiche Geschichte immer wieder erzählt wird, fangen wir an, sie zu glauben - und vergessen, dass es eine Zeit gab, in der sie anders geschildert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Prominent am Anfang steht ein mehrdeutiges Gebäude: die Burg von Cape Coast, wo die britische Kolonialmacht herrschte. Wie kamen Sie auf den Ort?

Cape Coast Castle
Getty Images

Cape Coast Castle

Gyasi: Die Burg ist einer dieser typischen Sightseeing-Orte in Cape Coast. Bis ich aufgrund meines Schreibstipendiums 2009 zum Recherchieren zurück nach Ghana reiste, war ich nie dort gewesen. Ich wäre ehrlich gesagt auch nie hingegangen, wenn nicht ein Freund zu Besuch gekommen wäre - und wir dann halt ein paar Touri-Dinge abhakten. Ich bin wirklich froh darüber, denn auf dieser Burg-Führung erfuhr ich, dass einige der Generäle Ghanarinnen heirateten und oben gemeinsam lebten, während ihre Landsleute als Sklaven im Kerker saßen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso dieses allgemeine Desinteresse?

Gyasi: Zum einen, weil es eben einer dieser Orte ist, die nur Touristen besuchen, das gibt es ja in jeder Stadt. Zum anderen gilt die Burg als Ort der kolonialen Besatzer - und daher herrscht der Eindruck, man habe nichts mit diesem Teil der Historie zu tun. Meine Eltern wussten übrigens auch nichts darüber.

SPIEGEL ONLINE: Sie, selbst in Ghana geboren, haben mit Ihrem Roman auch Lücken in der eigenen Geschichte gefüllt?

Gyasi: Mit meinen Eltern habe ich während des Schreibens nicht über den Roman geredet - aber sie erzählten, dass sie in der Schule nichts über die Sklaverei oder die Geschichte der Burg gelernt haben. Und das, obwohl meine Mutter nur 70 Meilen entfernt aufgewachsen ist. Dass dahinter kein simples Gut-Böse-Schema steckt, sondern auch die einheimischen Stämme wie die Ashanti und die Fante, von denen meine Eltern abstammen, involviert waren in den Sklavenhandel, wird oft verdrängt. Auch deshalb habe ich meine Geschichte so verästelt.

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang steht ein Zwillingspaar - über die acht Generationen verwischen die Spuren ihres Ursprungs, ihrer Hautfarbe, ihrer Heimat. Wie schwer war es, jede Figur nach einem Kapitel zurückzulassen?

Gyasi: Ich habe mir viele multiperspektivische Romane angeschaut und beschlossen, es anders zu machen: Mir war wichtig, dass es diesen unaufhaltsamen Vorwärtsdrang gibt, einer Staffelstabübergabe gleich, wie im Leben auch. Ich habe mich extra gezwungen, jeder Figur nur 20 bis 30 Seiten zu geben, sonst hätte ich leicht 1000 Seiten beisammen gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre dann eher "Krieg und Frieden" geworden.

Gyasi: Absolut. Aber um die Charaktere nicht ganz zu verlieren, habe ich Details eingebaut, die die Generationen miteinander verbinden. Bei Effia etwa heißt es, sie sei aus Feuer geboren, wegen eines Unglücks bei ihrer Geburt. Und ihre Kinder und Kindeskinder sind von Feuererlebnissen geprägt, eine hat regelmäßig Alpträume, ein anderer hat Brandnarben.

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Yaa Gyasi:
Heimkehren

aus dem Amerikanischen von Anette Grube

DuMont Buchverlag, 416 Seiten; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: Die Traumata werden weitergereicht, auch wenn sie den Grund der "Wunde" nicht wissen?

