Zehn Wahrheiten von ... John Irving "Ich bin gerannt und hab mir den Block gegriffen"

In John Irvings Romanen treten viele Bären auf und noch mehr Kinder und Eltern, die einander schützen oder suchen. SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer besuchte den Schriftsteller in Vermont und sprach mit ihm über seinen mysteriösen Vater, Furcht und die Bedeutung des letzten Satzes.


Sie beginnen angeblich stets mit dem letzten Satz, warum?

1. "Weil ich das Ende brauche, um anfangen zu können. Wenn du es kristallklar vor dir siehst, wenn du den Standpunkt und den Ton des Endes hast, dann geht es dir wie mit dem Refrain eines guten Songs: Du bewegst dich darauf zu, du weißt, dass der Refrain kommt, und dieses Wissen gibt dir Selbstvertrauen."

Verirren Sie sich sonst in den eigenen Geschichten?

2. "Ich muss wissen, wohin die Geschichte führt, sonst verheddert man sich, sonst schreibe ich ziellos. Das ist eine Methode, die aus einem Zufall entstand, schon beim ersten Buch. Zuerst kommt der letzte Satz, dann ein Bauplan, von hinten nach vorn: ein Handlungsablauf. Wer sind die Figuren, wo begegnen sie sich, wann begegnen sie sich wieder, leben sie, sterben sie, und falls sie sterben: wie sterben sie?"

Zwölf Romane hat Irving geschrieben, in ihnen treten viele Bären auf und noch mehr Kinder und Eltern, die einander schützen oder suchen. Irving trägt Turnschuhe, Shorts, ein rotes Adidas-Hemd, weil er am Abend zum Tennis verabredet ist. Er lebt in einem Holzhaus in den Bergen über Manchester/Vermont, gleich hinter dem Eingang hängt ein Plakat: "Ein wirklich großer Erzähler" steht da, auf Deutsch. Es gibt hier einen Pool, einen Tennisplatz, eine Sporthalle. Im Büro steht eine IBM-Schreibmaschine, mit ihr überarbeitet Irving seine Texte, die ersten Entwürfe schreibt er per Hand. In seinem neuen Roman schläft ein Koch mit seiner Küchenhilfe, einer Indianerin, und der Sohn des Kochs wird von den Geräuschen wach, er hält die Indianerin für einen Bären und schlägt sie tot. Koch und Sohn fliehen, sie fliehen für den Rest ihres Lebens. Der letzte Satz: "Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann - so musste sich sein Vater gefühlt haben, in den Nöten und Qualen seiner letzten Nacht in Twisted River."

Wie lange haben Sie das Buch mit sich herum getragen?

3. "Meine Frau sagt: länger als wir verheiratet sind, und das sind über 20 Jahre. Das Ende fehlte. Es gab immer den Koch und seinen Sohn und ein Holzfällerlager, die Gewalt und die Flucht. Ich wusste außerdem, dass der Sohn Schriftsteller werden würde und dass das Buch, das ich schreiben wollte, sich als das Buch herausstellt, das er schreibt. Klingt nach verdammt viel, um doch nicht anzufangen, nicht wahr? Ich hatte nicht den Hauch eines letzten Satzes. Daniel verliert alles, was ihm wichtig ist. Was hat er, um trotzdem glücklich zu sein? Ich konnte es nicht greifen. Aber dann fuhr ich Auto, und im Radio lief der Bob-Dylan-Song, von dem ich wusste, dass er das Motto von ,Twisted River' sein würde. ("Tangled up in Blue", Red.) Ich hörte zu, dachte an gar nichts, und plötzlich war es da: die Idee. Am Ende ist Daniel glücklich, weil er von vorn beginnt. Er schreibt seine Geschichte auf, und das macht ihn glücklich, endlich schreibt er ein neues Buch. Ich bin in die Praxis gerannt, habe mir den Rezeptblock gegriffen, und meine Ärztin sagte: ,Was machst du da?' ,Oh, das ist der letzte Satz meines nächsten Buches.' ,Der wird sich ändern.' ,Nein', sagte ich, ,der ändert sich nie.'"

Im Ernst: nie?

4. "Letzte Sätze sind Fundamente, die ändern sich nicht."

Warum kehren Sie immer zu bestimmten Themen zurück: der Angst vor Verlust; dem Verschwinden von Kindern oder Eltern; den Zufällen, mit denen das Leben eine andere Richtung nimmt?

5. "Weil ich fühlen muss, was meine Leser fühlen sollen. Furcht ist Unterhaltung, also will ich mich fürchten. Ich hatte das Glück, dass ich fast fünf Jahrzehnte lang mit mindestens einem meiner drei Söhne leben durfte: Ich wurde sehr jung erstmals Vater, und mein jüngster Sohn kommt im Herbst ins College. Ich konnte also meine Kinder beobachten, mich fanatisch um sie sorgen, und ihre Kindheit führte mich in meine eigene Kindheit zurück. Darum geht es doch: warum wir wurden, wie wir sind."

