Zadie Smith "Was als Schicksal verkauft wird, ist meistens Ideologie"

In ihren Büchern bettet sie Einzelschicksale ins politische Weltklima ein - ein Gespräch mit der Schriftstellerin Zadie Smith über den American Dream, Rassismus und Naturkatastrophen.

Zadie Smith
action press

Zadie Smith

Ein Interview von


    Zadie Smith, Jahrgang 1975, wuchs im Arbeiter-Stadtteil Willesden im Londoner Norden auf. Mit ihrem Debüt "Zähne Zeigen" wurde Smith schlagartig berühmt, der Roman gilt heute als Klassiker der Gegenwartsliteratur. Außerdem publizierte Smith unter anderem "Von der Schönheit" und "London NW". Heute lebt sie mit Ihrem Ehemann und zwei Kindern zwischen London und New York City. Seit 2010 ist sie Professorin an der New York University und lehrt Kreatives Schreiben. In ihrem aktuellen Roman "Swing Time" schreibt sie über zwei Freundinnen, die unterschiedlicher nicht sein können, und deren Liebe zu Tanz.

SPIEGEL ONLINE: Frau Smith, in Ihrem Buch "Swing Time" fragt sich die Erzählerin, ob andere verlieren müssen, damit die Privilegierten gewinnen können. Warum?

Zadie Smith: Weil mich die Beziehung zwischen der "Ersten" und der "Dritten Welt" interessiert. Damit ich und meine Kinder günstige Kleidung tragen können, müssen andere Kinder diese herstellen. Damit ich mein Leben komfortabel führen kann, müssen Menschen - vor allem in China, einige in Bangladesch - den Mist unter sklavenähnlichen Bedingungen herstellen. Für mich folgt aus diesem ungerechten Verhältnis ein Kampf um Rechte und Pflichten - auch wenn das derzeit nicht alle so sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Smith: Ein Beispiel: Die feministische Bewegung in Amerika zersplittert gerade an Fragen zu Transgender und Identität, hat aber überhaupt keinen Bezug mehr zu der Beziehung zwischen den Lebensbedingungen von Frauen aus der "Dritten Welt" und Frauen aus der "Ersten Welt". Das erschöpft mich. Ich habe das Gefühl, dass es eine Ablenkung von wichtigeren Fragen ist.

SPIEGEL ONLINE: Welchen?

Smith: Im Roman gibt es eine einzelne Frau, die mehr verdient als ein ganzes Land. Diese Dinge sind möglich geworden, und in den Augen vieler Menschen auch akzeptabel. Nichts davon sollte jedoch zutreffen. Für mich geht es um einen weltweiten Ausgleich. Die Reichen und die Armen wird es immer geben, aber die Lücke zwischen ihnen macht das Leben unerträglich - selbst für die Reichen.

SPIEGEL ONLINE: Worunter leiden denn die Reichen genau, sie scheinen doch alles zu haben?

Smith: Auch ihnen geht es zutiefst miserabel. Wir müssen erkennen, dass wir nie alles haben können. So ein Leben gibt es nicht. Deshalb müssen wir wieder Grenzen verstehen: persönliche Grenzen, menschliche Grenzen. Die Aktivistinnen und Aktivisten glauben, dass man alles sein kann, was man sein will, und das zu jedem Preis.

SPIEGEL ONLINE: Sich selbst die eigene Identität aussuchen zu können, scheint erst mal positiv. Was ist an diesem Gedanken schlecht?

Smith: Das Leben funktioniert einfach nicht so. Und wenn man das verstanden hat, kann es sehr befreiend sein. Wenn ich manchmal mit jungen Frauen spreche, fragen sie mich Dinge zu meinen Kindern, etwa, ob ich als Mutter nicht mehr so viele Bücher schreiben kann. Und natürlich heißt es das. Es gibt einen Austausch zwischen Qualitäten und Fakten. Das muss man akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt passiv.

Smith: … Menschen, die ihre Grenzen nicht kennen, erschrecken mich. Wir wachsen in einer Welt auf, in der uns die Gesellschaft suggeriert, dass wir alles sein können und alles haben können. Das ist ein gefährlicher Gedanke, der in meiner Generation sehr präsent war und jetzt zu einer dunklen Welt geführt hat.

ANZEIGE
Zadie Smith:
Swing Time

Kiepenheuer & Witsch; 640 Seiten; 24 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in New York. Der Gedanke dieser Grenzenlosigkeit spiegelt sich doch vor allem auch in der Idee des American Dream - vom Tellerwäscher zum Millionär.

