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Tier-Philosoph Will Kymlicka: "Auch Ratten haben ein Recht auf Leben"

Ein Interview von Lukas Ondreka

"Zoopolis"-Autor Will Kymlicka: Staatsbürger mit Pelz, Fell und Flügeln Fotos
Corbis

Sind Hunde auch Staatsbürger? Haben Nagetiere einen Anspruch auf Aufenthalt? Gilt das Völkerrecht für Raubkatzen? In seinem neuen Buch "Zoopolis" entwirft der Philosoph Will Kymlicka eine politische Theorie für das Zusammenleben mit Tieren - und stellt radikale Forderungen auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kymlicka, in Ihrem Buch "Zoopolis" entwerfen Sie eine politische Gemeinschaft von Mensch und Tier. Wieso sollten wir Tieren politische Rechte zugestehen?

Kymlicka: Die politische Philosophie hat Politik traditionell ausschließlich über Sprache definiert. Aber das ist zu eng, auch im menschlichen Fall - denken Sie an Menschen mit geistiger Behinderung oder Kinder. Wir behaupten deshalb, dass Bürgerschaft mehr mit Mitgliedschaft als mit Sprache zu tun hat. Wenn wir das anerkennen, ist es einfacher, Tiere in die Gemeinschaft einzuschließen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es bei Staatsbürgerschaft nicht auch um Verantwortung für das Gemeinwesen? Das können Tiere doch nicht leisten.

Kymlicka: Das ist so nicht richtig. Bürger sein bedeutet, in Teilen, gemeinsamen Normen zu folgen. In diesem Sinne handeln Tiere sehr wohl verantwortungsbewusst. Haustiere zum Beispiel gewöhnen wir daran, höflich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Tieren Pflichten für das Gemeinwohl zu übertragen, ist doch zutiefst anthropozentrisch. Besteht nicht die Gefahr, dass wir Tiere manipulieren, Dinge zu tun, die dann doch nur unseren Interessen dienen? Macht ein Blindenhund seine Arbeit gern, oder wird er dazu gezwungen?

Kymlicka: Dieses Problem haben wir auch unter Menschen. Wir ermuntern unsere Kinder, bestimmte Dinge zu tun, auch wenn es auf den ersten Metern der Anreize bedarf, um sie bei der Stange zu halten. Diese Art von weichem Paternalismus ist auch im Fall des Blindenhundes legitim. Natürlich müssen ab einem gewissen Punkt Beweise her, dass der Hund Lust an der Sache hat und nicht auf Bestechungen reagiert oder aus Angst vor Sanktionen handelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Bürgerrechte für domestizierte Tiere eigentlich konkret aus? Das Wahlrecht kann es ja schlecht sein.

Kymlicka: Diese Rechte sind eher eine Frage der Repräsentation. Einige Länder haben bereits Ombudsmänner für Tiere eingeführt. Meist sind sie aber an Gesetze gebunden, die Tiere als Eigentum definieren. Eine Zoopolis könnte deshalb nur funktionieren, wenn alle Gesetzgeber den Schutz von Tieren ernst nehmen. Wir sollten aber nicht ausschließlich auf die nationale Ebene schauen. Im Kontext der Stadtplanung ließe sich auch schon viel erreichen.

SPIEGEL ONLINE: In der Stadt gibt es immer wieder Tiere, die niemand will oder braucht, zum Beispiel Ratten. In Ihrem Buch nennen Sie diese Tiere Kulturfolger und garantieren ihnen neben Grundrechten das Recht auf Aufenthalt. Allerdings können Ratten Krankheiten übertragen. Denken Sie nicht, dass Ratten manchmal ihre Greencard verwirken?

Kymlicka: Im Fall einer tödlichen Bedrohung durch Tiere haben wir das Recht, sie zu töten oder umzusiedeln. Denken Sie nur an Selbstverteidigung, hier verwirkt der Angreifer auch seine Grundrechte. Aber wo keine tödliche Gefahr von Tieren ausgeht, müssen wir lernen, gewaltfrei mit ihnen zu leben. Wir mögen vielleicht nicht von Ratten profitieren, aber das Lebensrecht eines Menschen hängt auch nicht davon ab, wer von ihm profitiert. Ihr Recht auf Leben beruht allein auf der Tatsache, dass Ihr Leben für Sie Wert hat. Das sollte für die Ratte gleichermaßen gelten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, die Ratte habe als fühlendes Wesen ein Recht auf Leben. Aber man könnte doch auch sagen: Nur wer das Potential hat, moralische Urteile zu fällen, sprich: wer Mensch ist, qualifiziert sich für dieses Recht. Das würde Menschen mit geistiger Behinderung einschließen, Tiere aber nicht.

