Zum Tode Daniel Keels: Mit Diogenes vom Dürri zur Dörrie

Von Hans-Jost Weyandt

E-Literatur und U-Literatur, für ihn war das kein Widerspruch: Durch einen Anruf von Friedrich Dürrenmatt "stolperte" Daniel Keel in die Großverlegerkarriere - und etablierte mit Diogenes eines der wichtigsten Häuser für deutschsprachige Literatur. Jetzt starb er mit 80 Jahren in Zürich.

Verleger Daniel Keel: die perfekte Symbiose von "E" und "U" Zur Großansicht
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Verleger Daniel Keel: die perfekte Symbiose von "E" und "U"

Er mochte es nicht, sich als Macher zu präsentieren. Die wichtigste Entscheidung seines Verlegerlebens, erklärte Daniel Keel einmal, musste er selbst nicht treffen. "Wotsch du mi?", habe in den fernen Fünfzigern eine Stimme im breiten Berner Dialekt am Telefon gefragt. Und natürlich wollte der junge Verleger diesen Autor haben, dessen Zeichnungen längst seine Neugier geweckt hatten. So trat Friedrich Dürrenmatt seine Weltkarriere als Diogenes-Autor an - und bescherte als früh etablierter Schulbuchklassiker seinem Verlag auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kontinuierliche Einnahmen.

Die Anekdote erzählt viel über Daniel Keel, die neben Siegfried Unseld zweite große Verlegergestalt im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg; über sein Understatement, seinen Witz - und über seine Liebe zur visuellen Kunst, zur Malerei eines Matisse genauso wie zur Zeichnung und zum Comic. Sie war es auch, die ihn in die Verlegerei stolpern ließ - "stolpern": Das Wort ist von ihm.

Als Keel 1952 die makabren Cartoons von Ronald Searle auffielen, drängte es ihn, daraus ein Buch zu machen, und so gründete er seinen Verlag, den er nach dem Spötter unter den griechischen Philosophen benannte. Diese Namensgebung wirkte wie eine befreiende Intervention gegen das Pathos des zuweilen bleiernen Nachkriegsexistenzialismus. Und von einem anarchischen Geist bewegt, der sich nicht lange mit programmatischen Fragen aufhält, ist bis heute das Programm des Zürcher Verlags, das sich in gediegene Leineneinbände kleidet und mit weißen Umschlägen und dem Slogan, "weniger langweilig" zu sein, zur Marke wurde: Diogenes-Literatur halt, die Symbiose von "E" und "U".

"Er ist ein Kunstwerk"

Das Programm des Verlags war schon früh "gekennzeichnet von pessimistischer Philosophie, Verbrechen und perverser Lust", wie der unlängst verstorbene Loriot einmal sagte. Für dieses Spektrum stehen so unterschiedliche Temperamente wie Chesterton, Friedell oder Ludwig Marcuse, wie Simenon, Patricia Highsmith und Ingrid Noll, wie Tomi Ungerer, Maurice Sendak, F. K. Waechter und Hans Traxler ein, auch Loriot selbst. Später, begünstigt durch die Welterfolge von Patrick Süßkinds "Das Parfum" und Bernhard Schlinks "Der Vorleser", wagte sich Keel Liebhabereien, schwer verkäufliche Klassikerausgaben von Stendhal, Maugham, Montaigne.

Und hatte er sich einmal für einen Autor entschieden, so blieb er ihm treu. Das galt besonders für Literaten, die nicht zwingend bestsellerverdächtig schrieben (obwohl fast immer Diogenes-Autoren auf der Spiegel-Bestseller-Liste zu finden sind, derzeit Doris Dörrie und Benedict Wells). Diogenes ist der Verlag Erich Hackls, Hartmut Langes, Urs Widmers und des Briten Ian McEwan - und so unterschiedlich diese Autoren sind, so ist es Keel zu verdanken, dass sie sich überraschend homogen in das Gesamtbild des Verlages einfügen. Er liebte den leichtfüßigen Tanz Fred Astaires und die elegante Mechanik von George Cukors Screwball Comedys, er liebte den anarchischen Traumbilderkosmos Fellinis und den zeichnerischen Witz Tomi Ungerers, der in den Nachkriegsjahrzehnten mit scharfem Strich in bürgerlichen Tabuzonen wilderte.

