Zum Tode Robert Gernhardts Es geht immer heiter

Robert Gernhardt war das Universalgenie der komischen Literatur. Wilhelm Busch und Christian Morgenstern waren seine Ahnherren, Heine und Tucholsky seine Geistesgefährten. Jetzt ist der Dichter gestorben - ein Verlust, den keine noch so heitere Zeile mildern kann.

Von Daniel Haas


Mit wem hat man ihn nicht verglichen: mit Klopstock, Goethe, Schiller, mit Heine und Morgenstern und natürlich mit Brecht und Wilhelm Busch. Tatsächlich hat Robert Gernhardt jene zweite, intellektuell verspielte Linie der deutschen Literatur neben der geistesschweren, titanischen fortgeführt wie kaum ein anderer Gegenwartsdichter.

Wie Brecht beherrschte er die verschiedensten Tonfälle und Sprechweisen, war formal so einfallsreich und souverän wie nur die Größten seines Fachs. Thematisch wagte er sich dafür ins Kleinste und Geringste vor; kein Thema, auf das er sich nicht mit Scharfsinn und Witz einen Reim hätte machen können. Auch die das aktuelle Geschehen bestimmende Fußball-WM hätte er mit seiner unvergleichlichen Mischung aus Witz und Klugheit kommentiert. Er hatte es ja schon mal getan, mit seinem wunderbaren Gedicht "Italien-Mexiko, Fußball-WM, 28.6.94".

Robert Gernhardt: Einmalig vielseitig
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Robert Gernhardt: Einmalig vielseitig

Aber auch Bungee-Jumping ("Freier Fall") oder Schlankheitstortur ("Diät-Leiden (mit Ohrfeigenbegleitung)") gingen in sein lyrisches Schaffen ein; das "vermeintliche Ende einer Fliege" war ihm ebenso eine dichterische Betrachtung wert wie "Freundinnen im Speisewagen Karlsruhe-Kehl, 27.10.1995".

Der Vielfalt der Themen entsprach die formale Beweglichkeit: Alle Genres beherrschte er meisterhaft, sein Repertoire erstreckte sich von Balladen über Couplets bis zur Litanei und Terzine. Zudem gab es die großen Zyklen wie zum Beispiel "Herz in Not", jenen Korpus von hundert Siebenzeilern zum Thema Herzinfarkt. Jetzt wird man diese Texte nicht mehr in Sorge, sondern in tiefer Trauer um den Dichter wieder lesen.

Sein Tod raubt Deutschland, wo der Spezialist Respekt genießt und der Universalist suspekt ist, ein Genie der Leichtigkeit. Leicht werden war eines der ästhetischen Kriterien, das Italo Calvino kurz vor seinem Tod zum Gebot für eine Literatur des neuen Jahrtausends machte. In diesem Sinne war Gerhardt ein Autor des Jetzt und Heute wie kaum ein anderer; seine Gegenwartsliebe kannte keine Scheu vor dem Cartoon, der Satire oder dem Schauspiel. Er warf Ballast ab - konventionellen, intellektuellen -, um diesen betörenden Sound zu kreieren. "Eine Vermischung von hehren Inhalten und schnödem Jargon" hat der Dichter sein Verfahren selbst einmal genannt.

Dieses vollständige Fehlen von Prävention und Distinktionsgehabe spiegelt sich in seinem Werdegang: Er war Kolumnenautor für "Pardon" und Versetüftler für die "Titanic" und sogar Pointenlieferant für den Spaßvogel Otto Waalkes. Wer dem Witz zu funkelnder Brillanz verhelfen will, muss auch blödeln können, das wusste der 1937 in Reval geborene Künstler, und in seinen Bildergeschichten von obszönen Bären und derangierten Schweinen blitzte es auch immer wieder durch, dieses Vergnügen am Klamauk, der doch nie ins Zotige abrutschte.

Wenn nun Bilanz gezogen wird über diesem reichen Dichterleben, sollte man es mit Gernhardt selber tun, mit seinen Texten, vor allem der wunderbaren Sammlung "Lichte Gedichte", die bereits 1997 erschien und in der neben den munteren Reim von Wehmut, ja Schmerz geprägte Reflexionen treten. "Das Leben hat mir die Instrumente gezeigt", ist in besagtem Herz-Zyklus zu lesen - nüchterner und zugleich dringlicher lässt sich der Ernst des Älterwerdens und die Gewissheit der eigenen Vergänglichkeit nicht formulieren.

Und wie hier ein Dichter das Innere zum Thema machte, ohne Betroffenheitsgesten oder Lamento-Klänge; wie Befindlichkeit Sprache wurde, ohne Bloßstellungsattitüde, aber doch scharfsinnig, selbstironisch, unbestechlich, das kann der Literatur, dem Leser, der Leserin eine Lektion sein in Tapferkeit und Redlichkeit.

Gernhardt, Sprachrohr des von Krankheit gezeichneten lyrischen Ichs, schrieb: "Er wünscht sich einen Fotografen/herbei/Von Tag zu Tag sehe ich, wie sich im Spiegel ein Gesicht entwickelt:/Das eines Großen Leidenden/Das eines Vieles Wissenden/Das eines Tiefes Schauenden -/Das Gesicht fürs Feuilleton und für die Gesammelten Werke."



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