Gyasi: Wir kennen das Gefühl doch alle: Wir wissen wenig über die Erlebnisse unserer Vorfahren - aber was sie geprägt hat, ihr Verhalten, ihre Geheimnisse, das schleicht sich in das Verhalten von Eltern ein, die das wiederum an ihre Kinder weiterreichen. In der Situation befinden sich die Figuren. Nur wir als Leser können die Spuren bis zurück zum Anfang nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Spuren zeigen Sie wörtlich - über die Haut: Viele Ihrer Protagonisten tragen Brandmale, Narben, dazu wird die Hautfarbe uneindeutig, sobald Essia mit dem britischen General James verheiratet wird. Warum haben Sie die unterdrückten und sichtbaren Spuren so verbunden?

Gyasi: Ich hatte gelesen, dass viele Sklaven gebrandmarkt wurden, sobald ihr Schiff in Amerika ankam. Dieses Mal repräsentierte ihre neue Identität und merzte die Vergangenheit aus. Mir war die Idee wichtig, dass die Narbe als eine Form neuer Identität auch an die nächste Generation weitergegeben werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch andere sichtbare Spuren des Vorgestern, wie die Konföderations-Statuen zeigen. Es gibt die Haltung, solche Verweise auf eine vergangene Zeit mitten im Alltag zu haben, als Mahnruf. Wie sehen Sie das?

Gyasi: Ich bin komplett anderer Meinung. Alle Monumente und Denkmäler, die an die Zeit der Sklaverei erinnern, sollten aus dem Alltagsleben entfernt werden, wo people of color, Nachkommen von Sklaven mit dieser Ideologie konfrontiert werden. Diese Statuen haben nichts auf einem College-Campus verloren, auf dem sich eigentlich alle Studierenden willkommen fühlen sollen, ebenso wenig wie die Konföderationsflagge an staatlichen Gebäuden. Sie zu lassen heißt, dass die Werte der Stadt die Werte von weißen Rassisten sind. Überlasst diese Zeichen Museen, Schulbüchern oder Gedenkstätten, wo alle verstehen, wofür diese Relikte stehen: Sie sind Geschichte.

