Zum Tode Oriana Fallacis Schreiben an vorderster Front

Als Reporterin stürzte sie sich in Kriege, provozierte Staatsmänner und hohe Geistliche und schmiedete ihren Stil zur Waffe gegen Ungerechtigkeit und Korruption: Oriana Fallaci war die große Unbequeme der journalistischen Literatur.


Bis zuletzt blieb sie ein streitbarer - manche fanden: verblendeter - autarker Geist. Das Leben der in der Nacht zum Freitag in ihrer Geburtsstadt Florenz verstorbenen italienischen Schriftstellerin und Journalistin Oriana Fallaci oszillierte zwischen Wut und Stolz - zwei Worte, mit denen sie ihr 2001 erschienenes Buch bezeichnenderweise überschrieb. Geprägt von der Erfahrung des italienischen Faschismus unter Mussolini und dem Schicksal ihres Vaters, der als Kritiker des italienischen Diktators verhaftet und gefoltert wurde, bildete sich frühzeitig in ihr der Widerstand gegen jede Form der Repression. Oriana Fallaci, 1930 in Florenz geboren, schlug sich auf die Seite jener, die mit Worten kämpfen gegen Unterdrückung, Machtmissbrauch und politische Willkür.

Die Italienerin Oriana Fallaci, 1963, als sie nach New York zog, um zum Weltstar des Journalismus zu werden
DPA

Die Italienerin Oriana Fallaci, 1963, als sie nach New York zog, um zum Weltstar des Journalismus zu werden

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs, sie war gerade 15 Jahre alt, begann sie als Journalistin zu arbeiten - als unerschrockene Agentin der unterdrückten oder verschleierten Wahrheit, die in all ihren Essays und Reportagen furchtlos Position bezog gegen die Mächtigen. So avancierte sie bald zu einer ganz ihrem Instinkt gehorchenden großen Unbequemen, die Journalismus nicht alleine als das möglichst authentische Abbilden herrschender Misstände verstand, sondern als ein Instrumentarium, das es ihr erlaubte, die moderne italienische Gesellschaft aktiv mit zu gestalten.

Einschneidende Worte

Geschult am utopischen Denken eines Antonio Gramsci, der den Sozialismus als kontinuierliche Weiterentwicklung einer Gesellschaft definierte, in der die Freiheit des Einzelnen in zunehmendem Maße realisiert wird, verstand Oriana Fallaci das geschriebene Wort "als eine Art Skalpell, das schonungslos Eiterbeulen aufschneidet". Und sie machte ernst damit, ließ ihren vollmundigen Ankündigungen Taten folgen: 1967 ging sie als Kriegsreporterin nach Südvietnam, wo sie den Krieg unmittelbar miterlebte.

Ihre Frontberichte für die Londoner "Times", das "Life"-Magazin und die "New York Times" waren scharf umrissene Schilderungen der Kampfhandlungen und machten in ihrer plastischen Dichte zugleich anschaulich, dass das Wesen des Kriegs auch die Kapitulation der Sprache vor der sinnlosen Zerstörungskraft der Waffen ist. Das 1969 unter dem Titel "Wir, Engel und Bestien" erschienene Buch schildert anschaulich ihre Erlebnisse in Vietnam - und markierte den Anfang ihrer stetig wachsenden internationalen Bekanntheit.

Oriana Fallaci fand eine neue und schmerzhaft genaue Sprache für die Lebens- und Sterbenswirklichkeit an all den Kampf- und Kriegsschauplätzen, die sie ebenso ruhelos wie unerschrocken bereiste. Sie war dort, als 1968 in Mexiko während des Auftakts zur Sommerolympiade die Proteste Aufständischer mit Gewalt niedergeschlagen wurden, und berichtete aus dem Libanon ebenso wie 1991 mit Beginn des ersten Golfkrieges aus dem Irak.

Provokation als Stilprinzip

Dass sie mit Büchern wie "Inschallah", "Ein Mann" (das ihre Liebe zu dem 1976 mutmaßlich ermordeten griechischen Widerstandskämpfer Alekos Panagoulis beschrieb) und ihrem berühmten "Brief an ein nie geborenes Kind" Welterfolge feierte, machte sie jedoch nicht ruhiger, sondern förderte ihren Mut zum Risiko und ihre wachsende Lust an der Provokation. Ihre Interviews mit Willy Brandt, Yassir Arafat, Henry Kissinger und Deng Xiaoping schrieben Mediengeschichte und gelten noch heute als leuchtende Beispiele für unerschrockenen Journalismus. Kaum einer konnte sein Gegenüber derart gekonnt bloßstellen wie die Fallaci. So wurde etwa ein Interview mit Ajatollah Chomeini abgebrochen, weil sie sich während des Gesprächs vor Wut den Tschador vom Leib riss.

Zuletzt schrieb die Italienerin, die inzwischen überwiegend in New York lebte und seit einigen Jahren gegen eine Krebserkrankung ankämpfte, fast ausschließlich über den sich zunehmend radikalisierenden Islam, über Terrorismus und die ihrer Meinung nach zu nachsichtigen Reaktionen des Westens. In ihren in Buchform unter dem Titel "Die Wut und der Stolz" publizierten Essays zu den Anschlägen des 11. September 2001 schien sie schließlich jedes Augenmaß verloren zu haben - und wagte die kulturpessimistische These, der dekadente Westen habe den fanatischen Islamismus durch sein allzu liberales Verhalten überhaupt erst zum Entstehen gebracht. Eine rabiate Überzeugung, die den zunehmenden Verlust ihrer eigenen liberalen Gesinnung spiegelte.

2005 ging sie sogar noch einen Schritt weiter: "Europa ist nicht mehr Europa, es ist 'Eurabien", schrieb sie. "Eine Kolonie des Islam, wo die islamische Invasion nicht nur physisch fortschreitet, sondern auch auf geistiger und kultureller Ebene. Unterwürfigkeit gegenüber den Invasoren hat die Demokratie vergiftet, mit offensichtlichen Konsequenzen für die Gedankenfreiheit und für das Konzept der Freiheit selbst."

Kritiker taten ihren zunehmenden Hass auf die arabische Welt als Verblendung einer enttäuschten Utopistin ab. Die Verfeinerung und Verschärfung der journalistischen Literatur bleibt dennoch ihr Lebenswerk - und gültiges Testament.

76-jährig ist die grosse alte Dame des italienischen Journalismus vergangene Woche den Folgen ihrer Krebserkrankung erlegen.



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