Zum Tode Christa Wolfs Genossin einer ganzen Generation

Stasi-Mittäterin und Stasi-Opfer, DDR-Literaturstar und Dissidentin: Christa Wolf lebte die politischen Hoffnungen und Niederlagen einer ganzen Generation. Dafür wurde die Autorin vom Publikum geliebt und blieb als eine der ganz wenigen Ost-Künstlerinnen auch nach der Wende eine Institution.

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Es war einer der seltenen Momente in der Geschichte, in denen Schriftstellern fast der Rang von Staatsoberhäuptern zukommt: Am 8. November 1989, einen Tag vor dem Mauerfall, richtete Christa Wolf in der "Aktuellen Kamera", den Abendnachrichten des DDR-Fernsehens einen Appell an ihre Landsleute: "Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns."

Wolf sprach im Namen von Bürgerinitiativen und Künstlerkollegen, sie war nicht ohne Grund für diesen Auftritt, der nur einen Monat zuvor undenkbar gewesen wäre, ausgesucht worden. Als Schriftstellerin genoss sie bereits seit 1963, als ihre Erzählung "Der geteilte Himmel" veröffentlicht wurde, stetig wachsende Anerkennung in Ost- und Westdeutschland. Sie war erfolgreich, ihre Bücher wurden nicht nur von der Kritik gelobt, sondern auch vom breiten Publikum begeistert gelesen. Die Machthaber in Ost-Berlin konnten in ihr eine, wenn auch kritische, Genossin sehen: Christa Wolf war von 1949 an 40 Jahre lang SED-Mitglied. Eine international beachtete Vorzeige-Autorin, die doch nicht auf Linie lag.

Seit Beginn ihrer Karriere waren die politische Situation in Deutschland und Wolfs Werk so eng verknüpft wie bei wenigen anderen Autoren. In ihrer zweiten Buchveröffentlichung "Der geteilte Himmel" schilderte sie die Liebe einer Studentin und eines Chemikers, die im Sommer 1961 an der deutschen Teilung scheiterte - und erzielte damit einen für die damalige, von der Konfrontation der Blöcke geprägten Zeit höchst ungewöhnlichen, grenzübergreifenden Erfolg.

Mit "Nachdenken über Christa T." erzählte sie wenige Jahre später am Beispiel einer Leukämiekranken die Geschichte jener jungen Menschen, die, wie Marcel Reich-Ranicki es ausdrückte, "nach 1945, damals kaum achtzehn oder zwanzig Jahre alt, begeistert und emphatisch die Morgenröte einer neuen Zeit grüßten und die sich wenig später inmitten des grauen und trüben Alltags von Leipzig und Ostberlin sahen."

Deckname Margarete

Die 1979 erschienene Erzählung "Kein Ort. Nirgends", eigentlich ein Text über eine Begegnung der Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode, ließ sich, wie Wolf gegen Ende ihres Lebens dem SPIEGEL sagte, auch als Ausdruck ihres Lebensgefühls in der DDR der sechziger und siebziger Jahre lesen: "Es gab für mich keine Alternativen, keinen Ort. Ich habe in der DDR nicht mehr mitgespielt - bin zu keiner Versammlung, keiner Wahl mehr gegangen."

Nur wenn sie sich habe einmischen müssen, sei das anders gewesen, so beim Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976. Christa Wolf gehörte zu den Mitunterzeichnern des offenen Briefs gegen das Einreiseverbot für den Liedermacher, wurde aber anders als ihr Mann Gerhard nicht aus der SED ausgeschlossen.

Geboren wurde Christa Wolf 1929 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen. Ihre Eltern waren Kaufleute. 1945 floh die Familie westwärts. In jenem Jahr, Anfang Mai, sah Wolf Häftlinge aus dem befreiten Konzentrationslager Sachsenhausen. Sie verspürte ein "dumpfes Unbehagen", das bis an "die Schwelle eines Schuldgefühls gedieh", wie es Wolf einmal in ihrem mitunter recht geschraubten, elegischen Ton ausdrückte.

Das Experiment DDR, die Hoffnung auf einen neuen, besseren Menschen, entsprach ihrem Lebensgefühl: "In stolzer Unerfahrenheit waren wir so sicher, jene freundliche Menschengemeinschaft noch zu erleben, für die wir uns ja einsetzen wollten." Im Jahr ihres Abiturs trat Wolf in die SED ein, studierte dann bei Hans Mayer, dem berühmtesten Germanisten der damaligen DDR, arbeitete als Lektorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DDR-Schriftstellerverband.

