Zum Tod des Schriftstellers Nagib Mahfus Der Fensteröffner

Nagib Mahfus war die literarische Stimme Ägyptens. Sein Leben spiegelt die Geschicke des Landes im 20. Jahrhundert wie keine zweite Intellektuellen-Vita. Vielseitigkeit bestimmte das Werk des Nobelpreisträgers, Toleranz ist sein Erbe.

Von Christian Meier


Wenn man ihn am Ende überhaupt noch vergleichen konnte, dann am ehesten mit einer unmittelbaren Nachbarin: der großen Sphinx von Giseh. Mehr als 4000 Jahre lang hat das pharaonische Fabeltier im Schatten der Pyramiden den Zeitläuften getrotzt; leicht ramponiert lässt es sich heute von Touristen bestaunen. Auch der ägyptische Schriftsteller Nagib Mahfus war zuletzt von Alter und Krankheit gezeichnet. Doch zugleich schien er sich in eine Institution verwandelt zu haben, der die Zeit nichts mehr anhaben konnte. Wie wird der Tod des 94-Jährigen das Land verändern? Mahfus war nicht nur eine Stimme der Mäßigung und der Vernunft. Er war auch in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Geschicke Ägyptens im 20. Jahrhundert.

Als Kind Kairos wurde er 1911 geboren, er blieb es sein Leben lang. Legendär war Mahfus' Vorliebe für bestimmte Orte und geregelte Tagesabläufe: Jahrzehntelang sah man ihn immer zur gleichen Zeit das Café Ali Baba in der Kairoer Innenstadt besuchen. "Er kam jeden Morgen um sieben und trank zwei Kaffee masbut, zwei mittelsüße Kaffee", erinnerte sich ein Angestellter. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1971 arbeitete der berühmte Schriftsteller als kleiner Beamter in der Verwaltung, 34 Jahre lang. Vom Schreiben allein konnte er nicht leben.

Zahlreiche Geschichten von Nagib Mahfus, namentlich seine realistisch-sozialkritischen Werke aus den vierziger und fünfziger Jahren, sind in den Vierteln seiner Kindheit und Jugend, in dem alten Stadtteil Gamaliya, angesiedelt. Sie illustrieren die Verwurzelung des Schriftstellers - und halten zugleich fest, wie sich das Gesicht der Altstadt im 20. Jahrhundert Schritt für Schritt veränderte. Erst in einer späteren Phase seines Schaffens löste sich Mahfus von dieser Ortsgebundenheit und fand eine neue, symbolische Ausdrucksweise. 35 Romane und Novellen und 15 Kurzgeschichtensammlungen veröffentlichte er im Laufe seines Lebens, schrieb dazu etwa 25 Drehbücher.

Romancier und Vermittler

Schon in den fünfziger Jahren, spätestens mit der von den "Buddenbrooks" inspirierten "Kairo-Trilogie" von 1956/57, hatte Mahfus sich den Ruf des unbestrittenen Meisters des arabischen Romans erworben. Als die Schwedische Akademie ihn 1988 mit dem Nobelpreis für Literatur auszeichnete, war die Überraschung dennoch allerorten groß: Wer denn der Herr aus Kairo sei, mokierten sich die großen deutschen Zeitungen über den "Moralisten mit sanften Manieren", wie der SPIEGEL den damals 76-Jährigen nannte. Mahfus selbst meinte, er sei "völlig überrascht", aber sehr erfreut, und könne das Preisgeld "gut gebrauchen" - in Ägypten herrsche gerade eine ziemliche Inflation.

Vor Mahfus' Nobelpreis hatte es lediglich eine Handvoll arabischer Bücher gegeben, die ins Deutsche übersetzt worden waren. Das ist dank ihm heute anders. Doch Mahfus' Verdienste um die moderne arabische Literatur gehen weit über derartige Gesichtspunkte hinaus. Das betonen alle, selbst diejenigen Autoren, die sich stilistisch von ihm absetzten. "In meiner Generation trägt jeder das Blut von Nagib Mahfus in sich. Er ist unser aller Übervater", sagt der Schriftsteller Gamal al-Ghitani, einer der ältesten Freunde des Schriftstellers. Mahfus selbst beurteilte die Rolle seiner Literatur mit dem für ihn typischen Understatement: "Wenn es sich erweisen sollte, dass ich dazu beigetragen habe, die gesellschaftliche Entwicklung meines Landes voranzutreiben, würde mich das sehr befriedigen", sagte er dem SPIEGEL im Februar.