Was für ein Kind waren Sie?

6. "Ernst und einsam. Meine Mutter war arbeiten, wir wohnten bei meiner Großmutter, mein Großvater lag lange im Sterben. Niemand sagte ein Wort darüber, wer mein leiblicher Vater war. Meine Mutter heiratete wieder, als ich sechs Jahre alt war, und da adoptierte mich mein Stiefvater Colin Irving. Aus meinem Namen, bis dahin John Wallace Blunt Jr., wurde John Winslow Irving. Ich war glücklich über den Wechsel, ich dachte … entschuldigen Sie, ich versinke in Gedanken, gestern ist meine Mutter gestorben."

Stille. Was gibt es zu sagen? Irving sagt, er wolle das Gespräch nicht abbrechen, es sei in Ordnung; der Tod der Mutter, 91 Jahre, sei erwartet, die Familie vorbereitet gewesen. Er erzählt dann von seiner Mutter, die Souffleuse in einem Theater war, von seinen Stunden hinter der Bühne, wo er sich in Geschichten, die Struktur guter Dramen, Dialoge verliebte.

Warum haben Sie Ihren leiblichen Vater nie gesucht?

7. "Niemand in meiner Familie hatte mir gesagt, wer mein Vater war, bis ich 39 Jahre alt war und von meiner ersten Frau geschieden wurde. Da legte meine Mutter mir einen Stapel Briefe von ihm auf den Tisch. Er schrieb aus Krankenhäusern in Indien und China, er war im Zweiten Weltkrieg Pilot auf der Himalaja-Route und wurde im Juli 1943 über Burma abgeschossen. Er schrieb meiner Mutter, warum er nicht verheiratet bleiben konnte, und er bat, mich sehen zu dürfen. Sie hat ihm den Kontakt zu mir nie erlaubt. Da waren Fotos, er ist dünn und sieht gut aus, spielt mit mir im Garten, ich bin sechs Monate alt."

Sie wissen, worüber Sie schreiben, wenn es um Waisen geht.

8. "Ja. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht wissen wollte, wer er war, weil es mir ja gut ging mit meinem Stiefvater. Wenn dir als Kind gesagt wird, dieses Thema stehe nicht zur Diskussion, keine weiteren Fragen, dann akzeptierst du es und sagst: interessiert mich sowieso nicht. Weil alles andere dich verrückt machen würde. Aber natürlich hatte der fehlende Vater in Wahrheit einen immensen Einfluss auf mich, ich habe ihn ja in meinen Büchern immer wieder neu erfunden."

Dann schrieben Sie "Bis ich dich finde", über eine Suche nach dem Vater.

9. "Und als ich an dem Buch arbeitete, meldete sich Chris Blunt und sagte, er glaube, er könne mein Bruder sein. So erfuhr ich alles. Mein Vater hatte viermal geheiratet, ich hatte vier Stiefgeschwister, von denen ich nichts wusste. 1996 ist er gestorben, fünf Jahre bevor Chris sich meldete. Es könnte sogar sein, dass mein Vater mich ringen sah: Er war in Exeter, im Winter 1961, als ich Mannschaftskapitän war, was sonst kann er dort gewollt haben? Hat er je erfahren, dass ich John Irving, der Schriftsteller, bin? Niemand weiß es."

Herr Irving, was hat das Ringen Ihnen beigebracht?

10. "Konzentration. Den Tunnelblick, das Ausblenden alles Unwichtigen. Wie nennt man es auf Deutsch? Ein Pferd mit Scheuklopfen?

Scheuklappen!

Irving lacht und sagt dann:

"Durch das Ringen lernt man den Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Selbstgerechtigkeit. Du musst bestmöglich vorbereitet sein, wach sein, wissen, was du kannst, aber du darfst nicht denken, dass du unbesiegbar bist - sonst verlierst du sogar gegen den Kerl, den du zehnmal geschlagen hast."



insgesamt 2 Beiträge
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Tottiso 21.05.2010
1. Laßt die Bären los!
MR. Irving, Sie und ihre großartigen Geschichten machen einfach Spaß. Vielen Dank!
tylerdurdenvolland 22.05.2010
2. ...
John Irving "WAR" in der Tat mal einer der ganz grossen amerikanischen Schriftsteller. Leider hat er sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem recht fundamentalistischen Christen entwickelt, was vieles in seinen Büchern für denkende Menschen ungeniessbar macht. Sein letztes grosses Buch war wohl "Son of the Circus". Leser die Indien und Bombay kennen wissen, dass dieses Buch neben Rushdies "Midnight Children" das beste Buch über das tatsächlich existierende Indien ist, das je geschrieben wurde. Den wirklich Grossen der gegenwärtigen US Literatur, wie Philip Roth, John Updike oder Cormac McCarthy kann er aber das Wasser bei weitem nicht reichen...
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