Zum Tode Arthur C. Clarkes Der Überirdische

Sein Drehbuch für das Weltraum-Epos "2001: Odyssee im Weltraum" machte ihn berühmt, seine naturwissenschaftlichen Visionen brachten ihm die Anerkennung der Fachwelt. Im Alter von 90 Jahren ist der britische Literat und Technikvisionär Arthur C. Clarke nun verstorben.

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Und da sage noch einer, Eltern sollten ihre Kinder keine Groschenromane lesen lassen, da würde ja nichts aus ihnen werden. Als kleiner Junge verschlang Arthur C. Clarke diese Heftchen, er las von Raumschiffen, fernen Planeten und fremden Wesen. Und wenn er nicht seine Nase in diese sogenannten Pulp Magazines hielt, dann wanderte er über die elterliche Farm, und starrte verträumt in den nächtlichen Himmel von Minehead im britischen Somerset, wo er am 16. Dezember 1917 auf die Welt gekommen war.

Anfangs sah es tatsächlich nicht danach aus, als würde Clarke die große Karriere machen. Nach dem Schulbesuch fehlte das Geld für ein Studium, Clarke musste sich als Rechnungsprüfer in der Verwaltung verdingen. Der Eintritt ins Militär während des Zweiten Weltkriegs bot ihm dann - wie so vielen seiner Generation auf Seiten der Alliierten - die Chance für den sozialen Aufstieg: Nach dem Krieg konnte der ehemalige technische Offizier am renommierten King's College in London Mathematik und Physik studieren.

Wie vielleicht neben ihm nur der russischstämmige Isaac Asimov und der US-Amerikaner Robert A. Heinlein avancierte der Brite Clarke in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer der mächtigsten Stimmen der gehobenen Science-Fiction-Literatur, die für eine rare Kombination von künstlerischer und naturwissenschaftlicher Imagination stand. Clarke schrieb mehr als 20 Romane und über 200 Kurzgeschichten; sie alle wurden von einem breiten Publikum goutiert, sie alle befeuerten mit ihrem Technikoptimismus und ihren kühnen Visionen den Fortschrittsgeist einer ganzen Generation, ja einer ganzen Epoche. Clarke stand damit in der Tradition solch großer Phantasten wie Jules Verne und H.G. Wells. Ohne die beiden, sagte Clarke einmal, hätte es niemals bemannte Raumfahrt gegeben.

Archetyp kalter, technischer Intelligenz

Tatsächlich betätigte sich Clarke aber nicht nur als Literat, sondern immer auch als Naturwissenschaftler. Im Oktober 1945 publizierte er in einem kleinen wissenschaftlichen Journal einen Artikel über die Möglichkeit, Nachrichtensatelliten zu bauen. Zunächst von der Fachwelt ignoriert, bildete seine Idee, geostationäre TV-Satelliten einzusetzen, die Grundlage für jene weltumspannenden Telekommunikationsnetze, die uns heute umgeben. Dies war für Clarke, wenige Jahre vor seinem Tod danach befragt, sein Meisterstück, das Werk seines Lebens. "Das ist schwer zu übertreffen, oder?", ließ Clarke einen Interviewer ironisch triumphierend wissen.

Das breite Publikum dürfte dem hingegen kaum zustimmen, es würde, befragt nach Clarkes größter Leistung, auf dessen Arbeit mit dem genialen Regisseur Stanley Kubrick verweisen. Im Sommer 1964 schlossen sich die beiden im New Yorker Chelsea Hotel ein, um an einem Drehbuch zu feilen. Das Weltraumepos "2001: A Space Odyssey" kam 1968 in die Kinos, wurde zunächst von der Kritik abgelehnt - gilt aber heute als unbestrittener Klassiker der Science-Fiction, vielen sogar als eines der größten Werke der Filmgeschichte überhaupt.

Vor allem die Erfindung des Computers HAL 9000, Seriennummer 3, brannte sich ein ins pop-kulturelle Gedächtnis. Der Bordrechner des Filmraumschiffes ist ein Archetyp kalter, technischer Intelligenz, die an ihrem Wunsch zerbricht, selbst menschlich zu sein. Um diesen Datendämon zu kreieren, recherchierte Clarke bei den besten Informatikern weltweit, erkundigte sich, was Computer in der Zukunft zu leisten wohl in der Lage wären. Die Grundidee zu dem Film hatte er freilich schon vorher: Das Skript beruhte auf einer Kurzgeschichte mit dem Titel "The Sentinel" (Der Wächter), die Clarke bereits 1948 für einen Wettbewerb der BBC verfasst hatte.

"Phantastische Erfahrung der Schwerelosigkeit"

Doch Clarke erfand nicht nur oder hatte visionäre Technikideen, er sah auch Katastrophen voraus. In der Geschichte "Childhood's End" ("Die letzte Generation", 1953) entwarf er ein Szenario, das dem bedrückend ähnlich war, was sich dann zu Weihnachten 2004 ereignen sollte: ein alles zerstörender Tsunami. Clarke selbst musste die Auswirkungen der Katastrophe erdulden. Bereits 1956 nach Sri Lanka ausgewandert, betrieb er dort unter anderem eine Tauchschule - und verlor alles unter der zermalmenden Kraft des Wassers. Das Tauchen war ihm, der so oft in den Himmel geschaut und über Schwerelosigkeit geschrieben hatte, in gewisser Hinsicht ein Ersatz: er schwärmte stets von der "phantastischen Erfahrung der Schwerelosigkeit", die man im Weltraum habe - oder eben unter Wasser.

Clarke, der lange Zeit als Technikoptimist galt, selbsterklärter Atheist war (aber trotzdem auf Einladung des Papstes an einer Weltraumkonferenz teilnahm!), verlor in den letzten Lebensjahren ein wenig seinen Optimismus. Er war überzeugt davon, die Welt werde in einigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. In einem seiner letzten Werke, dem Roman "3001: The Last Odyssey" von 1997, erwacht der Pilot eines Raumschiffes nach tausend Jahren im Tiefschlaf und muss auf eine Erde zurückkehren, die durch Klimakatastrophen vollends verwildert ist und nur noch noch primitive Lebensformen beherbergt.

Mit der ihm eigenen Lakonie befand Clarke: "Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur solle endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren."



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