Der 1930 im Schweizer Einsiedeln geborene Keel war kein Verleger, den es in die Öffentlichkeit drängte, erst recht kein Scheinriese, der sich auf den Schultern seiner Autoren im Erfolg ihrer Bücher sonnte. Hinter sie, die Autoren, trat er stets zurück. Auch war er kein Repräsentant wie Unseld, sondern die Bücher repräsentierten ihn, glaubt man den Lobliedern seiner Autoren: "Er macht das Programm. Es ist sein Kunstwerk.", beschrieb Urs Widmer einmal den Nimbus seines Verlegers, den dieser freilich mit nährte.

Er war ein Anreger und Aufspürer, voller Witz und nicht ohne Koketterie: "Die Vernunft verfolgt mich, aber ich bin schneller", sei einer seiner Lieblingssätze, bekannte er einmal. Das ist eine erstaunliche Aussage für einen Kaufmann, der seinen Verlag zu einem der erfolgreichsten in Europa machte. Doch Keel beharrte stets darauf, dass alle kaufmännische Vernunft im Haus bei seinem Partner Rudolf C. Bettschart zu finden sei.

Die beiden fast auf die Stunde gleichaltrigen Herrn, die im Juni vom Börsenverein für ihr Engagement im Buchhandel ausgezeichnet wurden, dachten nicht ans Aufhören: "Wie alle guten Künstler arbeitet er immer und erweckt nie diesen Eindruck", so nochmals Widmer. "Er tut gern, was er tut; das ist das Geheimnis seines Erfolges."

Bis zuletzt mit seinem Verlag verbunden, hätte der alte Herr sicherlich zu gern erfahren, ob es seine junge Autorin Astrid Rosenfeld am Mittwoch auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis schaffen wird. Am Dienstagmorgen ist Daniel Keel im Alter von 80 Jahren in seinem Wohnsitz in Zürich gestorben.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes erwähnten wir Bernhard Schlinks Roman "Die Vorleserin". Tatsächlich lautet der Titel "Der Vorleser". Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. .-.
wrdlprnpfd 13.09.2011
Zitat von sysopE-Literatur und U-Literatur, für ihn war das kein Widerspruch: Durch einen Anruf von Friedrich Dürrenmatt "stolperte" Daniel Keel in die Großverlegerkarriere - und etablierte mit Diogenes eines der*wichtigsten Häuser für deutschsprachige Literatur. Jetzt starb er mit 80 Jahren in Zürich. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,786073,00.html
Er war, meine ich zu wissen, der einzige, der Loriot in den Anfängen die Chance gegeben hatte. Kein schlechter Instinkt, und der scheint ihn auch nicht verlassen zu haben in der weiteren Verlagsgeschichte.
2. ...
throatwobblermangrove 14.09.2011
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich meine aber doch, dass es eher "Der Vorleser" von Schlink war. Aber macht nix, Herr Keel da oben auf seiner Wolke wird schon wissen, was gemeint war. Ruhen Sie sanft!
3. Dürrenmatts Verlagseintritt
amilittératuresuisse 14.09.2011
Um der Wahrheit ein zweites Mal die Ehre zu geben: Der Eintritt Friedrich Dürrenmatts in den Diogenes Verlag ereignete sich erst 1979 (nicht in den "fernen Fünfzigern"). Zu diesem Zeitpunkt war der Verlag bereits literarisch etabliert - wenn er auch im Vorjahr mit einer erneuten Finanzkrise zu kämpfen hatte. Dürrenmatt wechselte 1979 vom Arche Verlag und dessen Verleger Peter Schifferli zum Diogenes Verlag.
4. Freude, nicht Spaß ...
derverleger. 15.09.2011
"Er tut gern, was er tut; das ist das Geheimnis seines Erfolges." Dem kann man nur zustimmen. Leider steht heutzutage viel mehr die Karriereplanung anstatt Freude am Tun in der Prioritätenliste des beruflich Erstrebenswerten an erster Stelle. Karriereplanung: Ein Wort, das verboten gehört, weil es nicht nur keinerlei Freude enthält, sondern auch keine bringen kann. Etwas gern tun heißt immer auch, Hindernisse zu überwinden, für seine Idee zu kämpfen. Menschen, die ihren Beruf als Berufung sehen und etwas mit (tiefer) Freude und nicht nur aus(oberflächlichem) Spaß tun, scheinen im wahrsten Sinne des Wortes im Aussterben begriffen zu sein. Das macht die Trauer über den Verlust noch ein Stückchen größer. Auch wenn ich Herrn Keel gar nicht kannte. http://thoni-verlag.blogspot.com
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