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Science-Fiction-Vater Gernsback: Der Ur-Nerd

Von , Karlsruhe

Er erfand Space-Helden mit Strahlenpistole und Fernseher zum Selberbauen: Hugo Gernsback war ein wahrer Visionär. Eine Schau in Karlsruhe würdigt nun den hierzulande fast unbekannten Verleger, Erfinder und "Vater der Science Fiction". Ein amüsanter Trip an die Grenzen des Denkbaren.

Wenn Peter Weibel, Vorstand des ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, vor den abgegriffenen Originalen von Zeitschriften wie "Modern Electrics", "Electrical Experimenter", "All about Television" oder "Amazing Stories" steht, bewegt ihn das sehr - wortwörtlich. "Sehen Sie", sagt er und gestikuliert dabei hektisch, "hier, da hat er die zukünftige Entwicklung wirklich vorweggenommen. Ungeheuer, nicht wahr?"

Er, das ist Hugo Gernsback, 1884 als Hugo Gernsbacher geboren, 1904 in die USA emigriert, wo er schon 1908 sein erstes Magazin veröffentlichte: ein Schrauberblatt, würde man heute sagen. Ein bisschen Eigenwerbung für die Elektronikteile, die Gernsback selbst in die USA importierte, ein wenig Do-it-yourself- und Fachzeitschrift. Und ab 1911 erstmals und dann immer öfter: auch eine Plattform für teils verblüffend weitsichtige Ideen, die Gernsback in Artikeln und literarischer Form verbreiten ließ.

Elektroteile-Händler, Medienunternehmer, Visionär, Autor und Erfinder - der seltsame Mix hat Hugo Gernsback wie den Schriftstellern Jules Verne und H.G. Wells, die das Genre mitbegründeten, den Beinamen "Vater der Science Fiction" eingebracht. Den Hugo, den wohl wichtigsten Preis, der an Werke der Phantastik vergeben wird, hat man nach Gernsback benannt. Hierzulande ist der Erfinder trotzdem weitgehend unbekannt.

Sonderschau "Die Gernsback-Prophezeiung"

Was weder ZKM-Chef Weibel noch sein Freund Franz Pichler gut finden und darum ändern wollen. Vom 20. Juli bis zum 27. Oktober zeigt das Karlsruher Museum ihre gemeinsam kuratierte Ausstellung "Die Gernsback-Prophezeiung", eine Sonderschau zu Leben und Leistungen des gebürtigen Luxemburgers. Pichler und Weibel haben einige technische Apparate zusammengetragen, frühe Radios und Empfänger, Kopfhörer aus Gernsbacks Besitz. Sie rekonstruierten seinen Büro-Arbeitsplatz, vor allem aber zeigen sie Gernsbacks zahlreiche Magazine.

Als Ausstellungsfläche dient eine Wand, die Gernsbacks verlegerisches Werk quasi in zwei Hälften trennt. Auf der vorderen, älteren finden sich die technischen Magazine. Gernsback begann mit harter Science, in die zunächst nur langsam softe Fiction einfloss. Alles war da noch Verheißung auf Dinge, die in wenigen Jahrzehnten wirklich machbar schienen.

Auf der Hinterseite der Wand hängen Gernsbacks Science-Fiction-Magazine. Lernen konnte man aus denen dann nichts Konkretes mehr: Die Gewichtung von Science und Fiction hatte sich umgekehrt, Machbarkeit war kein Kriterium mehr. Es ging nun nicht mehr um das Abenteuer Forschung, sondern um das Abenteuer des Traums. Technologie wurde zur dafür notwendigen Kulisse - Gernsbacks Magazine wie "Amazing Stories" (1926) prägten den SciFi-Pulp entscheidend mit.

In gewisser Hinsicht war auch das visionär. Exotische Monstren und Aliens bedrohten nun schutzbedürftige Frauen, der rettende Held nahte mit der Strahlenpistole in der Hand - vorweggenommene Klischees der Fünfziger-Jahre-SciFi. Wer heute diese Titelbilder sieht, erkennt darin Vorlagen der Kinoplakate der SciFi-B-Movies, die 30 Jahre später entstehen sollten - man kann sich vorstellen, was Regisseure wie Jack Arnold in ihrer Jugend gelesen haben mögen.

Ins Schwärmen gerät Weibel aber eher über den Visionär der ersten zwei Jahrzehnte, der oft erfolgreich versuchte, die technische Entwicklung vorauszuahnen. Technik traf da auf Kultur, das eine wurde als treibendes Element des anderen begriffen. Auch die Vision war nicht Unterhaltungsvehikel, sondern konstruktive Phantasie, eine Mehrung der denkbaren Möglichkeiten des Menschen.

