Zum Tod von Joachim Fest Der stolze Einzelgänger

Joachim Fest ist tot. Der Hitler-Biograf und frühere "FAZ"-Herausgeber hinterlässt eines der imponierendsten Werke der deutschen Nachkriegs-Publizistik. Sein soeben erschienenes Erinnerungsbuch "Ich nicht" ist ein Meisterwerk - es erzählt die Geschichte einer unbeugsamen Familie.

Von Matthias Matussek


Nun hat er den Kampf gegen die Krankheit doch verloren. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte hatte Joachim Fest seine Jugenderinnerungen "Ich nicht" abgeschlossen. Man hätte es ihm so sehr gegönnt, mit diesem Buch, diesem frühen Leben noch einmal in die Debatte zu ziehen, die jetzt, im Buchmessenherbst, anlässlich der Grass'schen Zwiebelhäutungen noch einmal um die deutsche Erinnerungskultur geführt wird. Keiner konnte streiten wie er.

Er war ein glänzender Erzähler. Seine Hitler-Biografie gehört zum stilistisch Besten deutscher Geschichtsschreibung. Immer wieder - bis hin zum Drehbuch für Eichingers Bunker-Film "Der Untergang" hat er sich mit dem Führungspersonal der Nazis beschäftigt.

Als er mir vor anderthalb Jahren, noch in London, bei einem gemeinsamen Abendessen von seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen erzählte, schien er Alltagsgeschichte nachreichen zu wollen, die Beschreibung der sogenannten kleinen Leute. Es lag überhaupt nichts Stolzes oder Hochfahrendes darin. Im Gegenteil. "Es war keine besondere Kindheit", sagte er ganz beiläufig. "Nichts Spektakuläres. Außer dass mein Vater mich und meine Geschwister davor bewahrt hatte, Nazis zu werden."

Sich gerade machen

Doch genau das war das Außerordentliche. Immer wieder berichtete er mir - bisweilen euphorisch - vom Fortgang der Arbeit, doch dann zwang ihn seine schwächer werdende Konstitution zu schmerzvollen Pausen. Nun weiß man, dass die Arbeit an diesem Buch die Arbeit an seinem Testament bedeutete. Das wollte er den Deutschen noch hinterlassen: die Erzählung darüber, dass es möglich war, anständig zu bleiben. Und dass eine gute Erziehung - eine bürgerliche, katholische, preußische - dabei wesentlich war.

Dem SPIEGEL schickte er den ersten Fahnensatz, und so war es möglich, auf dem Höhepunkt des durchaus auch stupiden Grass-Lärms diese leisere, ungleich wichtigere Stimme hörbar zu machen.

Heute kann Fests Buch als Gegenentwurf zu den koketten Grass'schen Waffen-SS-Enthüllungen und vergleichbaren Elaboraten gelten. Wenn Günter Grass, der derzeit Pfeife stopfend und schmauchend über die Theaterbühnen des Landes zieht, sagt: Ich war dabei, Kumpel, jeder war dabei, selbst der Papst irgendwie, so sagte Fest: Ich aber nicht.

Dass den Wirbel bisher Grass macht, das spricht Bände über die Aufmerksamkeits-Ökonomie und die moralische Verfasstheit der Öffentlichkeit. Man schätzt das Krumme, nicht das Gerade, denn das Gerade enthält immer einen stillen Vorwurf.

Zwischen den Stühlen

Gerade die Polarität zu Günter Grass lohnt die nähere Betrachtung. Anders als der Nobelpreisträger, der sich im Pulk des linken Mainstream stets wohlfühlte, war Joachim Fest der große Einzelgänger. Auf seine Umgebung wirkte er bisweilen ein wenig hochmütig. Er war der konservative Analytiker. Doch er war immer auch derjenige, der sich bedenkenlos zwischen alle Stühle setzte, wenn es seine Überzeugung erforderte.

Das konnte durchaus auch ein früher Grass-Kommentar sein, der Politikern oder Rundfunkgewaltigen nicht passte, für den er sich aber einsetzte. Das konnte aber auch ein Essay von Ernst Nolte sein, der den Historikerstreit auslöste. Fest hielt Noltes Thesen nicht für richtig, doch er verteidigte sein Recht sie auszudrücken. Das ist die angelsächsische Tradition, gegen die der Mief der politisch-korrekten Meute in Deutschland noch eine Ecke gespenstischer wirkt.

