Kurdischer Autor Yavuz Ekinci "Die schlechten Tage kriechen aus ihren Verstecken"

Im neuen Roman des Schriftstellers Yavuz Ekinci wartet ein kurdisches Dorf darauf, dass Fremde alles zerstören. Frage an den Autor: Märchen oder Gegenwartsdiagnose?

Altstadt von Mardin
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Ein Interview von


Zur Person
  • Muhsin Akgün
    Yavuz Ekinci, geboren 1979, ist ein kurdischer Schriftsteller. Er hat drei Kurzgeschichtenbände und vier Romane veröffentlicht und arbeitet nebenher als Lehrer. Er lebt in Istanbul.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ekinci, Sie waren gerade in Deutschland auf Lesereise. Konnten Sie sich auf Ihr Buch konzentrieren angesichts der aktuellen Ereignisse in der Türkei?

Ekinci: Natürlich habe ich weiter mit meinen Freunden über die Nachrichten diskutiert. Nur: Die Situation ist seit Jahren schlimm. Noch dazu haben wir es mit starker Informationsverschmutzung zu tun, Quellen lassen sich nicht verifizieren. Schon als Kind musste ich meinem Vater und Opa alles vom türkischen BBC-Radio ins Kurdische übersetzen, weil sie den türkischen Medien nicht vertrauten. Da schwer einzuschätzen ist, was aktuell los ist, kann ich das nicht kommentieren, ich bin kein Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Auch weil Sie Angst haben, es könnte Folgen haben?

Ekinci: Auf mich trifft das nicht zu. In den Neunzigern wurden Journalisten, die für kurdische Medien arbeiteten, sogar auf offener Straße erschossen. Damals wie heute sage ich, was ich für angemessen halte, ohne mich zurückzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Teil Ihres neuen Romans ist die Gründungssage eines fiktiven kurdischen Dorfs. In der Literatur dienen Märchen gerne dazu, Realität zu verklausulieren oder eine Geschichte zu verallgemeinern. Worum ging es Ihnen?

Ekinci: Nicht darum, etwas zu erzählen, was ich nicht offen hätte schreiben können. Ich wollte diesen Ort mit historischem Gehalt aufladen. Ein Ding, eine Stadt, ein Gebäude werden für uns bedeutsam aufgrund der Geschichten, die wir darüber erzählen. Ich merkte, dass mein Roman ein Märchen braucht, um zu zeigen, wie wichtig dieser Ort ist, der am Ende zerstört wird.

SPIEGEL ONLINE: Das Märchen taucht in der Romanhandlung als Wandteppich auf, der die Vorfahren Sara und Amar auf einem Pferd mit wehender Mähne zeigt. Wie wichtig sind solche identitätsstiftenden Mahnungen an eine bessere Vergangenheit in der kurdischen Literatur - angesichts der ständigen Bedrohung bis heute?

Ekinci: Balzac hat gesagt, dass Romane die Geschichte der Völker darstellen, und ich würde sagen, dass Märchen wie die Träume der Völker sind. Ich habe nichts Identitätsstiftendes für die Kurden geschrieben, sondern einen Text für Menschen. Ich erfand für mein Walnusstal eine Sage, die sich in der Welt der Dorfbewohner wiederfindet, in den Wandbehängen, den Namen, den Gewohnheiten. Das ist in Berlin auch nicht anders: Überall in den Straßen findet man Spuren von Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde Ihr Roman in der Türkei aufgenommen?

Ekinci: Er ist mein siebtes Buch. Alle sind recht positiv rezipiert worden. Zu diesem nun gab es viele Rezensionen, die ganz unterschiedliche Perspektiven aufgezeigt haben.

