Zum Tode John Updikes Kleine Bürger, großer Stil

Er war eine der Schlüsselfiguren der US-Nachkriegsliteratur: Der Schriftsteller und Erfolgsautor John Updike ("Ehepaare") ist mit 76 Jahren an Lungenkrebs gestorben. SPIEGEL-Autor Volker Hage erinnert sich an Begegnungen mit einem ganz bescheidenen Giganten.


Die Nachricht vom Tode John Updikes kam überraschend. Noch im vergangenen September hatte er eine ausgedehnte Russland-Reise unternommen. Im Oktober erschien sein neuer Roman "The Widows of Eastwick", und Updike gab höflich wie gewohnt Interviews. Das gehörte für ihn zum Geschäft des Schriftstellers dazu.

In einem kurzen Video aus dieser Zeit, zu finden auf der Internet-Seite der "New York Times", spricht er munter, lebhaft und charmant lächelnd über die bevorstehende Präsidentenwahl in den USA. Am Dienstag jedoch meldete sein Verlag, dass der 76-Jährige einem Lungenkrebsleiden erlag.

Der Erzähler, Romancier, Dramatiker, Lyriker, Literatur- und Kunstkritiker John Updike hat seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 1958 gut und gern 50 Bücher geschrieben: Gedicht- und Essaybände, Erzählungen und vor allem Romane. Sie machten ihn international berühmt, allen voran sein Weltbestseller "Couples", der im Jahr der Revolte 1968 in den USA erschien. Die deutsche Übersetzung unter dem Titel "Ehepaare" kam ein Jahr später heraus. Das war das Buch, mit dem er am meisten Geld verdiente und sich den Ruf als literarischer Spezialist für Ehebruch erwarb.

Es gibt nur eine einzige Verfilmung eines Updike-Romans, die wirklich erfolgreich war: "Die Hexen von Eastwick". Alexandra, Jane und Sukie, drei mit der Hexenkunst experimentierende Frauen einer US-Kleinstadt, lassen sich gemeinsam und lustvoll mit dem Teufel ein, der hier als smarter Erfolgsmann auftritt und Gott energisch für die Gunst der menschlichen Sexualität preist. Der Film kam 1987 in die Kinos und spielte Millionen ein: Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer verkörperten das Hexengespann, Jack Nicholson brillierte als teuflischer und viriler Liebhaber.

Updike war mit dem Film allerdings nicht besonders glücklich: "Die Frauen waren gut, und es gab da einige hübsche Einfälle, die nicht im Buch waren. Dann aber hat Hollywood den Sinn verändert: nämlich dass Frauen auch nicht die besseren Menschen sind. So bleibt nur Jack Nicholson und eine Reihe von special effects: Alles flog in die Luft."

Die späte Wiederaufnahme dieses Hexenmärchens nach einem Vierteljahrhundert, die im Sommer unter dem Titel "Die Witwen von Eastwick" auch auf Deutsch erscheinen soll, wird nun der letzte zu Lebzeiten publizierte Roman dieses großartigen Menschenkenners und mitfühlenden Erzählers bleiben. Die alten Damen treffen sich erneut, sie reisen gemeinsam durch die Welt und kommen auch wieder nach Eastwick, was alte Wunden aufreißt.

Spaß an der Wiederbegegnung

Updike gefiel die Wiederbegegnung mit eigenen Romanfiguren. Seinen berühmtesten und unvergessenen Helden Harry Angstrom, "Rabbit" genannt - "Hasenherz" hieß die deutsche Ausgabe des ersten Bandes -, hat er im Zehn-Jahres-Abstand in vier Romanen auftreten und in einer langen Epilog-Erzählung noch ein letztes Mal aufleben lassen.

Seine Romane haben Updike weltberühmt und reich gemacht. Doch im Grunde fühlte er sich am wohlsten mit der kleinen Form, als Schöpfer wunderbarer Erzählungen, als Lyriker, Essayist und bis zum Lebensende als fleißiger Rezensent. In einer Note an seine vielen deutschen Leser aus dem Jahr 1987 glaubte er sogar, sein Bestes "im Sprint über zehn Seiten gegeben zu haben, bei der einen begnadeten Sitzung, bei der Auftragsarbeit, bei der sich wie im Fall von Aschenputtel herausstellte, dass im Verborgenen mehr Qualitäten blühten, als man vermuten konnte".

