Zeitgeist "Medienrummel für Trottel"

Der britische Bestseller-Autor Martin Amis, 55, über Paparazzi-Fotos, Pornografie und die unaufhaltsame Demokratisierung des Starbusiness


SPIEGEL Kultur:

Herr Amis, in Ihrem neuen Roman "Yellow Dog" gerät eine fiktive englische Prinzessin in die Fänge von Porno-Industrie und Klatschpresse. Eine versteckte Kamera filmt die 15-Jährige beim Baden und beim Sex mit der Geliebten ihres Vaters. Ist das literarische Übertreibung oder ein realistisches Szenario?

Martin Amis: Paparazzi folgen dem Prinzip Porno. Wer vor die Linse kommt, wird zum Objekt herabgewürdigt wie in den Produktionen der Sex-Industrie. Paparazzi setzen mitunter sogar Leben aufs Spiel, um irgendwelche Berühmtheiten abzulichten am besten in Unterwäsche. Es geht dabei nicht unbedingt direkt um Sex, sondern mehr um die Befriedigung einer vulgären Schaulust. Wie bei einem Pornofilm.

SPIEGEL Kultur: Nach der Klage von Prinzessin Caroline von Monaco hat der Europäische Gerichtshof solche Fotos aus dem Privatleben von Prominenten nun verboten. Der Verband der deutschen Zeitungsverleger und rund 60 Chefredakteure sehen die Pressefreiheit in Gefahr. Teilen Sie diese Ansicht?

Martin Amis: Es ist natürlich möglich, dass einige Leute dieses Gesetz ausnutzen, um irgendwelche Vergehen zu verbergen. Trotzdem halte ich das für ein vollkommen lächerliches Argument. Zeitungen, die Paparazzi engagieren, geht es schließlich nicht um Aufklärung, sondern darum, den plumpen Voyeurismus ihrer Leser zu bedienen. Ich sehe nicht ein, warum das als eine Form von Pressefreiheit geschützt werden soll.

SPIEGEL Kultur: Sie sind einer der wenigen Autoren, die sich hin und wieder in den Schlagzeilen der Yellow Press wiederfinden. Etwa, als Sie sich in New York die Zähne für 40000 Dollar haben richten lassen, oder 1995, als Sie sich von Ihrer ersten Frau scheiden ließen.

Martin Amis: Bei meiner Scheidung sind Paparazzi ums Haus geschlichen, haben vor der Wohnungstür darauf gelauert, dass ich mich zeige. Es war schrecklich. Ich habe das als ungeheure Einschränkung meiner Freiheit empfunden nun weiß ich, wie es Leuten geht, die ständig im Visier der Klatschreporter sind.

SPIEGEL Kultur: Hat die britische Boulevardpresse tatsächlich weniger Skrupel als entsprechende Blätter in anderen Ländern?

Martin Amis: Gegen das, was in Großbritannien veröffentlicht wird, wirkt das amerikanische Boulevardblatt "New York Post" wie die intellektuelle "New York Review of Books". Das ist auf einem niedrigeren Niveau als alles andere. Die wohl grauenhafteste Zeitung ist die "Daily Sport", die auch in "Yellow Dog" vorkommt. Dort heißt sie "The Morning Lark"...

SPIEGEL Kultur: ... der "allmorgendliche Schwachsinn".

Martin Amis: Das Blatt besteht im Wesentlichen aus Softporno-Bildchen. Es ist typisch für die Kultur, die sich in England breit gemacht hat: Zerstreuung und Oberflächlichkeit, mit einer ungezügelten Leidenschaft für alles Triviale.

SPIEGEL Kultur: Ihr Roman "Yellow Dog" vermittelt den Eindruck, dass mit Großbritannien gleich die gesamte westliche Zivilisation vor die Hunde geht. Drei Mächte scheinen alles in der Hand zu haben: Gangster, Klatschzeitungen und Pornoproduzenten.

Martin Amis: Richtig, die Welt steht Kopf. Die moralischen Werte haben sich fast völlig in ihr Gegenteil verkehrt. Darum geht es in meinem Roman. Das Gangstermotiv ist dabei noch ganz traditionell. Was neu ist und wirklich erschreckend, ist der Vormarsch der Pornografie in den Mainstream. Ich hätte nie gedacht, dass Pornos einmal so akzeptiert sein würden wie Masturbation. Wir haben es mit einer umfassenden Obszönisierung des Alltagslebens zu tun, sei es die Modemarke "FCUK", ein Anagramm von Fuck, oder der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney, der den Senator von Vermont mit den Worten "Go, fuck yourself!" abkanzelt fick dich doch selbst.

SPIEGEL Kultur: Eine Figur in "Yellow Dog" stellt lakonisch fest, man könne beinahe glauben, auf einer Insel zu leben, die von 60 Millionen Superstars bewohnt werde. Sind wir alle süchtig danach, berühmt zu sein?

