Zeitgeschichte Kommunismus mit Rebhühnern und Wachteln

Es ist eine Großreportage über eine Bande wild gewordener Kleinbürger, die die Republik vor sich her trieb: Die Journalistin Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof, hat ein Buch über ihre Eltern und die "Akte Konkret" vorgestellt. Anwesend waren Veteranen der Bewegung - nur der Kronzeuge fehlte.

Von Henryk M. Broder


Hamburg - Wem Gott ein Päckchen auf den Weg mitgeben will, den lässt er als Kind von Promi-Eltern auf die Welt kommen. Und dann ist es egal, ob es Kinder aus bürgerlichen oder progressiven Familien sind, ob sie "Mann" oder "Dutschke" heißen, der Schatten der Eltern ist ein lebenslanger Begleiter. "Ich will nicht als Tochter gesehen werden", sagt Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl, dennoch ist "Ulrike" auch für sie immer präsent. "Ich bin jetzt drei Jahre älter, als meine Mutter war, als sie gestorben ist."

Bettina Röhl, 1962 geboren, hat einen Tatsachenroman über ihre Eltern geschrieben. Es ist ein Buch über die fünfziger und sechziger Jahre in der Bundesrepublik, ein Buch über den Versuch, den Kommunismus von oben zu etablieren - zeitgleich mit dem VW-Käfer, dem Nierentisch und dem Hula-Hoop-Reifen. Und es ist eine Art von linker Familienchronik. Der Verleger, Axel Rütters, nennt es ein "Aha-Buch, aha, der ist auch dabei gewesen."

Viele werden die Lektüre mit einem Blick ins Personenregister anfangen, in dem man die gesamte linke Schickeria jener Zeit findet: von Abendroth, Wolfgang, bis Zwerenz, Gerhard. Auch im Parkett des Hamburger Kammertheaters, dem Ort der "offiziellen Buchpräsentation", sitzen ein paar Veteranen der Bewegung, die von Bettina Röhl persönlich begrüßt werden: Peggy Parnass, die Schriftstellerin, und Kurt Groenewold, der Anwalt von Ulrike Meinhof. Groenewold hat Meinhof in Stammheim verteidigt, er hat sie auch privat als Anwalt beraten und ihr bei der Scheidung von Klaus Rainer Röhl geholfen.

Was und wer damals wichtig war

Jetzt steht er auf der Bühne, in einem dunklen Zweireiher, und versucht, in zwanzig Minuten eine "Einführung" zu geben - wer "damals wichtig war" (Augstein, Raddatz, Duve, Rühmkorf) und was "damals wichtig war" (Kennedy, der Krieg in Algerien, der Auschwitz-Prozess in Frankfurt, der Eichmann-Prozess in Jerusalem). Er erzählt von einer Berliner WG, die Anlaufstelle für alle Linken der Republik war, ("Joan Baez und Feltrinelli kamen auch mal zu Besuch"), er erinnert an den Tod von Benno Ohnesorg und verliert sich in Details: Wie Ulrike ein hohes Honorar von "konkret" haben wollte und wie sie mal an einer Demo teilnahm und wegen Landfriedensbruch festgenommen wurde.

Das alles ist Geschichte, und wer jünger als sechzig ist, dem kommt sie wie eine Seifenoper aus den Flegeljahren der Bonner Republik mit tragikomischen Einlagen vor. Allein, dass Ulrike Meinhof von ihren Bewunderern mit Rosa Luxemburg verglichen wurde, zeugt von der Verwirrung, die für die Linke eine Anleitung zum Handeln war.

Schon der Anfang war symptomatisch. Klaus Rainer Röhl, der spätere Ehemann von Ulrike Meinhof, gründete zusammen mit Peter Rühmkorf in Hamburg eine Studentenbühne namens "Die Pestbeule". Um dem Projekt das nötige historische Gewicht zu geben, gaben sie ihm den Untertitel: "Die KZ-Anwärter des 4. Reiches".