Kymlicka: Das muss ich zurückweisen. Diese Auffassung macht sogenannte normale Menschen zum Standard und behandelt Menschen mit Behinderungen wie auch Tiere als von dieser Norm abweichend. Was Individuen für Rechte qualifiziert, ist, dass sie die Welt subjektiv erfahren. In dieser Hinsicht sind Menschen mit geistiger Behinderung, Tiere und Albert Einstein alle gleichermaßen normal.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden also auch im Falle eines tödlichen Virus Experimente an Ratten verbieten, selbst wenn dadurch viele Menschenleben auf dem Spiel stünden. Und das alles, weil Sie nicht als "Speziezist" dastehen wollen.

Kymlicka: Das ist nicht einmal ein harter Fall, um ehrlich zu sein. Wie kommen wir auf die Idee, wir hätten das Recht, einer Ratte zu unseren Gunsten zu schaden? Nur weil ihr Leben angeblich weniger reich an Erfahrung ist? Früher haben wir Behinderte als Versuchspersonen missbraucht, weil ihr Leben uns weniger wertvoll schien. Mittlerweile aber haben wir eingesehen, dass das ein schreckliches Argument ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht möglich, die Lehre vom gerechten Krieg in einer solchen Situation anzuwenden? Man könnte sagen, es ist notwendig und verhältnismäßig, einige wenige Leben zu opfern, um viele zu retten.

Kymlicka: Nein, das ist eine schlechte Analogie. In einem gerechten Krieg hat die eine Seite einen Krieg begonnen, und Sie haben das Recht, in Notwehr darauf zu reagieren. Aber Tiere haben uns nicht den Krieg erklärt. Wir haben also kein Recht, Gewalt gegen andere Spezies anzuwenden. Wie kommen wir auf diese Idee?

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns auf unsere Beziehungen zu Wildtieren eingehen. In ihrem Buch beschreiben Sie Gruppen wild lebender Tiere als souveräne Staaten. Nun ist es so, dass wir selbst unter uns Menschen oft die berechtigten Interessen anderer Staaten mit Füßen treten. Diese Machtungleichgewichte scheinen im Mensch-Tier-Kontext noch gewichtiger. Denn welcher Politiker wird beim Bau einer neuen Start- und Landebahn für betroffene Tiere eintreten, wenn es nicht so etwas wie ein internationales Recht zwischen Menschen und Wildtieren gibt?

Kymlicka: Es ist richtig, dass Wildtiere, anders als domestizierte Tiere, nicht Bürger unserer Gemeinschaft sind. Aber dies bedeutet nicht, dass sie sich außerhalb der Grenzen der Gerechtigkeit befinden. Wir haben Verpflichtungen gegenüber ihnen, und ja, wir brauchen eine Art des Völkerrechts zwischen den Spezies. In der Regel bedeutet dies, dass wir territoriale Rechte von Wildtieren respektieren. Wir haben also nicht einfach das Recht, eine Start-und Landebahn in ihr Habitat zu bauen. Es ist ihr Land, nicht das unsere. Bei indirekten Einflüssen wie Umweltverschmutzung oder Klimawandel müssen wir versuchen, sie für Schäden zu entschädigen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Fokus auf Souveränität betont, was wir Gruppen von Wildtieren schulden. Doch wie auf Menschenebene gibt es auch im Tierreich Konflikte zwischen Individuen und Gemeinschaften - man denke an Völkermord unter Tieren. Sollte es in manchen Fällen eine Schutzverantwortung geben?

Kymlicka: Das ist ein riesiges Problem für jede Tierrechtstheorie. Wenn man darauf besteht, wie wir es tun, dass das Leiden der einzelnen Tiere wichtig ist, dann ist es dies auch in der freien Wildbahn. Aber wir wollen auch nicht sagen, dass die Menschen moralisch verpflichtet sind - oder sogar die Erlaubnis haben -, in jede Räuber-Beute-Beziehung einzugreifen. Dann müssten wir Polizisten spielen und würden die Natur in einen Zoo verwandeln. Wildtiere können kompetent auf Herausforderungen reagieren, und Autonomie ist ihnen wichtig. Es gibt jedoch Ausnahmen, in denen diese Regeln außer Kraft gesetzt werden können. Stellen Sie sich ein Bakterium vor, das eine Population von Wildtieren bedroht. Wenn wir es auslöschen können, wieso nicht. Die Natur ist nicht heilig.

