Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zum Tode Marc Fischers: Der Junge mit der Mütze

Von

Mit Björk kletterte er aufs Dach, statt über Lenny Kravitz schrieb er über Gott und den Teufel: Marc Fischer war der Inbegriff des Popjournalisten - mit ihm trat eine ganze Autorengeneration aus dem Off ins Rampenlicht. Im Alter von 40 Jahren ist der frühere "Tempo"-Redakteur nun in Berlin gestorben.

Marc Fischer: Aus dem Off ins Rampenlicht Fotos
Enver Hirsch

Wer Marc Fischers Büro in der Hamburger "Tempo"-Redaktion betrat, merkte schnell, dass hier kein Durchschnittsredakteur seinen Platz hatte: Nicht nur, dass die Unordnung auf Tisch und Boden phänomenal war - was immer sich an Sondermüll der Pop- und Warenkultur angesammelt hatte, zeugte davon, dass hier ein ziemlich weltgewandter, mit den Codes der Gegenwart vertrauter Schreiber hauste. Und dann war da noch ein Sessel mit Cordsamtbezug. Darin saß ein überdimensionierter Plüschbär. Den hatte Marc Fischer wohl auf dem Jahrmarkt gewonnen.

Nach einer längeren drögen Phase hatte "Tempo", in den Achtzigern als sogenannte Zeitgeistillustrierte bekannt geworden, ab 1994 noch mal richtig Fahrt aufgenommen. Prägende Schreiber waren Christian Kracht, sein Debütroman "Faserland" sollte bald erscheinen, und Uwe Kopf, der auf der letzten Seite des Heftes seine geharnischten Kolumnen schrieb. Keiner aber hat das Blatt in dieser Zeit so verkörpert wie Marc Fischer.

Fischer war Mitte 20. Ein gewitzter, zurückhaltender, schmaler Hamburger Junge, der sich gern die Ärmel seines Wollpullovers über die Handgelenke zog. Wohl nie hat ihn damals in der Öffentlichkeit jemand ohne Schirmmütze gesehen. Für eine gewisse Zeit war Fischer fast ein Popstar - oder zumindest Inbegriff des Popjournalisten. Popjournalismus, diese in den Neunzigern neu entstandene Form des Journalismus, hatte weniger damit zu tun, dass seine Schreiber bevorzugt über die Phänomene der Popkultur schrieben, die damals in den Medien noch kaum vorkam, sondern dass sie die Grenzen zur Literatur so weit zu überschreiten versuchten, wie das die festgezurrten Formate der Branche zuließen. Popjournalismus zeichnete sich durch dreierlei aus: 1. Phantasie war wichtiger als Recherche; 2. kein Satz sollte so geschrieben sein, wie man es auf den Journalistenschulen beigebracht bekam. Und, 3., die Texte waren ziemlich subjektiv.

Popstar befragt Interviewer

Niemand beherrschte das so wie Marc Fischer. Als er Kate Moss in Paris besuchte, schrieb er erstmal darüber, dass man ihn nicht ins Ritz lassen wollte. Als ihn eine Plattenfirma zu Lenny Kravitz nach New Orleans schickte, kamen in seinem Text zwar Gott und der Teufel vor, kaum aber Kravitz - das Label, das den teuren Flug bezahlt hatte, war entsetzt.

In keinem seiner Texte aber konnte man die Prinzipien seiner Arbeitsweise, und damit die des Popjournalismus, so verdichtet finden, wie in einem Interview, das er im Sommer 1995 mit der Sängerin Björk führte.

Nicht nur, dass Fragen wie die, ob sie als Kind zum Mond reisen wollte, für den in Formelhaftigkeit erstarrten Kulturjournalismus dieser Zeit ziemlich ungewöhnlich waren. Fischer kletterte während des Gesprächs mit der Sängerin aus dem Zimmer durch ein Fenster aufs Dach, im veröffentlichten Interview kam die Szene ebenso vor wie die Passagen, in denen nicht der Interviewer den Popstar, sondern der Popstar den Interviewer befragte. Mit Fischer hatte der Journalist in diesem Moment seinem ihm sonst gebührenden Platz im Off, im Hintergrund, verlassen und war selbst auf die Bühne getreten.

