Zum Tode F.K. Waechters Mich wundert, dass ich so fröhlich bin

Schweine, die "Käsekuchen, Käsekuchen" rufen, gefrorene Schlüpfer die wie Urtiere im Garten stehen: Der Zeichner, Schriftsteller und Satiriker F.K. Waechter war ein Meister des absurden Hintersinns. Der Mitbegründer von "Titanic" und der Neuen Frankfurter Schule ist jetzt gestorben.

Von Wiebke Brauer


Humorist Waechter: Belehren war nicht seine Sache
DPA

Humorist Waechter: Belehren war nicht seine Sache

"Gebt Waechter, was ihm zusteht: Ruhm! Das ist das Mindeste", schrieb Roger Willemsen über den Autor und Cartoonist F. K. Waechter im April letzten Jahres. Dabei lässt sich nicht behaupten, man hätte ihm keine Ehre zukommen lassen - um nur einige zu nennen: 1975 bekam er den Deutschen Jugendbuchpreis für das Kinderbuch "Wir können noch viel zusammen machen", 1999 den Jugendliteraturpreis für die Geschichte "Der rote Wolf", und 2002 zeigte das Historische Museum in Frankfurt am Main die "Jubiläumsausstellung F. K. Waechter". Aber laute Ruhmesbezeugungen mögen Waechter vielleicht sowieso nicht gelegen haben - war seine Feder zwar spitz, schrill waren die Zeichnungen jedoch nie.

F.K. WAECHTER
Legendär ist das Schwein, das mit den Worten "Käsekuchen, Käsekuchen" über den Bürgersteig wandert, während im oberen Geschoss eines Hauses sich jemand aus dem Fenster lehnt und "Pinki, hierher" ruft. Vergnüglich ist die Zeichnung des Frankfurter Bahnhofs, in den offenbar der Heiland einfährt, in der Halle drängen sich Menschenmengen, ein Plakat trägt die Aufschrift "Frankfurt grüßt Jesus". Irritierend sein Gedicht "Am Abend hilft die Jägerin dem Jäger in die Negerin" nebst graphischer Umsetzung. Und typisch für seine Melange aus Bodenständigem und Phantastik: "Minus 30 Grad! Die Wäscheleine war durchgefroren und Frau Pastors Schlüpfer standen im Garten wie Tiere aus einer längst vergangenen Zeit". Waechter überrascht, bringt zum Lachen, will zitiert werden. Waechter bleibt.

Diogenes 2002
Geboren wurde Friedrich Karl Waechter am 3. November 1937 als Sohn eines Lehrers in Danzig, im nahegelegenen Tiegenhof wächst er auf und flieht 1945 mit seiner Familie nach Schleswig-Holstein. Ein Jahr nach seiner Flucht zeichnet Waechter einen Gott in Gummistiefeln und mit Jägerhütchen. Die Reaktion ist anders als erwartet: Man högt sich über sein Frühwerk. Waechter verlegt sich auf das Auftragszeichnen, für einen Klassenkameraden produziert er eine nackte Frau. Die kommt gut an - auch wenn der junge Künstler noch nie eine gesehen hat.

Diogenes 2002
In Hamburg besucht er die Kunstschule Alsterdamm, wird Gebrauchsgraphiker und arbeitet danach in einer Werbeagentur in Freiburg im Breisgau. Die Arbeit und wohl auch das Umfeld sagen ihm wenig zu, erst 1962 in Frankfurt trifft er auf Gleichgesinnte. "Alles ist anders hier" und "alle scheinen 'Linke' zu sein", schrieb er in dem Sammelband "Waechter" von 2002. Mit Robert Gernhardt, Clodwig Poth und Fritz Weigle alias F. W. Bernstein begründet er die Neue Frankfurter Schule, die progressive Satire-Werkstatt der Achtundsechziger. Zusammen rufen sie die "Arnold-Hau-Coop" ins Leben, es wird gezeichnet, gefilmt und gefeiert.

F.K. WAECHTER
Nach seiner Mitarbeit an der Zeitschrift "Pardon" und "Konkret" und der Mitbegründung der Satirezeitschrift "Titanic" erscheint 1970 sein meistverkauftes Buch "Der Anti-Struwwelpeter". Von nun an widmet er sich dem Schreiben und Zeichnen von antiautoritären Kinderbüchern und Theaterstücken. Anfang der neunziger Jahre verlässt er die Satirezeitschrift "Titanic", wo aus sinnvoller Komik bald Klamauk wurde.

Belehren ist nicht Waechters Sache. "Wenn ich jemanden zum Denken und Rätseln anrege, habe ich das gern, und wenn viele Menschen Verschiedenes zu einer Zeichnung denken, freue ich mich besonders", sagte er einmal. Das sei ihm versprochen, sind doch seine Arbeiten so unterschiedlich wie die Reaktionen.

F.K. WAECHTER
Mal gackert man, mal schmunzelt man - oder ist schlicht am Rätseln, woher dieser Mann diese mannigfaltigen Ideen nimmt. Und hat man die Zeichnungen satt, erfreut man sich an seinen Gedichten. Manche sind so schön, man könnte sie glatt auswendig lernen. Aber das hätte F.K. Waechter sicher nicht gewollt.

Ich leb und waiß nit, wie lang,
Ich stirb und weiß nit, wann,
Ich far und weiß net, wahin,
mich wundert, daß ich frölich bin



Waechter starb in der Nacht zum Freitag nach schwerer Krankheit in Frankfurt am Main, er wurde 67 Jahre alt.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.