"Alles nicht wirklich mein Plan"

Wachsen sei Treulosigkeit, heißt es in einem seiner Romane: "Niemand kann irgendwo ankommen, ohne irgendwo fortgegangen zu sein." Aber ein wenig hat er die Atmosphäre seiner Heimat Pennsylvania, wo er am 18. März 1932 geboren wurde, besonders des kleinen Ortes Shillington, in dem er aufwuchs, stets mit sich getragen.

Er selbst hat in seinem großartigen Erinnerungsbuch "Selbst-Bewusstsein" geschrieben: "College, Kinder, Frauen, genügend Geld, Ruhm, man könnte das ein glückliches Leben nennen. Aber seit meinem 13. Lebensjahr hatte ich das Gefühl, dass das alles nicht wirklich mein Plan gewesen war. Shillington mit seinen trägen Hintergässchen und ins Dunkel getauchten standhaften Häusern entsprach meinem Plan."

Mit Mitte 20 hatte Updike beschlossen, jedes Jahr ein Buch zu publizieren, es musste kein Roman werden, es konnte auch eine Sammlung mit Gedichten, Erzählungen oder Essays sein. Er hielt sich daran, arbeitete bis zuletzt unermüdlich. Der gläubige Christ war auf demütige Art dankbar für sein Talent und seine enorme Schaffenskraft.

"Ich arbeitete mich langsam voran"

Im persönlichen Gespräch war er bescheiden und wirkte mitunter sogar etwas unsicher, zumal er immer fürchtete, wieder ins Stottern zu verfallen wie in seinen frühen Jahren. Das erste Mal traf ich John Updike im August 1983, damals war er 50 Jahre alt, längst ein weltweit berühmter Autor und ein liebenswerter Gastgeber.

Er war damals gerade stolzer Besitzer jenes herrlichen weißen Hauses im Kolonialstil geworden, in dem er bis zu seinem Tod wohnte: in Beverly Farms, eine Autostunde von Boston entfernt, mit weitem Blick über die Massachusetts Bay. Und er war noch ein wenig nervös, so als müsste er sich für den Luxus und die prachtvolle Aussicht entschuldigen. "Das ist nicht gerade ein bescheidenes Haus", sagte er. Er hoffe, es werde ihm kein Unglück bringen. "Ich bin etwas ängstlich angesichts einer so schönen Umgebung."

Das war kein bisschen kokett: Updike stammte aus armen Verhältnissen und verlernte zeitlebens nicht das Staunen darüber, wie gut es ihm mit seiner Karriere als Schriftsteller ergangen war: "Ich war keiner von den jungen Amerikanern, die daran gehen, sofort ein großartiges und langes Buch zu schreiben. Ich arbeitete mich langsam voran."

Vergessen? Nie!

Das ist nun leider vorbei, und auch der Satz von Marcel Reich-Ranicki, der einer der ersten Kritiker war, die sich für Updike in Deutschland einsetzten, ist nun ungehört verhallt: "Ob John Updike ein würdiger Literatur-Nobelpreisträger wäre? Wer, wenn nicht er, wann, wenn nicht jetzt?"

Der Tod, das Nachdenken über den Tod spielte in Updikes Werk immer eine Rolle, in den letzten Jahren immer bedrängender. "Der Tod verliert nie seine Eigenschaft des Unerwarteten. Das Leben erwartet den Tod nicht, der lebendige Verstand kann ihn sich nicht vorstellen." So heißt es im Roman "Landleben".

Und in der Erzählung "Rabbit, eine Rückkehr": "Das Universum macht weiter, rotiert, explodiert, weiß der Teufel, was es alles macht, weiter und weiter, und irgendwann streikt es, und ich bin immer noch in der Kiste, allein und vollkommen vergessen."

Vergessen? Das wird er nicht sein, so lange Menschen Romane lesen. Mit John Updike geht es dem Leser und Verehrer so, wie er es für seinen Harry Angstrom formuliert hat, den bleibenden Helden der amerikanischen Literatur, nämlich "wie mit dem Tod der Eltern: Man hat einen Zeugen weniger fürs eigene Leben, wenn ein Mann stirbt, den man geliebt hat."

Volker Hage ist SPIEGEL-Redakteur und Autor des Buches "John Updike: Eine Biographie" (Rowohlt Verlag, 2007)

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