Zum 250. von Johann Peter Hebel Short Storys für die Bauernküche

Retter eines krisengeplagten Printmediums: Am 10. Mai vor 250 Jahren wurde in Basel der Dichter Johann Peter Hebel geboren. Sein Meisterwerk war die Modernisierung des Landkalenders - mit dem er literarische Glanzstücke in einfachste Haushalte brachte.

Schöpfer von wegweisender Kurzprosa: Der Dichter und Theologe Johann Peter Hebel
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Schöpfer von wegweisender Kurzprosa: Der Dichter und Theologe Johann Peter Hebel

Von Ulrich Baron


"Brauer macht mich mit Gewalt zum Schriftsteller", seufzte Johann Peter Hebel 1802 über die ehrenwerte Last, die ihm der Badische Geheime Rat Johann Nikolaus Friedrich Brauer aufgebürdet hatte: "Ich habe ietzt mit Professor Böckmann den Landkalender zu befrachten."

Was als "Kurfürstlich badischer gnädigst privilegierter Landkalender für die badische Marktgrafschaft lutherischen Anteils" firmierte, war in eine "akute Absatzkrise" geraten, konstatiert der Hebel-Biograf Bernhard Viel. Schuld daran war nicht nur der Titel. Die ganze Machart schrie nach einer Blattreform.

Dessen Vorläufer, die Bauernkalender mit ihren Aussaat- und Ernteregeln, Wetterprognosen, nützlichen Tipps und erbaulichen Geschichten, waren neben Bibel und Gesangbuch in vielen Haushalten die einzigen Bücher gewesen. Aber der "Landkalender" mit seinem schlechten Layout und billigen Papier wirkte inzwischen eher abschreckend. Der theologisch wie naturkundlich gebildete, pädagogisch wie literarisch gleichermaßen begabte Hebel verordnete ihm eine grundlegende Umgestaltung: besseres Papier, besserer Druck und vor allem bessere Geschichten.

Die schrieb er überwiegend selbst. Hatte er sich 1803 mit der Buchfassung seiner "Alemannischen Gedichte" als weit über seinen Wirkungskreis hinaus geschätzter Lyriker etabliert, so entwickelte er als alleiniger Redakteur des 1807 in "Der Rheinländische Hausfreund" umbenannten Kalenders eine Kurzprosa, deren zu Klassikern gewordene Glanzstücke dem Vergleich mit besten Short Storys standhalten.

Neben einem Rezept "Blaue Dinte zu machen" finden sich Meisterleistungen wie das berühmte "Kannitverstan". Vordergründig erscheint dies als harmlose Schmunzelgeschichte, bei der ein biederer deutscher Handwerksbursche in Amsterdam nach dem Besitzer eines prächtigen Hauses und eines großen Handelsschiffs fragt. Weil ihn niemand versteht, antwortet man stets mit "Kannitverstan", was der naive Fremde für einen Namen hält.

Ein Grab als kühles Hochzeitsbett

Dann aber erblickt er einen Leichenzug und erhält ein weiteres Mal dieselbe Antwort. Und, so schließt der Erzähler, "wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien, und er so arm. So dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab".

Aus einem einzigen, missverstandenen Wort lässt Hebel eine Geschichte erwachsen, die "vom Irrtum zur Wahrheit" führt und zugleich ein Exempel für die Eitelkeit irdischen Besitzes abgibt. Anders das Stück "Unverhofftes Wiedersehen". Darin wird die Leiche eines kurz vor seiner Hochzeit verunglückten Bergmanns nach einem halben Jahrhundert entdeckt. Seine alt gewordene Verlobte erlebt ein makaberes Wiedersehen mit ihrem von Eisenvitriol jugendfrisch konservierten Geliebten. "Schlafe nun wohl", sagt sie bei dessen Begräbnis, "noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitsbett, und laß dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig zu tun, und komme bald, und bald wird's wieder Tag."

Hoffnungen auf eine Auferstehung am Jüngsten Tag sind uns heute sehr viel ferner als dem früh verwaisten Johann Peter Hebel. In seiner Erzählung aber scheint alles darauf zuzueilen. In den fünfzig Jahren, die zwischen dem Verschwinden des Bergmanns und dem Fund seines konservierten Körpers liegen, wird die historische Zeit mit ihren Haupt- und Staatsaktionen auf Schnelldurchlauf gestellt: "Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal von einem Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der erste starb und der JesuitenOrden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet", geht das über eine halbe Seite hinweg, bis dann der Tag des unverhofften Wiedersehens da ist. Weltliche Geschichte rauscht hier einfach durch. Was bleibt, sind Glaube, Liebe und Hoffnung.

So sicher Johann Peter Hebel ein Leben aus einer Reihe von Kannitverstans zusammenfügt, so leicht löst er seine Erzählung hier aus dem Joch des Geschichtsverlaufs. Und liefert damit bis heute das Vorbild eines Schreibens, das seine Leser zugleich zu fesseln und zu befreien vermag.


Johann Peter Hebel: "Die Kalendergeschichten". Herausgegeben von Hannelore Schlaffer und Harald Zils. dtv, 847 Seiten, 14,90 Euro.

Heide Helwig: "Johann Peter Hebel". Hanser, 367 Seiten, 24,90 Euro.

Bernhard Viel: "Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit". C. H. Beck, 296 Seiten, 22,95 Euro.



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heuwender 10.05.2010
1. J.P.Hebel
Hätten unsere heutigen Politiker nur 2% vom Carissma und dem Geist und Vernunft des J.P.Hebel,was wäre das für ein Deutschland und Europa,einfach nur herrlich. ,
seppiverseckelt 10.05.2010
2. Danke Herr Baron...
dass Sie auch hier bei Spon an "unseren" Hebel erinnern ! wenn auch nur der eine odert andere dem er bisher nicht bekannt war, dazu bewegt wird Ihn zu lesen ists ein grosser Gewinn! Einen Humanisten und Aufklärer wie Hebel kann jede Zeit gut gebrauchen -unsere heutige aber ganz besonders. Vor allem aber verhalf er einem unglücklich und unschuldig so lange Zeit von Kriegen und Not niedergedrückten Land zur eigenen Stimme zurück und zu neuem selbstbewusstsein ohne jeden Hochmut ! Ein Europa ohne Alemannien im Herzen ist durch Hebel für alle Zeit undenkbar geworden- dafür schulden wir Menschen vom Oberrhein ihm ganz besonderen Dank !
Roquentin1984 11.05.2010
3. ha
hihi..der artikel hat ja null neues zu bieten, herr baron..das sieht mir aus wie ein plagiat aus einem buch oder einer vorlesung zum bürgerlichen realismus..und natürlich "unverhofftes wiedersehen" kennt jeder depp, der mal in ner germanistik vorlesung gesessen hat. also , nein - ich finds ja gut, dass man mal was über nen typen im spiegel hört, den heute nun wirklich kaum noch einer kennt und der sicher gehörigen einfluss auf einige autoren hatte und so nen bla..aber was mich an ihren artikel stört ist, dass hier nur sachen stehen, die man in jedem literaturlexikon findet..aber exakt..das ist ja ok, is ja auch nicht für ein fachpublikum geschrieben..aber es ist halt auch nicht viel dabei so nen guss auf papier zu bekommen, oder? (noch mit floskeln zersetzt, wie: "Und liefert damit bis heute das Vorbild eines Schreibens, das seine Leser zugleich zu fesseln und zu befreien vermag." - köstlich!) naja..ich reg mich halt nur bissel darüber auf, wie leicht man z.T. kohle machen kann als journalist..nix für ungut..und alles gute, hebel
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