Fest war in den sechziger Jahren NDR-Chefredakteur, danach 20 Jahre "FAZ"-Herausgeber. Er stritt ausdauernd mit Ulrike Meinhof, er begleitete Hannah Arendt, Sebastian Haffner und viele andere über die er in seinem Buch "Begegnungen" wundervoll zu erzählen wusste. Fest war immer ein anderes, ein nicht auszurechnendes Kaliber. Ein größeres als die meisten seiner Feinde.

Bekannt wurde er mit seiner brillanten Hitler-Biografie. Er leistete Hebammen-Dienste für die Lebenserinnerungen Albert Speers, dem er ganz sicher auf den Leim ging - aufgetauchte Dokumente bewiesen, dass Speer nicht so ahnungslos war, wie er Fest weiszumachen verstanden hatte. Fest korrigierte seinen Irrtum - zu spät. Sein Leben lang verfolgte ihn daher der Verdacht, zu sehr mit Nazi-Bonzen sympathisiert zu haben.

Im Rückblick, und ganz besonders im Lichte seiner Jugenderinnerungen, lässt sich sagen: Der stets umstrittene Joachim Fest war die Gestalt gewordene Geradlinigkeit, während der lärmende Günter Grass, das penetrante Gewissen der Nation, in Wahrheit der Krumme war, der über dramatische Konversionen und hässliche Geständnisse keinen Atemzug verlor, um weiterhin alle zu belehren und jeden anderen zu bepöbeln, der im Verdacht stand, konservativ zu sein oder gar bürgerlich.

Andenken an den Vater

Fests Jugenderinnerungen erzählen von einer Kindheit in Berlin und von einem Vater, der 1933 aus dem Schuldienst flog, weil er regimefeindliche Bemerkungen gemacht hatte. Es war eine Kindheit, in der Literatur und Theater so wichtig waren wie Fußball. Eine Kindheit, in der es vorkam, dass der Vater mit einem blutverschmierten Kopfverband in die Küche stürzte, wenn es wieder einmal eine Schlägerei mit dem braunen Mob gegeben hatte. Eine Kindheit, in der die Besorgungen für den Nachbarn Goldschmidt eine Selbstverständlichkeit waren.

Ja, dieses Buch ist ein einziges großes Andenken an den Vater, den man sich als Helden vorstellen darf. Er ließ sich durch nichts zu Kompromissen mit dem Verbrecherregime bewegen. Eines Abends belauschten die Kinder einen Streit mit der Mutter. Diese bestürmt ihren Mann, endlich in die Partei einzutreten, da er dann endlich wieder Arbeit hätte. Die Lüge sei doch schließlich das einzige Mittel der kleinen Leute im Kampf gegen die Mächtigen. Da antwortete Vater Fest mit dem großartigen, dem stolzen Satz: "Wir sind keine kleinen Leute, nicht in diesen Fragen."

Fests Erinnerungen sind auch stilistisch das Gegenstück zu denen von Grass. Fest kommt schnörkellos zur Sache, Grass weicht orientalisch aus. Fest erinnert und erzählt eindringlich, oft von gestochener Klarheit. Grass dagegen bricht ab, verplempert seine und des Lesers Zeit mit Ausführungen über das Erzählen als solches oder mit verquasten Ausführungen zur "Schummelei", die doch die "kleine Schwester der Lüge" sei, und so weiter und so fort. Er erzählt wie einer der noch vieles verschweigt - während Fest immer schreibt wie einer der im politischen Sinne nichts zu verbergen hat. Wie wohltuend ein solches Buch für uns Nachgeborene!

Durchsage also an den Betrieb, an die Buchhändler, an die Leser: Sobald sie damit fertig geworden sind, den Grass-SS-Juckreiz zu kratzen - das wichtigere, das wahrhaft große Buch dieses Herbstes ist das von Joachim Fest.

Und nun bietet die Lektüre zusätzlich Gelegenheit, sich zu verneigen und eines der größten Publizisten der deutschen Nachkriegsgeschichte zu gedenken. Eines stolzen Einzelgängers, der sehr vermisst wird.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.