Schwer verletzt durch ein Attentat

Das war Nagib Mahfus' andere wichtige Rolle, neben der des Chronisten des Kairoer Kleinbürgertums: Unbeirrt sprach er sich Zeit seines Lebens für das friedliche Zusammenleben der Religionen aus. Und das, obwohl er selbst beinahe religiöser Intoleranz zum Opfer gefallen wäre: Am 14. Oktober 1994 stach ihn ein junger Mann auf offener Straße mit einem Messer nieder. Der 82-Jährige blieb nur deshalb am Leben, weil sein Begleiter, ein Tierarzt, die Wunden mit der Hand stillte und er sofort in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht wurde. Noch dort nahm Mahfus den Täter in Schutz, bezeichnete ihn als irregeleitet.

Für den Messerstecher und seine Komplizen, islamistische Fundamentalisten, hatte Mahfus sich mit seinem Roman "Die Kinder unseres Viertels" von 1959 der Gotteslästerung schuldig gemacht. Das Werk, eine allegorische Lokalgeschichte voller religiöser Anspielungen, wurde von der Azhar-Universität noch während des Vorabdrucks als religiöse Verunglimpfung gebannt. Erst kürzlich konnte es offiziell in Ägypten erscheinen, versehen mit dem Vorwort eines Azhar-Scheichs. Es scheint, als habe Mahfus kurz vor Ende seines Lebens Frieden mit den Religionsgelehrten schließen wollen.

Nach dem Attentat litt Mahfus unter Depressionen, vor allem aber war sein rechter Arm teilweise gelähmt. Der Literat konnte nur noch mit Mühe schreiben, nicht mehr als 30 Minuten am Stück arbeiten. Seine Texte schreiben zu lassen, schien ihm jedoch nicht akzeptabel: "Ich habe ihm mehrmals angeboten, mir zu diktieren, aber er weigerte sich. Schreiben ist für ihn eine sinnliche Erfahrung, ein Geheimnis", erzählt sein Freund Ghitani. Als auch sein Augenlicht schlechter wurde, malte Mahfus die Buchstaben und Wörter blind aufs Papier. Am Ende war auch das nicht mehr möglich. Seine letzte Veröffentlichung, eine Sammlung von hundert Traumepisoden, vermochte er nicht eigenhändig abzuschließen. Die letzten drei Kapitel diktierte er einem Freund.

Offenheit als Mandat

Bis zuletzt traf Mahfus sich mehrmals in der Woche mit seinen Freunden und ließ sich von ihnen die wichtigsten Ereignisse berichten. Auch wenn er bei diesen Treffen häufig abwesend wirkte, war er hellwach, scherzte und erinnerte sich an die vierziger und fünfziger Jahre zurück: "Die Literatur blühte zu dieser Zeit, und es herrschte eine Atmosphäre der Freiheit." Intellektuelle Freiheit und Pluralismus standen für ihn immer im Vordergrund: "Wir müssen uns öffnen. Je mehr Fenster geöffnet werden, umso mehr setzt sich der Volkswille durch", sagte er in seinem letzten Interview mit dem SPIEGEL.

Ägypten müsste Nagib Mahfus ein Denkmal setzen, wenn es das nicht schon gäbe. Eine lebensgroße Bronzestatue zeigt ihn mit Spazierstock, der typischen Sonnenbrille und einem Buch unter dem Arm. Die unauffällige Statue steht an einer lärmenden Kreuzung, nahe des Nils, nicht weit entfernt vom "Midan Sphinx", dem Sphinx-Platz. Um sie herum tobt der Kairoer Verkehrslärm. Der perfekte Platz für einen weltoffenen Denker und Dichter wie Mahfus.



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