Zum Tod von Tom Wolfe Fassungslos in dieser Welt

Tom Wolfe war der ewige Reporter im weißen Anzug - und wähnte sich bis zum Lebensende im Duell mit der Welt. Sein erbittertster Feind war dabei immer: die Hässlichkeit.

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Ein leuchtendes Leben in Weiß ist zu Ende gegangen. Tom Wolfe ist tot.

Er war der Reporter im weißen Anzug, der Dandy, der Mann, der ein Leben lang Gegner suchte, die es mit ihm aufnehmen konnten. Er schrieb gegen sie alle an im Duell Tom Wolfe gegen die Welt: Er schrieb in seinen Essays und Erzählungen gegen die Architektur der Gegenwart an, gegen die Kunst der Gegenwart, gegen die ganze Hässlichkeit unserer Zeit. Gegen die Schriftstellerkollegen Norman Mailer, John Updike und John Irving, die seinem Schreibstil einst den literarischen Anspruch absprachen. Auch gegen die amerikanische Linke, die Linke überhaupt, gegen Selbstgefälligkeit und Schlappheit und gegen den ganzen schönen Konsens, den keiner mehr hinterfragt.

Er, Tom Wolfe, hat alles hinterfragt, alles beobachtet, alles subjektiv und genau mitgeschrieben. Als sich die Hippies um den Künstler und Schriftsteller Ken Kesey 1964 auf den Weg machten, um in ihrem bunten Bus auf einer Fahrt quer durch die USA die Welt mit LSD, lauter Musik und guter Laune zu verbessern, war er dabei. Die Hippies in bunte Tücher gehüllt, Tom Wolfe, der Reporter, im feinen Weiß mit Krawatte. Eine Blondine namens Doris DeLay ermunterte ihn damals, er solle doch etwas mehr ..."na ja, Farbe in sein Erscheinungsbild bringen".

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Tom Wolfe: Der erste Pop-Journalist

Das fiel Tom Wolfe ja nicht ein. Bunt war nur sein Scheiben und der Reportageroman über die Kesey-Fahrt, 1968 unter dem Titel "The Electric Kool-Aid Acid Test" erschienen. Vielleicht sein bestes Buch - das berühmteste ist natürlich "Fegefeuer der Eitelkeiten" aus dem Jahr 1984, eine irre Untergangsreportage über das New York der Achtzigerjahre; auch das auf jeden Fall ein großartiger Gesellschaftsroman seiner Zeit.

Wer das Glück hatte, den weißen Wolfe in späten Jahren in seiner New Yorker Wohnung zu besuchen, der war Zuschauer in einer grandiosen Tom-Wolfe-Inszenierung: ein Dandy in seinem Reich, geschützt durch Plüschkissen, weiche Teppiche, Schönheit und Glanz vor der Welt da draußen.

Schutzanzug gegen die Welt da draußen

Er saß dann auf seinem cremefarbenen Sofa und berichtete von seinen letzten Recherchen in den Slums von Miami, als ihn ein befreundeter Anthropologe als Chauffeur durch die Straßen der Armut fuhr und ihm die Menschen dort erklärte, ihre Herkünfte, ihre Geschichten. Er erzählte, er habe sich für die Recherchefahrt verkleidet, um nicht zu sehr aufzufallen. Einen blauen Blazer habe er sich zur Tarnung angezogen. Den hat er aber offenbar schnell wieder abgelegt.

In seinem Apartment im Himmel von New York wirkte der alte Reporter gen Ende seines Lebens so, als trage er sein weißes Kostüm inzwischen als einen Schutzanzug gegen die Welt da draußen. Gegen die Hässlichkeit, die immer sein erbitterster Feind gewesen ist. "Back to Blood" hatte Wolf seinen letzten Roman genannt (Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus dem Buch). Wolfe beschreibt darin eine chaotische Welt voller haltloser Menschen, die sich alle in ihre archaischen Herkunftsträume verbeißen, kämpferisch und sehnsüchtig .

Fassungslos angesichts der Welt hatte er Anfang der Achtziger auch eine phantastische Kampfschrift gegen die Architektur des Bauhaus und ihre Folgen begonnen: "Amerika, Du Schöne, mit Deinen Himmeln so weit, Deinen gelben Ähren so wogend. Hat es auf Erden je ein anderes Land gegeben, in dem so viele Menschen von Wohlstand und Macht soviel Architektur bezahlt und ertragen haben, wie heutzutage in Deiner heil'gen Grenzen Rund?"

Tom Wolfe hat nun das Reich der Hässlichkeit für immer verlassen.



insgesamt 7 Beiträge
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Heinrichxxx 15.05.2018
1. Überragend
Seine Bücher legt man nicht aus der Hand; großer Beobachter, großer Schreiber, für alle, die auch schreiben, ganz gleich ob als Journalist oder literarisch, ein Leuchtturm. Schade, dass er gehen musste.
reader244 15.05.2018
2. Die Maden?
Diesen Buchtitel gibt es wohl nur im SPIEGEL. Im Deutschen heißt das Buch wie im Original: Back to Blood.
damp2012 15.05.2018
3. Ich bin auch (oder trotzdem)...
.. Irving-Fan. Aber "Fegefeuer der Eitelkeiten" ist eines meiner Favorites ... RIP
kaiosid 15.05.2018
4. so cool
schade, der Schreibstil ist unvergleichlich, muss mir noch die ganzen Bücher zusammensuchen, da fehlt noch was
Papazaca 16.05.2018
5. Ein trauriger Anlass motiviert mich zum Lesen
Ein interessanter Bericht über einen besonderen Autor zu einem traurigen Anlass. Danke! Für mich ein guter Anlass, etwas von Tom Wolfe zu lesen. Die Beschreibung des Mannes in Weiss gefiel mir, so ganz aus der Zeit gefallen. Was hat er wohl über Trumps Welt gedacht? Wie auch immer, freue mich, was von Tom Wolfe zu lesen.
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