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insgesamt 135 Beiträge
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1.
Steuerzahler0815 22.10.2013
Wenn der Mann wie in der Steinzeit leben will soll er dies tun
2. Seine
forumgehts? 22.10.2013
Zitat von sysopCorbisSind Hunde auch Staatsbürger? Haben Nagetiere einen Anspruch auf Aufenthalt? Gilt das Völkerrecht für Raubkatzen? In seinem neuen Buch "Zoopolis" entwirft der Philosoph Will Kymlicka eine politische Theorie für das Zusammenleben mit Tieren - und stellt radikale Forderungen auf. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/zoopolis-will-kymlicka-ueber-rechte-fuer-tiere-a-928603.html
Theorie hindert K. aber nicht daran, eine Sau durchs Dorf zu treiben, bei deren Anblck die meisten nur mit den Schultern zucken. Ich vermute, in der Tierwelt stünden Philosophen in der Nahrungskette ziemlich weit unten. Bis die einem Fressfeind ihre Theorien erklärt hätten, wären sie schon weggeputzt. ;)
3.
peter234 22.10.2013
Dekadenz und Degeneration. Wieviele Engel können auf der Spitze einer Nadel tanzen?
4. ohne jetzt
felisconcolor 22.10.2013
gleich als Tierrechtler da zu stehen... Ich halte seine Argumente für ziemlich stichhaltig. Sicher gäbe es den ein oder anderen Punkt über den man näher diskutieren muss. Aber zumindest der Gedankenpfad geht in die richtige Richtung. Allein schon, das Wale und Delfine auch eine Sprache besitzen, würde sie als gleichberechtigte Mitglieder dieser Erde qualifizieren. Und... mein Wautzel ist ja auch ein Steuerzahler zumindest im übertragenen Sinn. Also sollten ihm auch gewisse Rechte (Pflichten sind ja schon genügend da) zustehen.
5. Sehr gut
movfaltin 22.10.2013
Es handelt sich hierbei um den ersten Beitrag seit Monaten auf SPON, den ich erhellend und gut gestaltet fand! Er stößt ins selbe Horn wie etwa eine Frau Ursula Wolf (sic!), die sich Gedanken zu Tierethik macht. Auch ich sehe eine Entwicklung dahingehend, dass "inhumane" Massenschlachtanstalten für Lebewesen wohl irgendwann künftig als verwerflich empfunden werden müssen: Wer gibt uns das Recht, den Genozid einzelner Bevölkerungsgruppen wie Behinderter zu verdammen, während uns die oft bestialische Fabrikschlachtung relativ hochentwickelter, gesunder Tiere nicht im Geringsten stört? Ausschlaggebend ist doch allein unsere Empathie, die sich anhand der Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit bemisst. Mit der Intelligenz und Handlungsfähigkeit von Lebewesen hat das weniger zu tun als mit Rawls Schleier des Nichtwissens: auch uns hätte es vergönnt sein können, mit Behinderung oder als Sklave geboren zu werden - und deshalb lässt uns das Schicksal der Tiere, als die wir unserem Verständnis nach eher nicht geboren hätten werden können, auch kalt. Sobald eine Wiedergeburt als Tier, etwa als Kuh bei Hindus, möglich ist, werden solche Tiere nicht mehr angerührt. Ich gehe sogar davon aus, dass Massenschlachtungen von Tieren in Zukunft ähnlich verpönt sein könnten wie Genozide von Menschen heutzutage: Wir brauchen sie einfach nicht mehr notwendigerweise; uns geht es so gut, dass wir uns ein Mehr an Moral leisten können. Aber, ja, es ist bigott heutzutage. Wir massakrieren mehr aus Tradition denn aus Notwendigkeit - und wollen von den Abläufen dieser Tradition doch am besten nichts wissen. Wie im Dritten Reich.
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Zur Person
Will Kymlicka, ist Politikwissenschaftler und Philosoph. Er hat in Oxford promoviert und ist derzeit Professor für Politische Philosophie im kanadischen Kingston. Gemeinsam mit seiner Frau Sue Donaldson ist Kymlicka Autor des Buchs "Zoopolis", das am 21. Oktober im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheint. Bekannt wurde er durch seine Arbeiten zum Thema "Multikulturalismus" und seine Einführung in die Politische Philosophie, die als Standardwerk gilt und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Kymlicka lebt seit 20 Jahren vegan.

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