Zum Tod von Peter O. Chotjewitz Alles begann in einer Lesbenbar

Als Chronist und persönlicher Freund Andreas Baaders kam er der RAF nah wie kein anderer deutscher Schriftsteller: Der jetzt gestorbene Peter O. Chotjewitz verkörperte die politischen Irrungen einer ganzen Generation - und machte daraus Literatur.

Schriftsteller Chotjewitz: "Ich bin doch kein Versatzstück"
Alexander Janetzko

Schriftsteller Chotjewitz: "Ich bin doch kein Versatzstück"

Von


"Die letzten Jahre reißen dich rein", war seine Antwort, wenn man Peter O. Chotjewitz darauf ansprach, dass er doch viel zu lebendig wirke, um einen Band mit dem Titel "Fast letzte Erzählungen" herauszubringen.

Da lebte der Schriftsteller, 1934 in Berlin geboren, längst in der Stadt, die sein Leben stärker geprägt hat, als jeder andere Ort: in Stuttgart. Und das nicht, weil er das betuliche württembergische Milieu so sehr schätzte.

Er wohnte in bester Halbhöhenlage am Killesberg. Seine Frau hatte in der Nähe Arbeit. Doch wenn man ihn ein bisschen beschwatzte, setzte er sich nach anfänglichem Protest ("Ich bin doch kein Versatzstück") in seinen klapperigen Passat und fuhr raus nach Stammheim. Vor der Gefängnismauer stehend zeigte er auf die Fassade: Dort oben waren die Zellen.

Chotjewitz selbst war nie in Stuttgart-Stammheim in Haft. Aber Andreas Baader. Den hatte der Schriftsteller Ende der sechziger Jahre in West-Berlin kennengelernt - in einer Lesbenbar am Savignyplatz. Angeblich der coolste Treffpunkt dieser Jahre. Damals zählte Chotjewitz mit Büchern wie "Hommage à Frantek" oder "Die Insel - Erzählungen auf dem Bärenauge" zu den vielversprechenden Jungstars der bundesdeutschen Literatur. Die beiden freundeten sich an.

Baader ging in den Untergrund. Und die Verbindung zum Oberterroristen überschattete in der öffentlichen Wahrnehmung Chotjewitz' literarische Arbeit: Weil er Jura studiert und das Staatsexamen abgelegt hatte, konnte er als Wahlverteidiger den RAF-Kämpfer im Gefängnis besuchen - und stiftete nebenbei auch die Verbindung zum Zweitausendeins-Versand. Von dem erhielt Baader Roxy-Music-Platten.

Literaturskandal um "Die Herren des Morgengrauens"

Im Deutschen Herbst 1977 ließ Chotjewitz' Nähe zum Staatsfeind Nummer eins den Schriftsteller schnell zu einem Inbegriff des gefürchteten RAF-Sympathisanten werden. Sein Buch "Die Herren des Morgengrauens", in dem er 1978 die Stimmung der Zeit literarisch verarbeitete, löste einen Skandal aus. Schließlich kündigte Bertelsmann die Kooperation mit der von Uwe Timm herausgegebenen "Autorenedition", in der Chotjewitz' Roman erschienen war.

Sprach man Chotjewitz drei Jahrzehnte später auf die RAF-Morde und die dabei billigend in Kauf genommenen Opfer unter Fahrern oder Polizisten an, reagierte er ausweichend. Sich selbst hielt er für untauglich für den bewaffneten Kampf, die Idee des Kampfes an sich aber verteidigte er fast bis zuletzt. Leidenschaftlich beschwor er die Zustände in einer von Altnazis beherrschten frühen Bundesrepublik - und tat sich dabei doch, ganz wie die Generation vor ihm, schwer, die im Namen einer Ideologie begangenen Verbrechen zu bedauern.

Nach 1977 wurde Chotjewitz zunehmend zum Außenseiter im Literaturbetrieb. Die Polit-Literatur, für die er stand, war längst von der neuen Innerlichkeit abgelöst worden, der Linksradikalismus der siebziger Jahre von Friedensbewegung und Grünen. Chotjewitz zog sich zurück, übersetzte den Literaturnobelpreisträger Dario Fo aus dem Italienischen, gelegentlich kam ein neues Buch, darunter der historische Roman "Macchiavellis letzter Brief". Fast schien es, als verschwände hier ein Veteran der Linken stellvertretend für seine ganze Generation in der kulturellen und politischen Bedeutungslosigkeit.

Comeback beim Verbrecher Verlag

Erst die Berliner Jungverleger des Verbrecher Verlags verschafften dem Schriftsteller wieder ein angemessenes Podium. Hier erschien 2004 nicht nur die Wiederveröffentlichung seines klassischen Romans "Saumlos", in dem er der Judenverfolgung und dem ihr folgenden ganz großen Nichtswissenwollen in einem hessischen Dorf nachgeht, sondern auch die insgesamt vier Bände seiner "Fast letzten Erzählungen" und "Mein Freund Klaus", Chotjewitzs letztes großes Buch.

Darin verarbeitete Peter O. Chotjewitz die Freundschaft zu einer anderen zentralen Gestalt der RAF-Jahre: Klaus Croissant. Der Anwalt, wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in Haft, war als Verkörperung von Linksradikalismus und Glamour eine noch viel schillerndere Gestalt als Chotjewitz selbst. Der Schriftsteller machte aus Croissants Lebensgeschichte einen bemerkenswerten Roman mit Rückblicken und Reportageelementen, der über seinen Autor fast genauso viel erzählte wie über seine Hauptfigur.

Von der Literaturkritik wurde das Buch bei seinem Erscheinen energisch ignoriert. Und doch sollte man es nicht unterschätzen. "Mein Freund Klaus" ist, ganz egal was man von der politischen Vergangenheit des Autors halten mag, einer der interessanteren deutschsprachigen Romane des vergangenen Jahrzehnts.

Vergnügt stellte der Schriftsteller das Buch dort vor, wo nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Freundschaft zu Baader ihren Anfang genommen hatte: In Berlin-Charlottenburg. Bei Schmalzbrot und Bier bot Chotjewitz schließlich an, ihn doch mal in Rom zu besuchen. Dort habe er nicht nur eine Zweitwohnung, sondern auch, wie er kokett anmerkte, vor Jahren schon eine Grabstätte gekauft.

An diesem Mittwoch ist Peter O. Chotjewitz nach schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.