insgesamt 22 Beiträge
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brathbrandt 29.09.2017
1. Sklaverei kann jeden treffen.
Für die Kinder der schwarzen Sklaven mag es gut sein, dies zu wissen: Europa (vor allem die Franken und die Byzantiner) hat 1000 Jahre lang (von ca 400 bis 1400 n. Chr.) in großen Mengen Sklaven in den Orient exportiert. Es waren vor allem die christlichen Sklavenhändler, die heidnische Menschen fingen und verkauften. Christen durfeten nämlich keine Christen versklaven. Die Byzantiner machten aus der Selbstbezeichnung "Slave" den neuen Handlsnamen "Sklave". Jagdgebiete waren das östliche Mitteleuropa, die Urkaine und das Baltikum. Bei uns die Gebiete der frühen Ostkolonisation. Der größte Sklavenmarkt Mitteleuropas war Prag. Über Regensburg wurden die armen Menschen über die Häfen Norditaliens verschifft. Gefangene junge Männer wurden nur kastriert verkauft und erzielten den Preis eines Pferdes. Gefangene junge Frauen waren wertvoller. Die letzten Europäer, die dieser Jagd durch Christen ausgesetzt waren, waren die letzten Heiden im Baltikum (ca 1400 n. Chr.). Es gab auch damals in der Kirche Gegenstimmen, etwa den großen Slavenapostel, den Heiligen Adalbert von Prag, der vehement gegen diesen Sklavenhandel war. Im Baltikum sowie im Orient ist dieses Kapitel der Geschichte nicht vergessen. Ergo: Es kann jeden erwischen, nicht nur Schwarze, vor allem wenn Religion bereit ist, Menschen zu erniedrigen.
Erythronium2 29.09.2017
2.
Die Forderungen der Dame könnten nicht ganz einfach zu erfüllen sein. Georgia und Mississippi haben unterschiedliche Konföderierten-Flaggen in ihre Staatsflaggen eingebaut. Die müssten da erst mal wieder herausgenommen werden. Die Beseitigung öffentlicher Denkmäler, die an die Zeit der Sklaverei erinnern, könnte man zudem auch so interpretieren, dass beispielsweise auch die Denkmäler für George Washington beseitigt werden sollten. Auf einer Banknote hätte der Mann dann sicher auch nichts mehr verloren. Denn auch Washington hat reichlich Sklaven gehalten und könnte jemanden an die Zeit der Sklaverei erinnern. Übel würde es für die (immerhin private) "Washington and Lee University", die dann wohl beide Namensgeber verlieren müsste. Schön wäre es, wenn mit ein klein wenig Augenmaß und manchmal auch einer Prise Humor vorgegangen würde. Möglicherweise wäre ja eine geistreiche Ergänzung bei manchen der Denkmäler genug, wie einst 1814 beim Kastorbrunnen in Koblenz geschehen, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Koblenz_im_Buga-Jahr_2011_-_Kastorbrunnen_01.jpg .
Haetschelhans 29.09.2017
3. @brathbadt
Ja, die Merowinger, Arnulfinger, Pippiniden usw. haben sich vor über 1.000 Jahren am Sklavenhandel beteiligt, ebenso die Römer und zuvor die bereis andere. Was aber hat das für uns heute zu bedeuten? Nichts. Schauen wir lieber auf die aktuelle Situation, z.B. in den arabischen Ländern oder in Mauretanien. Dort können wir heute etwas tun, statt unser Haupt in Sack und Asche zu hüllen für Taten von Stämmen, die vor Urzeiten in unserer Heimat gesiedelt haben - mit denen wir aber letztlich wenig gemein haben.
Un:sinn 29.09.2017
4. Europa Zarenreich Humankapital?
Um der Wahrheit eine Bahn zu brechen gehört zum Thema Sklaverei auch der Status der Kulaken usw im Reich des Zaren. Es gehört auch der rechtlose Stand der Stahlarbeiter Deutschlands (Europas Arbeiterklasse)unter den Stahlbaronen zum Thema Sklaverei. Nicht einmal heiraten konnten die Beschäftigten ohne Zustimmung des Patrons. Sklaverei ist nicht nur ein Thema das Menschen nichtweißer Hautfarbe betrifft.
Skepsis 30.09.2017
5. @brathbrandt: Sehr spannend
Zitat von brathbrandtFür die Kinder der schwarzen Sklaven mag es gut sein, dies zu wissen: Europa (vor allem die Franken und die Byzantiner) hat 1000 Jahre lang (von ca 400 bis 1400 n. Chr.) in großen Mengen Sklaven in den Orient exportiert. Es waren vor allem die christlichen Sklavenhändler, die heidnische Menschen fingen und verkauften. Christen durfeten nämlich keine Christen versklaven. Die Byzantiner machten aus der Selbstbezeichnung "Slave" den neuen Handlsnamen "Sklave". Jagdgebiete waren das östliche Mitteleuropa, die Urkaine und das Baltikum. Bei uns die Gebiete der frühen Ostkolonisation. Der größte Sklavenmarkt Mitteleuropas war Prag. Über Regensburg wurden die armen Menschen über die Häfen Norditaliens verschifft. Gefangene junge Männer wurden nur kastriert verkauft und erzielten den Preis eines Pferdes. Gefangene junge Frauen waren wertvoller. Die letzten Europäer, die dieser Jagd durch Christen ausgesetzt waren, waren die letzten Heiden im Baltikum (ca 1400 n. Chr.). Es gab auch damals in der Kirche Gegenstimmen, etwa den großen Slavenapostel, den Heiligen Adalbert von Prag, der vehement gegen diesen Sklavenhandel war. Im Baltikum sowie im Orient ist dieses Kapitel der Geschichte nicht vergessen. Ergo: Es kann jeden erwischen, nicht nur Schwarze, vor allem wenn Religion bereit ist, Menschen zu erniedrigen.
So detailliert habe ich das noch nirgendwo gelesen. Können Sie mir vielleicht Quellen zu Ihren Aussagen nennen? Danke!
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