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Zum Tod von Johannes M. Simmel: Der Stoff, aus dem die Bestseller sind

Von Ulrich Baron

Er war mehr als der König der Trivialliteratur: Johannes Mario Simmel war eine Marke. Moralist und Entertainer zugleich, begeisterte er weltweit die Leser - mit 70 Millionen verkauften Büchern. Nachruf auf den vielleicht ersten Pop-Autor der Bundesrepublik.

Was anderen Schriftstellern kaum einmal gelang, das schaffte Simmel gleich mehrfach. Die Titel seiner Romane "Es muss nicht immer Kaviar sein" (1960), "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1970) und "Der Stoff, aus dem die Träume sind" (1971) wurden zu geflügelten Worten. Und das Cover-Design des jeweils neuesten "Simmel" war einst so unverkennbar wie der Schriftzug von Coca-Cola. Zur alten Bundesrepublik gehörte Simmel wie "Der Kommissar", "Der Goldene Schuss" oder "Was bin ich?".

Seinen Erfolg hat der mehrfach verheiratete Schriftsteller durchaus genossen, auch wenn ihn seine Einordnung ins Fach des Trivialautors bekümmerte. In Zeiten seiner größten Erfolge aber stand die Marke Simmel so weit im Vordergrund, dass der kritische Zeitbeobachter Simmel erst in den neunziger Jahren aus deren langem Schatten hervortrat.

Gegen das Wiederaufkommen des Rechtsradikalismus hat der späte Simmel dann ebenso heftig angeschrieben wie gegen globale Bedrohungsszenarien. 1996 legte er sich mit Jörg Haider an und erlebte, wie riskant es sein kann, gegen einen politischen Populisten mit Worten vorzugehen. Am Ende schien es, als sollten ihn die Traumata seiner Jugend einholen, und aus späten Interviewäußerungen spricht ein abgrundtiefer Pessimismus.

Wie ein Erich Maria Remarque hatte auch Simmel seine Karriere als Journalist begonnen, nachdem er einen Weltkrieg überlebt hatte. Am 7. April 1924 in Wien als Sohn eines jüdischen Chemikers und einer Lektorin in einem Filmverlag geboren, in Österreich und England aufgewachsen, brachte er dazu schon eine gewisse Weltläufigkeit mit, aber auch das doppelte Trauma von Krieg und Verfolgung. Und wie einem Remarque haftete auch ihm zu viel vom Hautgout des Erfolgs- und Filmautors an, um von der ernsthaften Literaturkritik beizeiten gewürdigt zu werden.

Hedonismus und Umweltzerstörung

Dabei war Johannes Mario Simmel ein Pionier der Populärkultur. Die wurde nach 1945 zunächst noch nicht vom Fernsehen, sondern von Filmindustrie und Illustrierten geprägt. Statt ins Internet pflegte man in jenen Jahren zum Friseur zu gehen, wo die populärsten Magazine auslagen. Hier taten sich Fenster zu exotischen und erotischen Verlockungen auf, während Mann und Frau geduldig auf Dauerwelle und Nackenrasur warteten.

Hier wartete ein Millionenpublikum auf einen Autor. Seit 1950 hatte Simmel für die damals außerordentlich erfolgreiche Illustrierte "Quick" im journalistischen Multitasking brilliert und nebenbei zahlreiche Drehbücher zu Filmen wie "Es geschehen noch Wunder" und "Tagebuch einer Verliebten" verfasst. Auch sein Debütwerk als Bestsellerautor war vorab in der "Quick" erschienen, wo ein Kollege auf den Erfolgstitel "Es muss nicht immer Kaviar sein" (1960) gekommen war. Der Kollege habe dafür zwanzig Mark erhalten, erinnerte sich Simmel. Er selbst verdiente bald deutlich mehr, ohne sich je ganz vom Illustriertenstil zu lösen.

Johannes Mario Simmel hatte ein Gespür dafür, was die Menschen bewegte. Er wusste es erzählerisch mitreißend zu verpacken und erfolgreich unter die Leute zu bringen. Und auch wenn er sich weltbewegender Themen wie dem Handel mit biologischen Waffen, der Umweltzerstörung und der Verlogenheit der Medienindustrie annahm, erscheint die Verpackung seiner Werke im Rückblick oft aussagekräftiger als deren Inhalt. Denn sie zeigt, was die Menschen damals ansprach, und liefert damit auch Material für eine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik.

Der Titel "Es muss nicht immer Kaviar sein" spielte mit dem Hedonismus der Nachkriegszeit, mit der Gier nach Luxus, die in der aufstrebenden Bundesrepublik eher mit Racke Rauchzart als mit Chivas Regal befriedigt wurde.

Flower Power mit Beigeschmack

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" - das war Flower Power mit moralischem Beigeschmack, wobei der für damalige Leser noch ziemlich exotische Name Jimmy wie eine Antizipation künftiger Multikulti-Konzepte klang. Dazu passt, dass im Erscheinungsjahr des Romans die Les Humphries Singers gegründet wurden, die als bunter Vielvölkerchor bald aus keiner Fernsehshow wegzudenken waren.

Der Titel "Der Stoff, aus dem die Träume sind" lebte dann 1971 auch von der Anziehungskraft dessen, was zu kritisieren der Roman vorgab. Diese Ambivalenz prägte Simmels gesamtes Werk, und es wäre verfehlt, den Moralisten gegen den Unterhaltungsschriftsteller ausspielen zu wollen.

Johannes Mario Simmels Erfolg als Zeitkritiker beruhte gerade darauf, dass er sich auf dem aktuellen Niveau seiner Leser um den Zustand der Welt besorgte. Dann sog er als Profi, der er war, seinen Stoff in sich auf wie ein Schwamm und brachte ihn in Form. Titel wie "Im Frühling singt zum letzten mal die Lerche" waren keine Entgleisungen, sondern der Nenner, auf den man das Thema Umweltzerstörung bringen musste, um 1990 ein Millionenpublikum erreichen zu können.

Als Schriftsteller war Simmel ein moderner Aladin, der den Zeitgeist zu beschwören und in seinen Dienst zu nehmen wusste. Dessen Macht ist bekanntlich ungeheuerlich, aber oft auch rasch vergänglich. Johannes Mario Simmel starb am Donnerstag im Alter von 84 Jahren in Luzern.

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