Martin Amis: Der Ruhm hat sich derart demokratisiert, dass Unbekanntheit schon fast als Mangel empfunden wird als eine Art sozialer Verwahrlosung. Ein interessantes neurotisches Phänomen. Und ein sehr widersprüchliches: Einerseits wollen alle dazugehören und mit der Herde trotten. Andererseits will jeder irrsinnig einzigartig sein. Das macht überhaupt keinen Sinn. Aber so ist eben die Kultur, in der wir leben.

SPIEGEL Kultur: Hat sich das Starbusiness so weit ausgedehnt, dass es vor dem Kollaps steht?

Martin Amis: Vielleicht. In jedem Fall hat sich eine neue Form von Prominenz entwickelt: eine Prominenz ohne jedes Talent zu irgendetwas. Ich weiß gar nicht, was da eigentlich vor sich geht: diese sonderbaren Events, wenn etwa der "Big Brother"-Gewinner feierlich in die Sphäre des Startums aufsteigt. Das ist ein Medienrummel, inszeniert für Trottel, die zuschauen, wie ein anderer Trottel berühmt wird.

SPIEGEL Kultur: Das klingt ganz schön elitär.

Martin Amis: Ja, das bin ich auch. In dem Sinne, dass ich auf Talent und Können bestehe.

SPIEGEL Kultur: Manche Leute nehmen Ihnen das ziemlich übel.

Martin Amis: Ich weiß. Die Demokratisierung der Starbranche erstreckt sich auch auf die Kunst. Heute ist es verpönt, sich als Künstler von der Masse abzuheben. Die Leser wollen nicht, dass jemand von oben herab zu ihnen spricht. Aber das ist das Ende der Kunst. Sie war immer etwas, das Orientierung gibt und aufklärt. Das ist nur von einem erhöhten Standpunkt aus möglich.

SPIEGEL Kultur: Warum brauchen Menschen überhaupt Stars und Promis?

Martin Amis: Sie wollen sich identifizieren. Es ist ungefähr das, was passiert, wenn jemand "Madame Bovary" von Flaubert liest. Er identifiziert sich mit der Hauptfigur, spiegelt sich darin, leidet mit. Stars sind Fiktionen wie Madame Bovary davon abgesehen, dass die wenigsten so spannend sind.

SPIEGEL Kultur: Warum sehen es viele dann so gern, wenn die Boulevardpresse Stars niederschreibt und ihre privaten Verfehlungen und Makel genüsslich ausstellt?

Martin Amis: Das ist eine logische Konsequenz, auch wenn es zunächst widersprüchlich klingt. Die Leute himmeln Prominente an, verehren sie. Das Problem: Sie wollen auch so sein. Aber in dem Moment, in dem du jemand anderes sein willst und es nicht kannst, willst du den anderen zerstören, um dein eigenes Ich wieder zum Vorschein zu bringen.

SPIEGEL Kultur: Die "New York Times" hat einmal geschrieben, Sie träten auf wie ein Rockstar. Sind Sie das: ein Rockstar?

Martin Amis: Gehen Sie mal auf ein Rockkonzert, dann sehen Sie den Unterschied: Wenn ich irgendwo lese, begrüßen mich keine hunderttausend kreischenden Fans. Irgendwer hat mich mal den Mick Jagger der Literatur genannt. Niemandem würde einfallen, Mick Jagger als den Martin Amis des Rock zu beschreiben. Das sind doch bloß von Journalisten erfundene Klischees.

SPIEGEL Kultur: Auch die bürgerliche Presse berichtet gern über den "Bad Boy" der englischen Literatur, der großmäulig auftritt, der geldgierig und arrogant ist.

Martin Amis: Es ist eben einfacher, sich mit einer Person auseinander zu setzen als mit einem Werk. Genau dasselbe geschieht in der Politik. Auch das hat mit einer fragwürdigen Demokratisierung zu tun: Jeder glaubt zu allem eine Meinung haben zu können. Wenn man nur über die Person urteilt, benötigt man kein Wissen mehr, man braucht nicht mehr nachzudenken, sondern es zählt nur das Bauchgefühl. Letztlich wird alles nur noch auf dem Niveau von "Würdest du mit dem ein Bier trinken gehen?" verhandelt. Das ist in gewisser Weise obszön und schamlos.

SPIEGEL Kultur: Mittlerweile sind Sie so berühmt wie Ihr Vater, der Schriftsteller Kingsley Amis auch wenn Sie noch nicht wie er den Booker Prize erhalten haben. Hat Sie der Ruhm verändert?

Martin Amis: Nein. Natürlich muss ich irgendwie mit dem Bild leben, das von mir in der Presse entworfen wird. Aber man darf so etwas dann nicht an sich heranlassen. Es darf die Seele nicht berühren.

SPIEGEL Kultur: Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Martin Amis: Jedenfalls nicht den Literaturstar Martin Amis. In meinem Alter blickt man auch nicht so oft in den Spiegel. Man weiß gar nicht mehr so recht, wie man eigentlich aussieht und es interessiert einen auch nicht mehr.

INTERVIEW: CHRISTIAN STAAS

© SPIEGEL Kultur 1/2004
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