Zum Tode Jorge Semprúns Im Schatten der Erinnerung

KZ-Überlebender, Romancier, Individual-Sozialist, Kämpfer für ein vereintes Europa: Der Spanier Jorge Semprún war einer der großen politischen Schriftsteller und Erinnerungsarbeiter des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren in Paris gestorben. 

Corbis

Von


Mutter hat es gewusst. Sie habe ihm immer vorausgesagt, er werde entweder Schriftsteller oder Politiker, erinnerte sich Jorge Semprún gegenüber seiner Biografin Franziska Augstein. Geworden ist aus ihm ein politischer Schriftsteller, der die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus, die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und den europäischen Gedanken geprägt hat.

Geboren 1923 in Madrid, wächst er mit sechs Geschwistern in einer linksliberalen Großbürgerfamilie auf. Seine Mutter stirbt, als er neun Jahre als ist. Der Vater, Republikaner, Politiker und später Diplomat, heiratet die Gouvernante der Kinder - unter sich nennen die Geschwister die neue Ehefrau die "böse Stiefmutter". Zwei Monate nach dem Ausbruch des des spanischen Bürgerkriegs 1936 flieht die Familie nach Frankreich.

Als Philosophie- und Literaturstudent an der Sorbonne schließt er sich 1941 einer kommunistischen Résistance-Organisation an, 1942 tritt er in die Kommunistische Partei ein. Auslöser für seinen Beitritt ist die Lektüre von Georg Lukács Schrift "Geschichte und Klassenbewusstsein": Lukács' Idee einer autonomen Partei, die die Trägerin des proletarischen Klassenbewusstsein sein müsse, hatte ihn fasziniert. Von den Gulags der Sowjetunion wird er erst nach dem Beginn der Entstalinisierung Mitte der fünfziger Jahre Kenntnis nehmen - und sich Zeit seines Lebens mit dem Stalinismus auseinandersetzen.

1943 nimmt ihn die Gestapo in Paris gefangen und deportiert ihn ins KZ Buchenwald. Sein Überleben verdankt er einem klandestinen Netzwerk von kommunistischen Insassen. Nach dem Krieg arbeitet er in Paris als Übersetzer bei der Unesco und koordiniert konspirativ den kommunistischen Widerstand gegen die Franco-Diktatur in Spanien. 1957 kehrt er unter dem Decknamen Federico Sánchez nach Spanien zurück und leitet dort die Untergrundarbeit der Kommunistischen Partei.

Viehwaggon nach Buchenwald

1964 schließt ihn die KP Spanien wegen "Abweichung von der Parteilinie" aus. Zu diesem Zeitpunkt hat Semprún mit seinem Debütroman - in französischer Sprache - bereits internationalen Ruhm erworben. "Die große Reise" erzählt von der Deportation von KZ-Häftlingen in einem überfüllten Viehwaggon nach Buchenwald. Fast zwei Jahrzehnte hatte er damit gehadert, seine Erlebnis aus der Nazi-Gefangenschaft zu Papier zu bringen. "Die große Reise" ist nur der Anfang einer schriftstellerischen Erinnerungsarbeit, die sein gesamtes Werk prägen wird.

Nach zwei weiteren Romanen erscheint nach dem Tod des Diktators Franco sein erstes Buch auf Spanisch: "Autobiografía de Federico Sánchez" aus dem Jahre 1977 erzählt von seiner heimlichen Zeit im faschistischen Spanien und rechnet zugleich mit dem Stalinismus ab. Anderthalb Jahrzehnte später wird er seinen ehemaligen Tarnnamen ein weiteres Mal nutzen, um eine Abrechnung zu schreiben: "Federico Sánchez verabschiedet sich" (1993) handelt von seiner Zeit als Kulturminister Spaniens in der sozialdemokratischen Regierung von Felipe González. Semprún, 1988 überraschend ins Kabinett geholt, ist auch als Politiker ein Einzelgänger. Weil er etwa für die Mitgliedschaft Spaniens in der Nato plädiert und den zweiten Golfkrieg im Jahre 1991 als "gerechten Krieg" bezeichnet, verdirbt er es sich mit vielen spanischen Sozialdemokraten.

Obwohl er immer wieder zu seinen KZ-Erfahrungen zurückkehrte, war er ein vielseitiger Autor: 1983 verfasste er eine Biografie über Yves Montand, mit dem er befreundet war. Immer wieder schrieb er auch fürs Kino, unter anderem Drehbücher zu Alain Resnais "Der Krieg ist vorbei" (1966) und zu Costa-Gavras' "Z - Anatomie eines politischen Mordes" (1969).

Das KZ aber bleibt sein Lebensthema. Über die Entstehungsgeschichte von "Der Tote mit meinem Namen" (2002) berichtete er: "Als ich an einem neuen Roman arbeitete, kam mir wieder eine Erinnerung an Buchenwald. Ich las 'Die Trojaner' von Seneca und fand in diesem Stück einen Satz wieder, den mir der junge Franzose, dessen Identität ich später annahm, um der Lager-Gestapo zu entgehen, in der letzten Nacht vor seinem Tode zuflüsterte. Ich unterbrach meinen Roman, um diese verdrängte Szene zu Papier zu bringen."