Smith: Absolut. Aber auch in unserer Popkultur. In den vergangenen Jahren gibt eine Reihe von Filmen, in denen es um die Optimierung des Menschen geht - in den meisten von ihnen scheint Scarlett Johansson die Hauptrolle zu spielen: Man nimmt eine Pille und wird zum Supermenschen, oder man benutzt sein ganzes Gehirn und wird zum Supermenschen. Es geht immer darum, zum Supermenschen zu werden. Aber in der Zwischenzeit sind wir nur Menschen. Eingegrenzt, leicht durch Kugeln zu töten, leicht durch Krebs zu beschneiden.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen das so düster dar. Den eigenen Körper zu modifizieren, könnte doch für Menschen auch positive Effekte habe.

Smith: Das ist nicht Pessimismus, sondern Pragmatismus. Ich bin nicht gegen die Idee der Körpermodifikation, aber gegen die Idee, dass perfekte Glückseligkeit durch physische Veränderung erschaffen werden kann. Glück existiert für niemanden in dieser Form. Das ganze Leben ist geprägt von der Angst vor Enttäuschung. Diese Idee des Selbst, das idealerweise ungezwungen in sich selbst ruht, ist eine Illusion. Ich habe mich an keinem einzigen Tag in meinem Leben wohlgefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um diese Illusion als solche zu entlarven?

Smith: Als Erstes eine Kultur in Frage stellen, die glaubt, dass Zufriedenheit und Glück das absolute Ziel sei - und die im Übrigen eine neue Idee in der Geschichte der Menschheit ist.

SPIEGEL ONLINE: Schlagen Sie also einen nostalgischen Rückzug vor?

Smith: Nein, aber das Bestreben danach scheint ein Symptom des Horrors der Gegenwart sein. Ja, die Zeiten fühlen sich gerade auch erschreckend an. Aber es gab eine Zeit in England, wo Menschen jeden Samstag rausgingen, um sich auf einem Platz anzuschauen, wie ein Mann in zwei Teile gehackt wurde, seine Gedärme durch die Straße gezogen wurden, während Kinder dabei aßen und jubelten - das ist nur 400 Jahre her.

Zadie Smith
AP

Zadie Smith

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen es selbst: Die Welt scheint sich gerade nicht sicher anzufühlen, mit Trump, Putin, Assad, Erdogan an der der Macht.

Smith: Wir sind alle von diesen apokalyptischen Gedanken betroffen, auch zum Beispiel die Medien. Als der Hurrikan hier eintraf, titelte die "New York Times" mit dem Zitat eines Bürgers: "Es fühlt sich an, als ob Gott uns bestrafen würde"- in großen Lettern. Es ist einfach seltsam, diese antiken und atavistischen Gefühle in uns jederzeit zu spüren. Natürlich fühlt es sich an, als ob man verflucht sei. Aber viele Dinge werden derzeit entweder als Naturkatastrophe oder als gottgegeben präsentiert. Und alles, was einem als Schicksal verkauft wird, ist meistens Ideologie.

SPIEGEL ONLINE: In "Swing Times" thematisieren Sie auch strukturellen Rassismus. Ein Thema, bei dem rationale Lösungen schwierig zu finden sind.

Smith: Es ist gefährlich, zu suggerieren, dass es hier keine Verbesserung gibt. Ich kann mich als schwarze Frau selbst fragen: Wenn sich nichts verändert hätte, wäre ich gerne in den Zwanzigern auf die Welt gekommen? Nein! Ich wäre noch nicht mal gerne vor 1960 geboren worden. Fortschritt wurde gemacht und kann gemacht werden. Ich weiß das, weil ich nicht gelyncht werde, wählen kann und gewisse Menschenrechte besitze.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich wirklich so viel verbessert? People of Color sterben in den USA nach wie vor, zum Beispiel durch Polizeischüsse.

Smith: Natürlich, wir werden immer noch umgebracht. Und sieht man Fotos von Schwarzen, die vor der Polizei weglaufen, ist das, wie sich Geister anzuschauen. Weil wieder schwarze Männer vor weißen Männern weglaufen, so wie früher. Wie sich Geschichte immer und immer wiederholt, ist wahnsinnig traumatisch. Aber Verachtung für pragmatische Politik wie die von Obama ist für mich nicht hilfreich. Wie er glaube ich an den schrittweisen Fortschritt - so uncool das auch ist.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.