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SPIEGEL ONLINE: Nun ja, es ist ein Roman, in dem ein kurdisches Dorf auf Angreifer wartet, die alles anzünden, die Frauen vergewaltigen und die Bewohner umbringen werden. In einem Land, in dem ein deutsch-türkischer Journalist wie Deniz Yücel in einem Hochsicherheitsgefängnis in U-Haft sitzt, weil er in einem Text einen gängigen Witz wiedergibt, der die Situation zwischen Türken und Kurden illustriert, scheint Ihre Geschichte wie prädestiniert dafür, angegriffen zu werden.

Ekinci: Natürlich kann es sehr wohl passieren, dass jemand diesen Text als Beweismittel gegen mich verwendet. Aber das muss mir beim Schreiben egal sein. Behörden, die einen inkriminieren wollen, suchen sich ihre Indizien sowieso zusammen. Aber es gab in der Tat eine Rezension, in der ganz pikiert stand: Aha, es heißt, sie kommen, der meint doch bestimmt die Türken und unterstellt uns dies und jenes. Und ich sitze da und denke: Da ist jemand aufgrund eines Witzes in Untersuchungshaft, aber ich will doch einfach nur schreiben. Ich hoffe sehr, dass Deniz und alle inhaftierten Autoren möglichst schnell freikommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, Sie seien kein Politiker. Aber ist Ihr Schreiben als kurdischer Autor nicht automatisch politisch?

Ekinci: Das stimmt auf jeden Fall. Wie sehr die Politik alles durchdringt, was mit Kurdistan zu tun hat, zeigt ein Beispiel aus den Neunzigerjahren: Weil Rot-Gelb-Grün die kurdischen Nationalfarben sind, ersetzte man in den kurdischen Gebieten das Grün an den Ampeln durch Blau. Als Kurde in der Türkei ist Ihre ganze Existenz per se politisch. Auch wenn ich kein Autor wäre. Wenn ich schreibe, suche ich nach Fragestellungen an mich und die Menschheit. Ich fange an mit einem Gefühl und versuche, dem nachzueilen. Der fertige Text ist wie das Tagebuch der Reise auf den Spuren dieses Eindrucks.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen, kurdische Perspektiven sichtbar zu machen?

Ekinci: Ich will nichts produzieren, was von mir - in Klammern: als kurdischer Autor - erwartet wird. Aus guten Intentionen entstehen meist schlechte Texte. Ich glaube aber, ganz nach Ibn Chaldun, dem mittelalterlichen Gesellschaftswissenschaftler, dass Geografie Schicksal ist und das Leben eines Menschen geprägt wird von der Region, in der er lebt. Das versuche ich bewusst zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Die Repressalien gegen kurdische Medien und Autoren nehmen zu. Bemerken Sie das in Ihrem Verlag für kurdische Exilliteratur?

Ekinci: Natürlich stimmt es, dass die Meinungsfreiheit in der Türkei seit 2015 sehr leiden musste. Aber das Problem der Kurden ist schlimmer: Unser Recht auf Leben ist massiv bedroht. Ich erinnere mich, dass in den Neunzigern eines Tages eine Lokalzeitung in Batman, wo ich herkomme, mit der Schlagzeile aufmachte: "Heute kein politischer Mord in unserer Stadt". Das illustriert die Situation, mit der ich aufgewachsen bin, ganz gut. Deswegen: Es ist nicht neu, es beeinflusst weder mich noch meinen Verlag. Wir haben keine Angst und machen weiter.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Roman heißt es: "Die schlechten Tage krochen aus ihren Verstecken." Wie oft haben Sie selbst das Gefühl?

Ekinci: Ich glaube, sie kriechen derzeit wirklich hervor. Aber nicht nur für Kurden oder Türken, sondern für die ganze Menschheit. Wir erleben in den USA und an vielen anderen Orten der Welt einen massiven Anstieg an Rassismus und der Tendenz, Menschen als "anders" zu brandmarken. Das sorgt nicht für Frieden. Aber wenn wir sterben, sterben wir nicht als Türken oder Kurden oder Deutsche, wir sterben als Menschen.

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