Die "Tempo"-Redaktion setzte daneben ein Foto, auf dem Fischer genauso groß zu sehen war wie Björk. Wahrscheinlich hatten sie längst gemerkt, dass sie nicht irgendeinen Redakteur beschäftigten - sondern den Journalisten der Neunziger schlechthin.

Niemandsland zwischen Journalismus und Literatur

Im April 1996 wurde "Tempo" eingestellt. Die Errungenschaften des Popjournalismus, der zu Beginn so neuartig und spielerisch gewesen war, sickerten langsam durch die Medienbranche. Sie sind heute auf der Aufmacherseite der "Zeit" ebenso selbstverständlich wie bei "Bild am Sonntag" und in den bemüht witzigen Einspielfilmchen der "Sportschau".

Doch wie so oft bei Epochenbrüchen waren es nicht die Vorreiter, die Karriere machten, sondern eine weniger stürmische Nachhut. Marc Fischer schrieb für das "jetzt"-Magazin der "Süddeutschen", für den SPIEGEL, für den "Stern", war Reporter bei "Vanity Fair". Doch nie wieder gingen die Strömungen der Zeit, die Möglichkeiten, die eine Redaktion ihm einräumte, und Fischers unbestreitbares Talent so glücklich zusammen wie bei "Tempo".

Wie viele Journalisten der Zeit veröffentlichte Fischer Romane ("Eine Art Idol" und "Jäger") und lotete darin die von Vorbildern wie Bret Easton Ellis und Douglas Coupland vorgegebenen Möglichkeiten der Popliteratur aus. Sein eigentliches Metier aber war nicht der Roman, sondern jene schwer greifbare Mischform im Niemandsland zwischen Journalismus und Literatur.

Um so viel versprechender war die Ankündigung, Fischer habe sich für das Buch "Hobalala" in Brasilien auf die Suche nach dem Bossa-Nova-Urvater João Gilberto gemacht. Eine literarische Langzeitreportage - das musste seine Form sein.

Marc Fischer sollte ihre Veröffentlichung Ende April nicht mehr erleben. Am Samstag ist er überraschend in Berlin gestorben. Er wurde 40 Jahre alt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bei aller Trauer...
Jott, 06.04.2011
...um Marc Fischer (Er und "Tempo" haben mir die 80er und 90er stark erleichtert): Glückwunsch! Mehr Fehler als in der Bildunterschrift zu Bild 3 kann man in so wenig Text nicht unterbringen. Sie haben Glück gehabt, dass der Mann auf dem Bild tatsächlich Marc Fischer ist...
2. Klischee im Quadrat
Bala Clava 06.04.2011
Zitat von sysopMit Björk kletterte er aufs Dach, statt über Lenny Kravitz schrieb er über Gott und den Teufel: Marc Fischer war der Inbegriff des Popjournalisten - mit ihm*trat eine ganze Autorengeneration*aus dem*Off ins Rampenlicht. Im Alter von 40 Jahren ist der frühere "Tempo"-Redakteur nun in Berlin gestorben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,755325,00.html
Wenn irgendwas vollkommen durchschnittlich für einen Lohnschreiber ist, dann Chaos am Arbeitsplatz. Ganz schlechter Ansatz, um was Besonderes herauszustreichen. Epic fail. Überraschung sähe anders aus: Superordnung beispielsweise.
3. Korrigiert
Jott, 06.04.2011
Zitat von Jott...um Marc Fischer (Er und "Tempo" haben mir die 80er und 90er stark erleichtert): Glückwunsch! Mehr Fehler als in der Bildunterschrift zu Bild 3 kann man in so wenig Text nicht unterbringen. Sie haben Glück gehabt, dass der Mann auf dem Bild tatsächlich Marc Fischer ist...
Ist korrigiert worden, danke!
4. Vorreiter?
ColonelCurt 06.04.2011
Ein trauriger und bedauerlicher Tod, der mir sehr leid tut. Als Anmerkung sei gestattet: Vorreiter dieses ganzen Genres waren doch nach meiner Wahrnehmung Diedrich Diederichsen und seine Mitstreiter bei Sounds und Spex von 1979 bis Ende der 80er, legendär sind die Interviews mit Iggy Pop, John Cale, Grace Jones, Prefab Sprout et. al., wo die konventionellen Rahmungen, genau wie hier im Artikel beschrieben, aufgehoben wurden.
5. Traurig
felidae177 06.04.2011
Wieder ist ein Guter viel zu früh gegangen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: