Zum Tod von Dietrich Schwanitz Der professionelle Besserwisser

Gelehrter, Bestseller-Autor, Talkshow-Star: Dietrich Schwanitz betörte mit Bildungsratgebern das Publikum und brüskierte die Kritik. Der umtriebige Anglistik-Professor hatte keine Angst vor populären Themen und boykottierte das Modell des weltabgewandten Intellektuellen. Nun ist er im Alter von 64 Jahren gestorben.

Von Daniel Haas


Autor Schwanitz: Lust an der Provokation
DDP

Autor Schwanitz: Lust an der Provokation

In seinen Büchern bezeichnete er seine Universitätskollegen schon mal als "analphabetische Rüpel, gegen die King Kong ein verfeinerter Höfling war". Sich selbst hingegen sah er als "professionellen Besserwisser", der dem Volk Bildung beibrachte und die Hochschule das Fürchten lehrte. Dietrich Schwanitz, geboren am 23. April 1940, hatte Spaß an der Provokation und am Bonmot, am intellektuellen Schnellschuss und der gewagten Diagnose - und dazu ein überragendes Gespür für die Bedürfnisse des Publikums.

Den instinktsicheren Griff nach populären Themen, ob es nun die Bildungsmisere oder das Leid der Männer war, nahm man dem Anglistik-Professor übel, vor allem an der Universität selbst, die Schwanitz im Jahr 1997 vorzeitig verließ. Er muss damals schon schwer krank gewesen sein, als er sich ins südbadische Hartheim zurückzog, wo er in einem ehemaligen Gasthof ein "Zentrum für Kreative" einrichten wollte.

Schwanitz war selbst ein "Kreativer", der sich nicht in die Normen konventioneller Lehre und Forschung pressen ließ. Zwar hatte der im westfälischen Werne geborene Philologe mit seiner Verschmelzung von Luhmanns Systemtheorie mit literaturwissenschaftlichen Methoden die Fachwelt für sich eingenommen, in den frühen neunziger Jahren jedoch begann seine Karriere als akademischer agent provocateur, der in fast allen Talkshows debütierte und jedes Thema in Angriff nahm. Sex am Arbeitsplatz, Feuilleton-Krise, Pisa-Debakel: Mit rhetorischer Verve wurde Schwanitz zum selbst ernannten Robin Hood des Kulturbetriebs.

Schwanitz-Buch "Der Zirkel": Campus-Romane für die Republik

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Besonders umstritten war sein Ratgeber "Bildung, alles was man wissen muss". Auf 500 Seiten dampfte Schwanitz 2500 Jahre abendländischer Geschichte ein. Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit war der Generalvorwurf, der damals ertönte - dabei wollte der Autor sein Kompendium allenthalben als Anregung verstanden wissen. Mochte die Abhandlung des Alten Testaments auf knapp sechs Seiten und die Einordnung des "Don Quijote" gerade mal auf einer auch keck gewesen sein bis zur Dreistigkeit - Schwanitz jedenfalls brachte jene Kanon-Debatte in Gang, die den Verlagen lukrative Buchreihen und den Feuilletons neue Kontroversen bescherte.

Kontrovers diskutiert wurde auch "Der Campus", mit dem Schwanitz 1995 das angelsächsische Genre des Campus-Romans nach Deutschland importierte. Der Bestseller, der von Sönke Wortmann mit großer Besetzung verfilmt wurde, war eine wenig verhohlene Abrechnung mit den Universitätskollegen und trug dem Anglisten den Ruf des Nestbeschmutzers ein. Die Campus-Satire war jedoch nur das literarische Pendant zu Schwanitz' bildungspolitischem Aplomb. "An Universitäten herrscht Kartellbildung durch Gremien und Seilschaften. Jede Selbstkritik ist da verboten, und wer sich selbstkritisch äußert, gilt als reaktionär", beschwerte sich der Gelehrte einmal im dpa-Interview.

Schwanitz-Sachbuch "Männer": Kulturdiagnosen mit Schmiss

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Die Rolle des Außenseiters scheint ihm ins Lebensbuch geschrieben worden zu sein: Schwanitz lebte als Kind drei Jahre bei mennonitischen Bergbauern, abgeschieden von der Welt, eine Art Kaspar Hauser, der erst mit zehn Jahren lesen und schreiben lernte. Seine spätere Begeisterung für die englische Kultur, die er in Fachbüchern porträtierte, soll von dieser frühen Prägung rühren. In der Tradition des englischen Puritanismus erkannte der junge Intellektuelle den Fundamentalismus der Schweizer Glaubensgemeinschaft wieder und nahm ein Anglistik-Studium auf.

Abgeschieden - nach Uni- und Literaturkarriere, Talkshow-Ruhm und Wissenschaftsquerelen - war auch Schwanitz' letzte Lebensstation: In seinem südbadischen Exil hatte er sich von der ehemaligen Heimat Hamburg zurückgezogen, wohl auf Grund seiner Parkinson-Krankheit, die den sozialen Kontakt zunehmend erschwerte. Dass er, der Allround-Intellektuelle und betriebsame Rhetoriker, einsam und unbemerkt verschied, ist bitter. Der Kulturbetrieb hat einen streitbaren Diskutanten verloren.



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