Dass Gernsback auch ein Schlitzohr war, der nebenbei in einer heute undenkbaren Vermischung von Redaktion und Marketing Anleitungen zum Bau eines Radios gab, dessen Teile man bei ihm bestellen konnte, um den wiederum von ihm selbst betriebenen Sender damit zu empfangen, verzeiht man in nostalgischer Rückschau leicht. Reich wurde Gernsback damit ohnehin nicht.

Lohnt sich das?

Vielleicht kam es ihm darauf auch nicht wirklich an, vielleicht war er schlicht ein Too-Early-Adopter, ein Zufrühkommer. Seinen Radiosender WRNY rüstete er zu einem der ersten TV-Sender der Welt auf, Jahre, bevor das realistischerweise Gewinn versprach: Als er 1928 den Sendebetrieb aufnahm, hatte der TV-Bildschirm noch 48 Zeilen und etwa 6,5 Zentimeter Durchmesser. Muss man erwähnen, dass man damals aus Gernsbacks Magazinen auch lernen konnte, wie man so einen Früh-Fernseher baut?

Die Schau macht klar, dass die Verquickung der so verschiedenen Unternehmungen letztlich eine Mischkalkulation zwischen dem Gewünschten und dem Nötigen widerspiegelten. Am Ende folgte Gernsback dem Druck des Marktes: "Das alles hier", sagt Peter Weibel und zeigt auf spätere Pulp-Magazine, "ist nur noch Eskapismus."

Der Traum vom möglicherweise Machbaren war vom bloßen Traum abgelöst worden. "Da sehen Sie schon all das vorweggenommen, was man später im Blockbuster-Kino gezeigt bekam", sagt Weibel. Ihn, den Theoretiker und Künstler, für den Medien auch andere Wirkungen haben dürfen - und wohl auch sollen - als bloße Unterhaltung, spricht das weniger an.

Viele Besucher der Ausstellung dürften das anders sehen. Sie bekommen eine kleine, aber amüsante Werkschau eines Mannes zu sehen, der sich diese Würdigung verdient hat. Sie ist eine von derzeit zwölf im ZKM zu sehenden Ausstellungen und fügt sich mühelos in eines der spannendsten Museumsprojekte des Landes ein: In dem Reigen aus Videokunst und Skulptur, digital inspirierter Malerei, Installation und Pulp-Magazinen geht es letztlich immer um die Grenzen des Denkbaren.


ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe

Ausstellung "Die Gernsback-Prophezeiung": 20. Juli 2013 - 27. Oktober 2013

Im Überblick: die laufenden Ausstellungen des ZKM

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Vater von Science Fiction?
Peter Boots 20.07.2013
Lucian of Samosata (125 - 180) hatte eine Reise zum Mond zum und Venus, obwohl die eigentlich die damalige Zeit wiedespigelten. Dann gab es die Mutter von SF, Mary Shelley, mit Frankenstein (1818), und The Last Man (1826) der das Ende des 21. Jahrhunderts beschreibt. Jules Vernes' Paris in the Twentieth Century (1863) beschreibt Paris in 1960. Plus andere Autoren im 19. Jahrhundert. 1911, also 23 Jahre nach War of the Worlds, ist dann doch etwas spaet fuer einen 'Vater der SF.'
2. Eskapismus
hgri 21.07.2013
... der weiter bzw. in die Zukunft denkt. Es spielt dabei keine Rolle, ob dies im positiven oder negativen Sinne passiert. In wieweit mag dies z. B. für einem Jule Verne, Isaac Asimov H. G. Wells, Philip K. Dick zutreffend (gewesen) sein? Ohne eine gewisse Entrücktheit trotz naturwissenschaftlichem Hintergrundwissen kann man keine phantastischen Geschichten entwickeln.
3.
razer 22.07.2013
Zitat von sysopTime & Life/ Alfred EisenstaedtEr erfand Space-Helden mit Strahlenpistole und Fernseher zum Selberbauen: Hugo Gernsback war ein wahrer Visionär. Eine Schau in Karlsruhe würdigt nun den hierzulande fast unbekannten Verleger, Erfinder und "Vater der Science Fiction". Ein amüsanter Trip an die Grenzen des Denkbaren. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/zkm-karlsruhe-zeigt-sonderschau-zu-hugo-gernsback-a-910376.html
Hier noch einen kleine Anekdote zu diesem bemerkenswerten Visionär. Im Computerspiel Mass Effect 2, kommt eine "gestrandetes" Raumschiff Namens "Hugo Gernsback" vor. Aus dieser Strandung entwickelt sich eine gute Nebengeschichte/Quest. Hier ein Link für alle die es interessiert: Suchergebnisse für 'Hugo Gernsback' - Mass Effect Wiki (http://de.masseffect.wikia.com/wiki/index.php?search=hugo+gernsback&fulltext=Search)
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