Das war Ende der vierziger Jahre, der Krieg war gerade erst vorbei, aber in der Vorstellungswelt der jungen "Antifaschisten" stand die nächste Diktatur schon vor der Tür. Und um die zu verhindern, ging man einen Pakt mit dem Teufel ein. Die damals noch legale KPD bot an, eine von Röhl geplante Zeitschrift zu finanzieren. So entstand der "Studentenkurier", die spätere "konkret". Das Geld kam aus Ostberlin, von der SED, eingefädelt und überwacht wurde das Ganze von einem "Sekretär für Massenarbeit" der westdeutschen KPD, der sich später damit rühmte, dass auch die "Ostermarschbewegung komplett von mir inszeniert wurde".

Liebe zum Proletariat und Begeisterung für Maßanzüge

Klaus Rainer Röhl, sagt seine Tochter Bettina, "wollte nicht so genau wissen, woher das Geld kam, er schwebte zwischen Wissen und Nichtwissen". Ab und zu wurde er nach Ostberlin bestellt, wo er sich mit den Agenten der SED in den Ruinen des ausgebombten Hotels Adlon traf. Was ihm viel Spaß machte und zu neuen Taten motivierte.

Weil die DDR-Leute über alles penibel Buch führten, wurde eine Akte angelegt, die nach dem Ende der DDR ins Bundesarchiv kam, wo sie von der Röhl-Tochter bei einer Recherche entdeckt wurde.

Die Lektüre dauerte Jahre. Dann hat sie in nur drei Monaten das Buch zur Akte geschrieben, eine "Großreportage". Wer wissen will, wie die fortschrittliche Linke der Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren funktionierte, womit sie sich beschäftigte, wie sie die Liebe zum Proletariat mit der Begeisterung für Maßanzüge verband, wie sie ferngesteuert wurde und sich willig fernsteuern ließ, wie sie Wasserdampf produzierte, mit dem sie die Turbinen der Revolution antreiben wollte, der kommt um dieses Buch nicht herum.

Bettina Röhl lässt die Dokumente sprechen, die sie mit ironischem Gestus kommentiert. Ihr Buch liest sich wie ein Hörspiel mit vielen Originaltönen. Einige Szenen sind so komisch, dass man bedauert, nicht dabei gewesen zu sein. Zum Beispiel als die Röhls im Oktober 1967 ihr neues Haus in Blankenese bezogen und eine große Party gaben, zu der sie ganz Hamburg eingeladen hatten.

"Sie schafften es immer wieder, zu provozieren!"

Röhl spielte Maître de cuisine und bediente die Gäste mit Rebhühnern und Wachteln, der Sekt floss in Strömen, im Keller war ein Schießstand aufgebaut und im Erdgeschoss gab es einen Spielsalon mit einem Roulettetisch. Ja, so machte der Kommunismus Spaß! Am Ende verließ Röhl die Party mit seiner Geliebten, während seine Frau gramgeplagt in dem neuen Haus zurück blieb.

Eine Frage, die Bettina Röhl nicht behandelt, lautet: Wie konnte es passieren, dass eine Bande wild gewordener Kleinbürger es geschafft hat, die ganze Republik vor sich her zu treiben? "Ich weiß es nicht, vielleicht lag es daran, dass sie Avantgarde sein wollten, immer allen voraus, sie wollten provozieren und sie schafften es auch, immer wieder." Sie selbst empfindet es als "Glück, eine so spannende Geschichte in der Familie zu haben".

Ihr Vater, Klaus Rainer Röhl, mit dem sie lange keinen Kontakt hatte, war dagegen "dem Herzinfarkt nahe", als das Buch herauskam und musste "vor Aufregung ins Krankenhaus eingeliefert werden". Er rief seine Tochter von der Intensivstation aus an und klagte: "Hier ist es wie in Abu Ghureib." Es war der Beweis, dass ihm nichts fehlte.

Und warum ist Bettina Röhls wichtigster Zeuge nicht zu der Vorstellung des Buches seiner Tochter gekommen? "Er ist nach Griechenland gefahren, auf irgendeine Insel, weit weg von allem."

Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spass! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret, EVA, Hamburg 2006, ca. 600 Seiten, 29,80 Euro



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