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Zum Tode Hunter S. Thompsons: Gonzos Abschied

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Ein Verrückter, ein Genie, ein Waffennarr: Hunter S. Thompson revolutionierte den amerikanischen Journalismus und wurde mit brillanten Texten zum Chronisten der Gegenkultur. Der Mann, der sich selbst Dr. Gonzo nannte, probierte jede Droge und jeden Exzess - gegen seine nagenden Selbstzweifel half es nicht.

Hunter S. Thompson (1998): Dass er nicht im Bett sterben würde, war vorauszusehen
AP

Hunter S. Thompson (1998): Dass er nicht im Bett sterben würde, war vorauszusehen

Dass er nicht im Bett sterben würde, war vorauszusehen, weil er im Gegensatz zu den meisten Menschen sein Bett nie besonders mochte. Hunter Stockton Thompson blieb meist wach, bis das Morgenlicht in die Küche seines Holzhauses in Woody Creek, Colorado, kroch, und er mit Hilfe seiner Schreibmaschine, einer Flasche Chivas Regal und ein paar Linien Kokain eine weitere Nacht besiegt hatte. Erst dann fand er für ein paar Stunden Schlaf, manchmal sogar in seinem Bett.

Viel lieber als sein Bett mochte der "beste Schriftsteller unter Amerikas Journalisten und der beste Journalist unter den Schriftstellern" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hatte. Drogen und Alkohol fielen darunter, natürlich. Motorräder und Waffen ebenfalls. Aber Thompson verbrannte nicht bloß Energie, er produzierte selbst welche, weil er fand, dass Sätze dahinbrummen müssten wie eine Harley Davidson und dass Pointen einschlagen sollten wie Kugeln aus einer seiner geliebten 45er Magnums. Nur so, fand der selbst ernannte Outlaw, könne er der immer monströser werdenden amerikanischen Wirklichkeit zum Duell gegenübertreten.

"Ich muss mich massiv zuknallen"

Aber seine Kraft und Disziplin ließen nach, immer mehr. Und die Worte, die er mehr liebte als alle Drogen und Waffen, kamen am Ende nur noch wie versprengte Gäste, die an eine vernagelte Hoteltür hämmern. Es muss ein geistesbetäubendes Pochen gewesen sein, manchmal. Vermutlich hat sich Hunter S. Thompson deshalb in der Nacht zum Sonntag in seinem Haus erschossen.

Gonzo-Journalist Thompson (1981): "Nein, schickt sie nicht ab, sie taugt nichts"
AP

Gonzo-Journalist Thompson (1981): "Nein, schickt sie nicht ab, sie taugt nichts"

Ich habe ihn eine Nacht lang beim Schreiben erlebt in seiner Küche im letzten Herbst. Es war Montagabend, im Fernsehen lief Football, und Thompson wettete auf seinen Lieblingsclub, die Indianapolis Colts. Freunde waren da, Partystimmung. Aber so gegen Mitternacht wusste Thompson, dass es kein Entkommen mehr gab und stellte seine IBM Wheelwriter 1600 auf die Küchentheke. Um fünf Uhr früh war Deadline für seine Kolumne. "Okay", sagte Thompson mit seinem typischen, sardonischen Lachen. "Es gibt nur einen Weg, das zu schaffen: Ich muss mich massiv zuknallen." Neben Koks und Whiskey halfen ihm in dieser Schreibnacht zwei sehr blonde Frauen Mitte Zwanzig, die mit Notizblöcken um ihn herumsaßen, jedes seiner Worte einfangend. Um fünf Minuten vor Fünf war die Kolumne fertig. "Nein, schickt sie nicht ab", sagte Thompson, "sie taugt nichts."

Außenseiter mit Selbstzweifeln

Es waren gewaltige Selbstzweifel wie in jener Nacht, die Thompson sein Leben lang quälten - und die ihn gleichzeitig antrieben zu seinem supersubjektiven Hochgeschwindigkeitsstil, welcher unter dem Namen "Gonzo" den amerikanischen Journalismus revolutionieren sollte. "Gonzo" - die einen sagten, es sei ein anderes Wort für "verrückt", die anderen meinten, es heiße so viel wie "letzter Mann, der nach einer durchzechten Nacht an der Theke stehen bleibt".

Thompson (M.), mit Schauspielern Johnny Depp (l.). und Matt Dillon (1998): "Letzter Mann, der nach einer durchzechten Nacht an der Theke stehen bleibt"
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Thompson (M.), mit Schauspielern Johnny Depp (l.). und Matt Dillon (1998): "Letzter Mann, der nach einer durchzechten Nacht an der Theke stehen bleibt"

Wahrscheinlich war Gonzo auch ein neues Wort für Ambition und Leidenschaft, denn Thompson wollte hoch hinaus, von Anfang an. Mit zehn Jahren gab der Sohn einer hoch gebildeten Südstaatenfamilie seine erste Zeitung heraus; mit Anfang Zwanzig trat er den Süßigkeitsautomaten einer Provinzzeitung zusammen und verabschiedete sich damit für immer vom traditionellen Journalismus. Nachts tippte er Bücher von Hemingway oder F. Scott Fitzgerald ab, dazu Briefe an seine Freunde mit fünffachem Durchschlag. 20.000 Stück sollten es am Ende sein.

Es nützte nichts, er blieb ein Außenseiter. Aber Anfang der Sechziger gab es immer mehr Typen wie ihn, und er wurde zum besten Chronisten dessen, was später einmal Gegenkultur heißen sollte: Er fuhr mit den Hell's Angels, schrieb "Fear and Loathing in Las Vegas", half schließlich, Richard Nixon aus dem Amt zu jagen. Den Jahrhundertboxkampf Muhammad Ali gegen George Foreman im Dschungel von Zaïre versäumte er, weil er neben einem leeren Cannabis-Beutel in einem Hotel-Swimmingpool trieb. Natürlich ließ das sein Image als Rockstar der Schreiber noch ein wenig mehr strahlen.

Ein echter Cowboy

Seine Bücher und die Filmrechte zu "Fear and Loathing in Las Vegas" brachten ihm Millionen, aber Geld gehörte nie zu den Drogen, welche Thompson einen echten Kick gaben. Als ich ihn besuchte, im letzten Herbst, war er ziemlich fassungslos, dass es George W. Bush zum zweiten Mal geschafft hatte, Präsident zu werden. Aber Thompson, der sich im Gegensatz zu dem texanischen Westernhutträger als echter Cowboy empfand, war auch kämpferischer Stimmung. Zwei Jahre zuvor hatte er eine Rückenoperation überstanden, ein Jahr danach einen Beinbruch. Beide Male musste er monatelang das Laufen neu lernen.

"If they take the fun out of life, I'll leave" - Wenn sie mir den Spaß am Leben nehmen, dann gehe ich -, hat Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones und einer der besten Freunde von Thompson, einmal gesagt.

Es wird wohl irgend so etwas in dieser Richtung gewesen sein, was ihm durch den Kopf ging, als Hunter Stockton Thompson seine 45er Magnum von der Küchentheke nahm, auf 2600 Metern Höhe in den Rocky Mountains, und beschloss, dass es jetzt besser sei, wenn es nun für immer Nacht bleibt.

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