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Zaimoglu-Roman: Özdamar dementiert Plagiatsvorwurf

Von Arndt Breitfeld

Vorsichtiges Entschärfen: Seit einigen Tagen diskutieren die Medien zwei Bücher, die sich ähnlich sein sollen. Es hieß, die Autorin Özdamar habe dem Autor Zaimoglu vorgeworfen, er habe bei ihr abgeschrieben. Jetzt sagt sie, das habe sie nie behauptet.

Köln - Emine Sevgi Özdamar, die Autorin von "Karawanserei", habe dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu "zu keinem Zeitpunkt vorgeworfen, von ihr abgeschrieben zu haben" heißt es in einer Mitteilung des Verlages Kiepenheuer & Witsch, der die Bücher beider Autoren herausgebracht hat. Die Schriftstellerin habe lediglich "Verwandtschaften von Motiven und Bildern" wahrgenommen. Özdamar habe nie behauptet, dass der Erfolgsroman "Leyla" von Zaimoglu ein Plagiat sei - "trotz anders lautender Medienberichte" heißt es vom Verlag.

Autor Zaimoglu: Kleiner Satz mit Folgen

Autor Zaimoglu: Kleiner Satz mit Folgen

Tatsächlich hat sich in den vergangenen Wochen eine Geschichte in den Medien verselbstständigt, die den Beteiligten vor allem eins ist: unangenehm. Dem Verlag ist das Ganze peinlich, und Emine Sevgi Özdamar gibt keine Interviews. Doch der des Plagiats bezichtigte - inzwischen also nicht mehr bezichtigte - Autor Zaimoglu sagte noch gestern zu SPIEGEL ONLINE, sein Anwalt habe Özdamar "gebeten, ihre haltlosen Behauptungen zu widerrufen." Auch er geht folglich mit großer Selbstverständlichkeit von Plagiats-Vorwürfen aus. Getroffen oder miteinander geredet haben die beiden Schriftsteller offenbar bisher nicht.

Der Beschuldigte wird also gar nicht beschuldigt? Den Auftakt der Berichterstattung über die angeblich ähnlichen Bücher machte die "Frankfurter Rundschau" am 31. Mai. Vorsichtig hieß es da: "Ein Rumor geht um", nämlich, dass die anscheinenden Parallelen in den Büchern "die Möglichkeit nicht ausschließen, Özdamars Roman könnte, wenn auch untergründig und auf vielerlei verschlungenen Wegen, in Form von deutlichen thematischen Übereinstimmungen als Urbild für 'Leyla' gedient haben." Im selben Artikel bezieht auch der Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow, Stellung: "Die Irritationen, Zweifel und Fragen, die bei Emine Sevgi Özdamar in dieser Hinsicht aufgetreten sind, kann ich nachvollziehen und bedauere dies sehr."

Welche Fragen sind wohl bei Özdamar aufgetreten? Es liegt nahe zu vermuten, dass sie sich im Stillen gefragt hat, ob Zaimoglu bei ihr abgeschrieben hat – aber das ist eben nur eine nahe liegende Vermutung. Özdamar äußerte sich ja nicht offiziell.

Einen Tag später fand sich die Geschichte auch in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wieder, auch hier wird vorsichtig formuliert: "Das böse Wort spricht niemand aus, aber implizit lautet der Vorwurf, Zaimoglu habe in 'Leyla' wesentliche Elemente aus der 'Karawanserei' abgeschrieben."

Der Autor des Artikels, Volker Weidermann, hatte Glück: Er durfte Emine Sevgi Özdamar in ihrer Wohnung in Kreuzberg besuchen und beschrieb, wie sie sich mit den Ähnlichkeiten der Bücher auseinandersetzte: "Sie ist außerordentlich erregt, später wird sie sagen, ich dürfe aus unserem Gespräch am Abend nicht zitieren, aber man darf sicher soviel sagen: Emine Sevgi Özdamar ist tief erschüttert, sie fürchtet, ihre Lebensgeschichte sei ihr gestohlen worden."

Dieser kleine Satz wird es wohl sein, der in den vergangenen Wochen ein Eigenleben entwickelt hat. Dieser leicht dramatische Satz, in dem Weidermann einen eigenen, vorsichtigen Eindruck von dem gab, was sich ihm in einem mehrstündigen Gespräch mit Özdamar vermittelte. Zitieren durfte er ja nicht.

Ein "impliziter Vorwurf" und "die Furcht, die Lebensgeschichte sei gestohlen" waren demnach die vorsichtig formulierte Basis für Überschriften wie "Zaimoglu soll Leyla abgekupfert haben" ("Berliner Zeitung", 2. Juni) und Zaimoglus wütenden Äußerungen zum Thema. Der Schriftsteller nahm also immer Bezug auf Vorwürfe, die so nie offiziell gemacht wurden. Ob Özdamar ihm tatsächlich nicht vorwirft, kopiert zu haben oder kein Interesse an einem Rechtstreit hat – der Begriff "Plagiat" kann vor Gericht gefährlich werden – ist ungewiss. Özdamar schweigt weiter. Das ist vielleicht das Schlaueste, gerade wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass schon vorsichtig formulierte Andeutungen eines Journalisten zu heftigen Reaktionen führen können. Indirekt deutlich zu werden, bleibt den Medien überlassen: "Noch hat niemand das Wort Plagiat benutzt. Doch schwebt es böse glitzernd im Raum" ("Die Zeit", 8. Juni).

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