Zum Tode Frank McCourts Vom Reichtum früher Armut

Mit 13 leckte er vor Hunger seine irische Lokalzeitung ab - die Erinnerungen an seine bitterarme Kindheit im Roman "Die Asche meiner Mutter" machten ihn ein halbes Jahrhundert später berühmt. Jetzt ist Frank McCourt, der einmal sagte: "Der Tod ist ein Witz", im Alter von 78 Jahren gestorben.

Von Nora Reinhardt


Frank McCourt hatte so schlimmen Hunger, dass er sterben wollte. Da war er gerade 13. Er leckte gierig die irische Zeitung "Limerick Leader" seines Onkels ab, in denen ölige Fish and Chips eingewickelt waren. "Ich lecke die Großangriffe von Patton und Montgomery in Frankreich und Deutschland ab. Ich lecke den Krieg im Pazifik ab. Ich lecke die Nachrufe und die traurigen Gedenkgedichte ab, die Sportseiten, die Marktpreise für Eier, Butter und Speck."

Bestseller-Autor Frank McCourt: "Wir Iren haben keinen Respekt vor dem Tod. Er ist ein großer Witz."
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Bestseller-Autor Frank McCourt: "Wir Iren haben keinen Respekt vor dem Tod. Er ist ein großer Witz."

So lakonisch beschrieb Frank McCourt seine elende, von Hunger geprägte Kindheit im irischen Limerick der dreißiger und vierziger Jahre in seinem autobiografischen Debütroman "Die Asche meiner Mutter".

Nun, 65 Jahre später, ist Frank McCourt im Alter von 78 Jahren in einem New Yorker Hospiz an Hirnhautentzündung gestorben. Das teilte die "New York Times" am Sonntag mit. Die Meningitis war die Folge einer Hautkrebserkrankung, von der McCourt im Mai diesen Jahres erfahren hatte.

"Die Asche meiner Mutter" (Originaltitel: "Angela's Ashes") blieb McCourts größter Erfolg. Sein Erstling schlug weltweit ein, brachte ihm viele Preise und 1997 den Pulitzerpreis in der Kategorie Biografie ein. 1999 wurde das Buch von Alan Parker verfilmt. Frank McCourt wollte mit dem Buch, wie er einmal sagte, "den Gestank der Armut zeigen".

Der Schriftsteller entstammt einem elenden Milieu: der Vater Alkoholiker, der die Sozialhilfe im Pub versäuft, und die Mutter gezwungen zu betteln, um die sieben Kinder durchzubringen. McCourt schaffte es, diese Geschichte aus Kindersicht zu schreiben - herzzerreißend, nie bitter. Harry Rowohlt, der das Buch übersetzte, sagte, er möge es deshalb, "weil es so komisch sei, obwohl ständig gehungert und gestorben wird".

Dass Frank McCourt es schaffte, sich aus den prekären proletarischen Verhältnissen zu befreien, hat er seiner Willenskraft zu verdanken. "Lesestoff war etwas so Besonderes, als würde Jesus am Ende der Straße erscheinen", sagte er 1997 in einem Interview. McCourt brachte es vom armen irischen Jungen, der mit 14 Jahren die Schule abbrach, zum Englisch-Lehrer und Ehrendoktor an der Universität Limerick.

Erfolg eines Spätberufenen

Mit 19 Jahren floh Frank McCourt zurück an seinen Geburtsort New York und schuftete als Dockarbeiter, Putzmann, Telegrammzusteller, Kanarienvogelbetreuer im Hotel, im Schlachthof - so verdiente er Geld, um auch seinen Brüdern den Weg aus der Armut zu ermöglichen. Die Wende kam nach seiner Zeit als Soldat in Bayern, denn eine Sonderregelung, die "GI-Bill", erlaubte ihm, auch ohne Schulabschluss Englische Literatur zu studieren. Danach arbeitete er jahrzehntelang als High-School-Lehrer.

Frank McCourts Lebensgeschichte ist die eines zähen, unaufhaltbaren Aufsteigers, der erst spät zu Ruhm und Reichtum kam. McCourt "genoss seinen Ruhm als spätes Wunderkind", wie der SPIEGEL 1999 schrieb. Er kokettierte: "In Restaurants werde ich oft schon in der Tür angesprochen, und bis ich dann endlich am Tisch sitze, bin ich fast verhungert."

Er träumte von einem Haus auf dem Land, einem Pferd, er trug gebügelte Hemden. An sein früheres Leben am Existenzminimum erinnerten nur noch die fehlenden Wimpern, die ihm mit elf Jahren wegen Vitaminmangels ausgefallen waren. Ob er schon früher das Buch hätte schreiben sollen, fragte ihn einmal ein Journalist. Ja, natürlich, antwortete er. "Dann hätte ich nämlich nicht erst jetzt, mit fast siebzig Jahren, in finanzieller Unabhängigkeit gelebt." Ende der sechziger Jahre hatte er schon einmal versucht, seine Lebensgeschichte zu veröffentlichen, war aber gescheitert. Die hundert Seiten, die er damals fertigstellte, waren noch nicht gut genug.

Kaum verwunderlich, dass jemand, der für sein Debüt den Pulitzerpreis bekommt und ein gefeierter Literatur-Star wird, das Schreiben nicht gleich wieder aufgeben will. Doch McCourts folgende Bücher, darunter Teil zwei und drei seiner Memoiren ("Ein rundherum tolles Land", "Tag und Nacht und auch im Sommer"), fanden weit weniger Zuspruch von Feuilleton und Publikum. Das "Time Magazine" bedauerte gar, dass sich Frank McCourt nach seinem Erfolg nicht zurückziehen konnte.

Zuletzt veröffentlichte McCourt im Dezember 2008 ein Büchlein mit einer Weihnachtsgeschichte für Kinder. Auch darin spielen seine Mutter Angela, seine Heimatstadt Limerick und Armut eine zentrale Rolle.

Vor zehn Jahren, 1999, hatte Frank McCourt in einem Interview gesagt: "Wir Iren haben keinen Respekt vor dem Tod. Er ist ein großer Witz."



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