Wenige Tage nach Christa Wolfs 30. Geburtstag kam es im März 1959 in Berlin zu einer folgenreichen Begegnung: "In Anwesenheit des stellvertretenden Abteilungsleiters Genosse Seidel und des Sachbearbeiters Genosse Paroch in einem inoffiziellen Zimmer in der Französischen Straße 12 (wurde) die Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Christa Wolf als geheimer Informator angeworben", so die entsprechende Stasi-Akte.

Wolf wählte den Decknamen "Margarete". Bei den folgenden Gesprächen mit Wolfs Führungsoffizier ging es um die Einschätzung von Schriftstellern, Verlagsmitarbeitern und Verbandsfunktionären. Die Stasi charakterisierte Wolf als "gesprächig und offen", als "gute Genossin" und monierte doch, ihr fehle "die Sicht für unsere Aufgaben". Als Wolf 1962 von Halle nach Kleinmachnow bei Berlin umzog, schloss die Stasi die Akte.

Operation "Doppelzüngler"

Bald sollte sich das Verhältnis von Schriftstellerin und Staatsapparat grundsätzlich wandeln. Als 1968 Wolfs Roman "Nachdenken über Christa T." nach vielen Gängelungen und Verzögerungen in einer Kleinauflage in der DDR erscheinen konnte, wurde die Verfasserin längst von der Stasi bespitzelt, schließlich wurde unter dem Namen "Operation Doppelzüngler" ein operativer Vorgang daraus.

Als Mittäterin und Opfer steht die DDR-Bürgerin Christa Wolf beispielhaft für die Irrungen und Schwierigkeiten, die der Versuch, die Utopie des Sozialismus auf deutschem Boden zu verwirklichen, mit sich brachte. Als politisch engagierte Schriftstellerin war sie auch eine typische Vertreterin der Generation von Nachkriegsliteraten, die sonst vor allem auf der anderen Seite der Mauer, in der Bundesrepublik, das Wort ergriff. Als man sie 1980 mit der höchsten westdeutschen Literaturauszeichnung, dem Büchnerpreis ehrte, forderte sie, ganz im Stile des pazifistisch bewegten Zeitgeistes: "Literatur muss heute Friedensforschung sein." Als 1986 das Atomkraftwerk in Tschernobyl havarierte, setzte sie sich damit in "Störfall" auseinander. 1999 nahm sie gegen den Nato-Angriff auf Jugoslawien Stellung.

Wie Günter Grass im Westen füllte Christa Wolf eine Rolle aus, die weit über die bloße Schriftstellerei hinausging. Sie war eine gesellschaftliche Institution. Umso mehr erinnert das Bekanntwerden ihrer Stasi-Mitarbeit im Jahr 1993 an die Nachricht, das Grass Mitglied der Waffen-SS war. Plötzlich war bei jemandem, der doch fast immer die richtige, moralisch anständige Gesinnung vertreten hatte, ein unerwarteter Makel zu erkennen. Wolf muss sehr unter den Enthüllungen gelitten haben: "Es waren die härtesten Wochen meines Lebens", sagte sie später.

Manch einer hat Christa Wolf damals voreilig abgeschrieben. Doch anders als so viele Autoren aus der DDR, die mit der Abwicklung der einstmals stolzen, volkseigenen Verlage oder aber mit der Veröffentlichung ihrer Stasi-Akten ins Abseits gerieten, konnte Wolf die Krise der Nachwendejahre überwinden.

Sie wechselte zu Suhrkamp und veröffentlichte dort noch 2010 ihren letzten Roman "Stadt der Engel oder the Overcoat of Dr. Freud". Da war er noch einmal, der typische, warme Wolf-Tonfall, die Art, wie sie Tagebuchhaftes und Romanhaftes mischte - und dafür von einem großen Publikum geliebt wurde. Das zeigte auch der Erfolg dieses Spätwerks, das wie so viele ihrer Bücher sogar zu einem Bestseller wurde. Wohl, weil sich darin eine ganze Generation wiedererkannte, die mit ihr, und das nicht nur im Osten, gelebt, gelesen, gehofft und gelitten hatte: die Generation Wolf.

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