Der 11. September und KZ-Öfen

Eben diese Eigenmächtigkeit des Gedächtnisses hat die Erzählweise Semprúns geprägt. Er war nie bloßer Chronist, sondern verfolgte eine Erinnerungslogik, die sich die Fiktion als Instrument erwählt und die von Rückblenden und jähen Wendungen geprägt ist. Er hat seine Erinnerungen nicht als Ausdruck eines "kollektiven Gedächtnisses" begriffen - eine These, die auf den französische Soziologen Maurice Halbwachs zurückgeht, der an der Sorbonne einer der Professoren Semprúns war und dessen Sterben Semprún in Buchenwald miterleben musste. Für Semprún war Erinnern immer eigen und selbstermächtigt: "Mein Gedächtnis ist niemals von kollektiven oder gesellschaftlichen Umständen bestimmt gewesen", zitiert ihn Franziska Augstein.

So stehen Leben und Werk Jorge Semprúns für den Imperativ, dass Erinnern gesellschaftliche Konsequenzen haben muss. "In zehn Jahren", erklärt er 2005 bei der Feier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald, werde das "Gedächtnis der Überlebenden nicht mehr existieren, denn es wird keine Überlebenden mehr geben, die eine Weitervermittlung der eigenen Erfahrungen leisten könnten, die hinausginge über die notwendige, aber unzureichende Arbeit der Historiker und Soziologen". Niemand, so Semprún, werde den New Yorkern dann erzählen können, "dass der ekelhafte Geruch, der sich nach den Attentaten vom 11. September von den Zwillingstürmen über das ganze Stadtviertel verbreitete, genau jener der Krematoriumsöfen der Nazis war".

Wenn es auch für die Schrecken der Erinnerung keine Abhilfe geben kann - was die politische Konsequenzen des Nazi-Terrors und des Stalinismus sein müssen, dessen war sich Semprún immer sicher: Die Europäische Union sah er als "die bewundernswerte Aufgabe des Aufbaus einer supranationalen Gemeinschaft unabhängiger Staaten", die allein die Wiederkehr totalitärer Systeme verhindern könne.

Die Vereinigung Europas, so Semprún, könne jedoch erst dann wirksam erfolgen, "wenn wir unsere Erinnerungen miteinander geteilt und vereinigt haben werden".



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Layer_8 08.06.2011
1. Er hat Recht behalten.
Zitat von sysopKZ-Überlebender, Romancier, Individual-Sozialist, Kämpfer für ein vereintes Europa: Der Spanier Jorge Semprún war einer der großen politischen Schriftsteller und Erinnerungsarbeiter des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren in Paris gestorben.* http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,767369,00.html
Im Jahr 2005 hat er bei einer Veranstaltung zum 60ten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz noch daran erinnert, dass 2015 kaum noch Leute leben werden, welche persönlich diese Gräuel erinnern können, und deswegen die Erinnerungskultur sich grundsätzlich ändern muss. Er wurde heftig deswegen kritisiert... Danke für Ihr Lebenswerk und RIP, Herr Semprún!
erkaem 09.06.2011
2. So ist es ............
Zitat von Layer_8Im Jahr 2005 hat er bei einer Veranstaltung zum 60ten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz noch daran erinnert, dass 2015 kaum noch Leute leben werden, welche persönlich diese Gräuel erinnern können, und deswegen die Erinnerungskultur sich grundsätzlich ändern muss. Er wurde heftig deswegen kritisiert... Danke für Ihr Lebenswerk und RIP, Herr Semprún!
Zitat: Die Europäische Union sah er als "die bewundernswerte Aufgabe des Aufbaus einer supranationalen Gemeinschaft unabhängiger Staaten", die allein die Wiederkehr totalitärer Systeme verhindern könne. Die Vereinigung Europas, so Semprún, könne jedoch erst dann wirksam erfolgen, "wenn wir unsere Erinnerungen miteinander geteilt und vereinigt haben werden"" Dem kann kann ich nur beipfichten. Ich möchte noch hinzufügen, wenn wir uns von unserem nationalen Egoismus endlich trennen können.
zuckerpuppe 09.06.2011
3. Zum Tode Jorge Semprúns: Im Schatten der Erinnerung
Genauigkeit als (wenn auch unzureichende) Form des Respekts vor dieser Jahrhundertpersönlichkeit: Er kann sich nicht 2010, wie in der Legende zu Ihrer Bilderserie behauptet, mit Bundeskanzler Schröder getroffen haben. Und das lag nicht an ihm!
decebalus911 09.06.2011
4. Es werden
Zitat von Layer_8Im Jahr 2005 hat er bei einer Veranstaltung zum 60ten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz noch daran erinnert, dass 2015 kaum noch Leute leben werden, welche persönlich diese Gräuel erinnern können, und deswegen die Erinnerungskultur sich grundsätzlich ändern muss. Er wurde heftig deswegen kritisiert... Danke für Ihr Lebenswerk und RIP, Herr Semprún!
immer noch Leute leben, die Seiner, und überhaupt, gedenken werden. RIP Mr. Semprun.
farview 09.06.2011
5. Mir fällt kein Titel ein
Unabhängig von der Lebensleistung von Senor Semprûn: Was bitte ist ein "Individual-Sozialist" ? So was wie eine gerade Kurve ? Eine krumme Gerade ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.