Zehn Wahrheiten von ... James Patterson "Hört auf, meine Leser wie Idioten zu behandeln"

Stirbt das gedruckte Buch? Können kleine Buchhandlungen überleben? James Patterson gibt Entwarnung: Man muss nur darauf achten, was die breite Lesermasse will. SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer sprach in West Palm Beach, Florida, mit dem erfolgreichsten Schriftsteller der Welt.

AP

Stirbt das Buch, ist der Buchmarkt noch zu retten?

1. "Wir denken die Dinge in unseren Gesellschaften nicht mehr zu Ende, so entstehen Lawinen, alles wird schlimmer, bis ganze Systeme nicht mehr zu retten sind. Das amerikanische Gesundheitssystem zählt dazu. Die Finanzwelt zählt dazu. Der Buchmarkt zählt nicht dazu. Er ist noch zu retten."

Verlage klagen, dass elektronische Bücher das Geschäft mit den Buchhandlungen, ihrem wichtigsten Kunden zerstören, dass die Leser zwar noch lesen, aber nicht mehr zahlen wollen. Was unterscheidet den Buchmarkt von den anderen Systemen?

2. "Leser wollen lesen, und sie sind nicht so jung und anarchistisch wie Musikliebhaber, der Buchmarkt ist konservativer und damit stabiler. Er hat Bestand, er verändert sich, Veränderungen machen den Leuten eine Scheißangst. Sie müssten sich nur darauf einlassen".

Wie?

3. "Zunächst müssten Lektoren und Verleger einen Schritt zurückgehen. Heute kaufen sie vor allem ein, aber wenn sie etwas sehen, das Arbeit bedeutet, erwerben sie das Manuskript lieber nicht. Als ich anfing, war die Arbeitshaltung besser, es wurde lektoriert, an Texten gefeilt, es gab weniger Diven."

Stirbt das gedruckte Buch?

4. "In der Zukunft wird es keine freien Buchläden und keine Büchereien mehr geben, es sei denn, sie werden pragmatisch und geben ihren Snobismus auf. Macht Veranstaltungen, und das Publikum wird Bücher kaufen! Vergesst Preisbindungen, es ist vorbei, da es keinen Sinn mehr macht - wenn ein Buch online 9,99 Dollar kostet und Barnes & Noble 30 Prozent Abschlag gibt, kann keiner überleben, der verlangt, was auf dem Rückdeckel steht. Hört auf, Patterson- und Grisham-Leser wie Idioten zu behandeln. Wenn ihr nicht alle Kunden liebt, wird es euch nicht lange geben."

Wie bereiten Sie sich auf die Zukunft des Schreibens vor?

5. "Man muss schnell sein, flexibel sein. Ich habe iPad und Kindle und ihre Möglichkeiten im Blick, ich habe keine Firma, kein Dach, Bleistifte und Manuskripte sind meine ganze Infrastruktur."

Acht Papierstapel liegen in James Pattersons Büro, acht unvollendete, längst verkaufte Bücher, sie entstehen gleichzeitig, mal wächst dies und mal das, je nachdem, welche Passage, welcher Gedanke in welches Buch passt. Einen 17-Bücher-Vertrag hat Patterson 2009 unterschrieben, 150 Millionen Dollar, 2013 wird er den Vertrag abgearbeitet haben, denn an 350 Tagen im Jahr schreibt er, und meist sitzt er an diesem runden Tisch, ein bisschen krumm der Rücken, und vor Patterson liegt ein einsames Blatt. So verfasst er Krimis, Kinderbücher, manchmal ein Sachbuch, Bestseller auf Bestseller. Patterson ist 63 Jahre alt. Er hat über 170 Millionen Bücher verkauft, seit 2005 hatte er in jedem Jahr mindestens fünf verschiedene Bücher auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times", über 20 seiner Werke waren Bestseller in Deutschland. Er verkauft mehr Bücher als Dan Brown, John Grisham und Stephen King zusammen.

Wie geht das: Wie kann ein Schriftsteller in Ihrem Tempo Bücher auf den Markt werfen?

6. "Millionen Stunden Übung. Ich schreibe unterwegs, im Flugzeug am liebsten, auch im Hotel, ich will gar nicht so viel erleben, es lenkt ab. Ich will mir Sachen vorstellen."

Sie schreiben vor allem Kriminalserien, hatten Sie nie höhere Ansprüche?

7. "Als ich 'Ulysses' las, wusste ich sofort, dass ich so etwas niemals würde schreiben können, warum also eines dieser unzähligen Bücher schreiben, die probieren, wie ,Ulysses' zu leuchten, aber nicht mal schimmern? Dann las ich Kriminalromane und wusste: Das kann ich. Und vielleicht sogar besser. Ich erzähle einem großen Publikum Geschichten, das ist die Aufgabe des kommerziellen Schriftstellers. Und ich mag den Gedanken, dass die Leute nach einem langen, harten Tag nach Hause kommen, und das ganze Leben ist hart, und sie setzen sich für eine Stunde hin und lesen, und am Ende schreiben sie mir, dass mein Buch sie gepackt hat."

Nach dem Literaturstudium ging James Patterson in die Werbung, er begriff, dass es ein Publikum gibt, das nichts von ihm weiß und nichts von ihm wissen will. Er stieg schnell auf bei J. Walter Thompson, leitete Teams, leitete die Firma, war ein Mad Man, einer dieser Kreativen von Madison Avenue, die sicher sind, dass sie verstanden haben, was das Volk wünscht.

Was wollen die Menschen?

8. "Emotionen. Wir alle wollen doch endlich einmal wieder etwas fühlen."

Sie haben den Ruf, von der Schrifttypo über das Titelbild bis zur Werbekampagne den gesamten Produktionsprozess Ihrer Werke zu kontrollieren. Erfolg lässt sich nicht mit Bequemlichkeit haben?

"Ich bin ein guter Zuhörer, aber ich möchte Einfluss haben, ich brauche die Kontrolle. Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-nein-Typ, ich hasse Vielleichts."

Er sagt: "Yeah or nay, never maybe."

Wie erschafft ein Schriftsteller einen richtig guten Massenmörder?

10. "Es hilft, wenn man sich Texte über das Mittelalter ansieht oder aus Kriegen, dann versteht man nämlich, wozu Menschen fähig sind. Alles ist möglich. Wenn du das wirklich begriffen hast, kannst du wunderbare Killer erschaffen."



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