Zombie-Comics aus Deutschland Die Bösewichte sind Reichsbürger

"Walking Dead" made in Germany, Teil 4: "Zombie-Terror", die unterhaltsam-eigenwillige Mischung aus Untotenparodie und Liebeserklärung ans Gruselgenre - mit brandaktuellen Anspielungen.

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Wieder mal Zombies. Wir erinnern uns, die These war: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall, bzw. etwas Besseres als " The Walking Dead", Robert Kirkmans dröge TV- und Comic-Endlosschleife. In drei Folgen haben wir bereits Besseres gefunden, deutsche Qualitätsprodukte, und auch in Folge vier wird man nicht enttäuscht, obwohl - diesmal ist es komplizierter.

Wir sind im Trash-Bereich, die Serie heißt dementsprechend plakativ "Zombie-Terror". Soeben ist Band 6 erschienen, mit dem sehr schönen Untertitel "Kaiser Dennis dreht durch!" Sie möchten jetzt wahrscheinlich wissen, wer Kaiser Dennis ist, und als ordentlicher Journalist beantworte ich lieber einfach mal was anderes: Nämlich, was es mit dem verantwortlichen Verlag Weißblech-Comics aus Schönwalde auf sich hat.

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Levin Kurio:
Zombie Terror 6

Kaiser Dennis dreht durch!

Weissblech Comics; 36 Seiten; 4,90 Euro.

Der hat erst vor Kurzem mit der Neuauflage der "Kranken Comics" Verdienste erworben, aber das eigentliche Kerngeschäft des Hauses sind Eigenproduktionen, im wahrsten Sinne des Wortes. Gezeichnet und entwickelt werden sie zu circa 85 Prozent von Levin Kurio, dem Verleger. Sie heißen "Horror-Schocker", "Captain Berlin", "Kala, die Urweltamazone" oder auch "Welten des Schreckens".

Der Schriftzug wabert mit Buchstaben aus Wellenlinien, trieft blutig, die Cover zieren Totenköpfe oder Maden in Augenhöhlen, und es wimmelt von Schlagzeilen wie "Gefangen in einer Welt der Untoten!" oder "52 Seiten untote Schrecken!" Das klingt nach alten Comics der Siebzigern, wie "Gespenster Geschichten", wie "Buffalo Bill jagt die Todesbande!", und es klingt nach Titeln vom Bahnhofskino. Das soll es auch, denn Kurio mag den Begriff "Trash" nicht, er bevorzugt "B-Movies".

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Zombiecomics: Levin Kurios Comic-B-Movies

Das hat seine Berechtigung: Denn wohlwollender Spott über die Albernheiten der Comics seiner Jugend ist nur ein Teil von Kurios Zutaten. Mindestens genauso wichtig ist offenbar immer auch die Sehnsucht des 41-Jährigen nach der Faszination von früher - und damit das Wissen, dass der Mist von einst auch Qualitäten gehabt haben muss.

Jene Qualitäten finden sich inzwischen auch in seinem eigenen Werk. Seit über 25 Jahren betreut Kurio all diese Reihen selbst, liefert regelmäßig und zuverlässig neues Material, auch notgedrungen, weil der Bahnhofsbuchhandel eben ständig neue Sachen fordert. Bei diesem Ausstoß ist es beinahe zwangsläufig, dass ihm auch Ideen kommen, die zu schade fürs Verulken sind. Bei den Zombies ist das am auffälligsten.

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Levin Kurio:
Zombie Terror 5

Weissblech Comics; 36 Seiten; 4,90 Euro.

Anders als bei den anderen Serien erzählen sie keine einzelnen Episoden, sondern eine fortlaufende Geschichte. Von der Parodie ist eigentlich nur noch die Covergestaltung übrig, und dass Kurio mit lesbarer Freude eine Gruppe von Reichsbürgern als brandaktuelle Bösewichte einbaut. Ansonsten finden sich jedoch immer öfter Elemente, die handwerklich gut gemacht sind.

Wenn beispielsweise ein Abenteuer nicht stur Heil mit dem Hauptdarsteller beginnt, sondern mit einer futtersuchenden Ratte. Dass der verwitterte Held der Geschichte nicht die üblichen Komparsen einsammelt, sondern eine hilflose, weil blinde Blondine (bei der Kurio auch auf die sonst gern absurd prallen Brüste verzichtet).

Für die vernachlässigte Parodie-Abteilung hat Kurio dann lieber eine neue Serie aus dem Boden gestampft: "Zombieman", den "Rächer der lebenden Toten", der mit einem "Z" auf der Brust einen Sheriff verprügelt, der dem "Walking Dead"-Helden Rick Grimes verdächtig ähnlich sieht.

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Levin Kurio:
Zombieman 1

Der Rächer der lebenden Toten

Weissblech Comics; 36 Seiten; 4,90 Euro.

Das Ergebnis ist eine mittlerweile erstaunlich routiniert und professionell arbeitende Wundertüte: Sicher, manche Idee ist banal, aber nicht banaler als in den Comics von einst. Dafür ist manches ganz schön gewitzt, und mit den Zeichnungen ist es nicht anders. Kurio ist kein Jahrhunderttalent, aber ein fleißiger Arbeiter und ehrgeiziger Verbesserer. Das Ungelenke, das an frühe Marvel-Hefte erinnert und für die Parodie gut geeignet war, ist ständig auf dem Rückzug. Mittlerweile haben manche Panels beinahe schon was Robert-Crumb-haftes, einige Seiten, wie etwa das verregnete zweite Kapitel von "Zombieman", geraten fast schon zu perfekt.

Da wird's dann allmählich kompliziert: Je besser Kurio wird, desto mehr gerät er mit dem romantisch-nostalgischen Billigcharme ins Gehege, der ja das ganze Projekt so einzigartig macht. Gerade, wenn man die alten "Gespenster Geschichten" aufschlägt, findet man ja hinter dem aufwendigen Cover oft einen Zeichenstil, der gruseliger ist als die eigentliche Geschichte - zu gut darf man also nicht werden. Wie Kurio den Widerspruch löst, verspricht mindestens so viel Spannung wie die Zombiestories selbst. Seltsam? Aber so steht es geschrieben.



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ulrics 15.12.2018
1. Zombies
Zombies sind ein Symbol für Fanatismus. Das fehlende Gehirn spiegelt sich sehr schön wieder in den 'Braindeads' die sich als Terroristen darstellen. Indoktrination macht Gehirntot, tötet das unabhängige Denken. Deshalb passen Zombies so gut.
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