Zum Tod von Fritz Rudolf Fries Das Schicksal austricksen

Zwischen engstirniger DDR-Bürokratie und hochmütigem West-Kulturbetrieb ging Fritz Rudolf Fries seinen eigenen Weg. Jetzt ist der große und grandios unterschätzte Schriftsteller im Alter von 79 Jahren gestorben.

Fritz Rudolf Fries (Archivbild): Zahlte nach dem Mauerfall einen hohen Preis für Pakt mit der Stasi
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Fritz Rudolf Fries (Archivbild): Zahlte nach dem Mauerfall einen hohen Preis für Pakt mit der Stasi

Ein Nachruf von


Es gibt gefeierte Schriftsteller, es gibt übersehene oder unterschätzte. Es gibt solche, die es leicht haben bei Verlagen, Kritik und Lesern. Und solche, denen die Öffentlichkeit den Rücken zukehrt. Fritz Rudolf Fries aber, der wie nun bekannt wurde, am 17. Dezember 2014 im Alter von 79 Jahren bei Berlin gestorben ist, war ein Autor, auf den all diese Kategorien zutrafen.

Sein Karrierebeginn war glanzvoll - und erwies sich gerade deshalb als Hypothek. Auf Empfehlung des damals gefeierten Uwe Johnson veröffentlichte Fries im Frühjahr 1966 seinen Debütroman im Suhrkamp Verlag. Für einen ambitionierten jungen Schriftsteller gab es in der Bundesrepublik der Sechzigerjahre kaum eine bessere Adresse. Fries' erstes Buch, es trägt den lautmalerischen, einer Jazzplatte von Dizzy Gillespie entliehenen Titel "Der Weg nach Oobliadooh", wurde von der Kritik gelobt; aus heutiger Sicht ist die Geschichte zweier Jazzfans im Leipzig der späten Fünfziger eines der freiesten, literarisch kühnsten und damit auch schönsten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsmoderne.

Doch anders als Peter Handke, der im gleichen Frühjahr sein Suhrkamp-Debüt gab, blieb Fries kein Star des literarischen Betriebs. Weil er, anders als Handke, nicht im Westen lebte, sondern in der DDR, wo man im repressiven, fast spätstalinistischen Klima der mittleren Sechziger gegen undogmatische Künstler besonders scharf vorging. Weil er im Westen veröffentlicht hatte und zudem so gar nicht dem sozialistischen Realismus des parteioffiziellen sogenannten Bitterfelder Wegs zuzurechnen war, verlor Fries seine Stelle bei der Akademie der Wissenschaften. Im ostdeutschen Kulturbetrieb wurde er marginalisiert, musste sich und seine Familie mit schlecht bezahlten Übersetzungsaufträgen über Wasser halten.

Bohemien zwischen Ost und West

Die Stasi beobachtete ihn, schließlich wurde ein operativer Vorgang wegen "staatsfeindlicher Hetze" eingeleitet. Doch dem Klischeebild vom DDR-Oppositionellen hat er nie entsprochen. Fries war ein freigeistiger Bohemien zwischen Ost und West, der von französischen Gauloise-Zigaretten schwärmte, vom Eurokommunismus des italienischen KP-Chefs Enrico Berlinguer und ganz besonders vom Jazz des US-amerikanischen Klassenfeinds.

Als wäre er selbst einer der mit allen Möglichkeiten und Versuchungen des sozialistischen Alltags jonglierender Lebenskünstler aus seinen Büchern, ließ sich Fritz Rudolf Fries 1976 schließlich auf ein heikles Geschäft ein: Im Tausch gegen ein Visum für eine Reise nach Spanien (woher seine Großmutter stammte), sollte er als IM der Staatssicherheit künftig aus dem internationalen Literaturbetrieb berichten. Fries genoss diese eingeschränkte Reisefreiheit und etablierte sich während der Achtziger als anerkannter Autor dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs - musste aber nach dem Mauerfall einen umso höheren Preis zahlen.

Als der "Focus" 1996 unter der reißerischen Überschrift "Der Teufelspakt" seine Stasimitarbeit enthüllte, war Fries so gut wie erledigt. Weil er, anders als beispielsweise Heiner Müller, ungeschickt und beleidigt reagierte, aber auch, weil die mediale Öffentlichkeit jener Zeit allzu bereit war, vermeintliche Helfershelfer des SED-Regimes abzustempeln und auszuschließen. Im gegenüber Ost-Biografien ziemlich hochmütigen Kulturbetrieb der Nachwendejahre war Fries wieder Außenseiter - und dies, obwohl ihm gar niemand vorwarf, als IM andere verraten zu haben. Seine Romane wurden nicht mehr von den großen Literaturverlagen veröffentlicht, sondern an der Peripherie, wo sich Ostalgiker ihr publizistisches Nest gebaut hatten. Eine groteske Situation: Der Autor, den die Partei gegängelt und verfolgt hatte, war nun Verlagskollege von Parteiveteranen.

Last Exit Fantasie

Erst mit seinem letzten Roman, dem 2013 erschienenen "Last Exit to El Paso" hat Fritz Rudolf Fries neuerliche, breitere Aufmerksamkeit erfahren - und damit fast schon eine späte Rehabilitation. Darin erreicht die männliche Hauptfigur, ihre "Tage sind gezählt nach Ansicht der Ärzte", im Krankenbett der Anruf, dass sie eine Weltreise gewonnen habe. Gemeinsam mit ihrem besten Freund bricht sie auf.

In "Last Exit to El Paso" ließ Fries auf großartige Weise ahnen, dass er, der so viele Hindernisse zu überwinden hatte, sich auch der letzten, größten Schwelle - Krankheit und Tod - mit den Mitteln von Fantasie und mit leisem, verspielten Humor nähert: Das Schicksal muss sich doch austricksen lassen.

Die deutschsprachige Literatur verliert mit ihm nicht nur einen einzigartigen Autor, sondern auch einen, dessen Werk in seiner ganzen Größe noch gar nicht entdeckt ist.



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zwischenrufer66 22.12.2014
1. Als Autor
war er phantastisch. Die STASI-Vorwürfe haben ihn getroffen; es ist interessant, dazu sein Tagebuch "Im Jahr des Hahns" zu lesen. Ich mag seine Bücher und habe auch seine Übersetzungen aus dem Spanischen sehr geschätzt. Fries wird mir fehlen.
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