Zum Tode Ryszard Kapuscinskis: Der beste Reporter der Welt

Von Claus Christian Malzahn

Der Reporter und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski ist tot. Sein Arbeitsplatz war der Planet Erde. Er kannte die Welt nicht nur - er konnte sie auch erklären. Und wer kann das schon, heutzutage?

Es war Anfang der neunziger Jahre, an einem Wintertag im kalten, gerade wiedervereinigten Berlin. Im Café Adler am Checkpoint Charlie feierte eine geschlossene Gesellschaft von Schriftstellern und Journalisten irgendetwas; der Anlass war unwichtig, aber man rechnete mit einem hohen Gast: Ryszard Kapuscinski, so hieß es, sei in der Stadt und käme vielleicht noch vorbei. Irgendwann, kurz vor Mitternacht, schob ein älterer, schlanker Herr dann den schweren Vorhang an der Eingangstür beiseite und lugte vorsichtig in den Saal. Kaum jemand bemerkte ihn, die Gäste waren mit sich selbst und den Kosten der Wiedervereinigung beschäftigt, sie schwangen mahnende Reden und hielten ihr drittes oder viertes Rotweinglas in der Hand und ab und zu in die Höhe.

Der Mann sah das alles mit einem kurzen Blick, prüfte noch ein paar Sekunden fachmännisch den Tisch ganz hinten rechts: da saß Günter Grass zwischen zwei ostdeutschen Betriebsräten, die dem Dichter seit Stunden erklärten, dass der reale Sozialismus auch sein Gutes gehabt habe - und der Dichter machte Rauchzeichen aus seiner Pfeife dazu und nickte hin und wieder.

Da verschwand der Mann nach drei Minuten so leise, wie er gekommen war. Diese deutsche Szene im Café Adler interessierte den Polen nicht die Bohne, egal, ob nun ein deutscher Anwärter auf den Nobelpreis mittenmang saß oder nicht. Ryszard Kapuscinski interessierte sich für das wahre Leben, und er wusste: Damit haben Journalisten meistens gar nichts zu tun.

Seine ersten Auslandsreisen machte er in den fünfziger Jahren, zu einer Zeit, als internationaler Krisen- und Kriegsjournalismus noch eine sehr übersichtliche Angelegenheit war. Ein Russe, ein Amerikaner, ein Brite, ein Franzose - und Kapuscinski eben, viel mehr Journalisten waren nicht unterwegs, viel mehr war nicht nötig. Und während der Ami, der Brite und der Franzose und selbst der Russe dann in teuren Nobelherbergen abstiegen und sich tolle Geschichten an der Hotelbar erzählten - zählte Kapuscinski nur seine Zloty und mietete sich in einer Kaschemme ein. Devisen hatte die Polnische Presseagentur ihrem Reporter nicht mitgegeben, weil die PAP keine Devisen bezahlen konnte.

Kürzeste Erklärung der Menschenrechte

Er schlief in Bambushütten, in verlausten Betten, unter freiem Himmel; er trank mit schmutzigem Wasser gekochten Tee und aß, was es eben so gab und was keineswegs immer identifizierbar war: Er lebte so wie die Menschen, über die er schrieb. Und er liebte sie. In Afrika beobachtete er einmal eine Versammlung in einem besonders armen Dorf; die Leute baten ihn um ein paar Worte. Kapuscinski war verlegen, doch die Menschen drängten ihn. Dann sagte er, ohne groß zu überlegen: "Jeder von Euch hat ein besseres Leben verdient." An diese kürzeste Erklärung der Menschenrechte aller Zeiten glaubte er, dafür riskierte er sein Leben. Er fing sich Malaria ein, er wurde von Söldnern eingesperrt, er riskierte immer wieder seine Haut für eine gute Geschichte. Dann betete er: Bitte lieber Gott, lass mich noch einmal davonkommen, danach werde ich nie wieder etwas Gefährliches tun.

Ryszard Kapuscinski war neben V.S. Naipaul der beste Reporter der Nachkriegszeit, die er häufig mitten im Krieg verbrachte. Sein Arbeitsplatz war der Planet Erde; er kannte ihn wie seine Westentasche. Doch es ging ihm nicht nur darum, die literarische Anwaltschaft der Dritten Welt zu übernehmen. Sein kurz vor der polnischen Solidarnosc-Revolution veröffentlichtes Buch über den "König der Könige" in Äthiopien - gemeint ist der Diktator Haile Selassi - las sich vor allem als Parabel über totale Herrschaft. Er berichtete über Kriege in Lateinamerika, die wegen verlorener Fußballkriege begonnen werden; er sezierte das Sowjetimperium, das sich sein Land einverleibt hatte.

Eine Seite am Tag war viel

Er verstand das Leben der Ärmsten, weil er aus eigener Erfahrung wusste, dass die Dritte Welt von Europa manchmal nur eine Generation entfernt war. Er selbst stammte aus Pinsk. Die einst zum Osten Polens gehörende Gegend zählte früher zu den ärmsten Regionen Europas. Die Bauern lebten neben Sümpfen, die Menschen waren einfach gestrickt und fest in ihrem Glauben. Bevor die Deutschen - und auch die Sowjets - die Menschen ermordeten und deportierten, lebten Weißrussen, Polen, Juden und Litauer dort friedlich zusammen. Aus diesem Stoff wollte er sein letztes Buch weben.

Als er älter wurde und einen Bypass nach dem anderen gelegt bekam und mit einer künstlichen Hüfte Treppen steigen musste, reiste er mit dem Finger über seinen schriftlichen Notizen. Die Dachkammer in seinem Haus - in einem der wenigen, nicht im Krieg zerstörten Warschauer Altbauvierteln gelegen - ist bis unter die Decke mit Schreibblöcken voll gestapelt. Kein Telefon, kein Internet: Hier dachte und schrieb Kapuscinski und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Eine Seite am Tag war viel.

Aus den manchmal Jahrzehnte alten Stichwörtern komponierte er seine wunderbaren Bücher. Er schrieb auch über sich. Aber nicht aus Eitelkeit. Sondern weil er überzeugt war, dass eine gute Reportage nicht nur eine gute Geschichte braucht. Neben der Dramatik der Ereignisse zählte für Kapuscinski auch der kluge, originelle Gedanke des Autors. In einer Zeit, in der alle Alles schon zu wissen glauben, weil die Bilder eines Ereignisses heute schneller in der Welt sind als jemals zuvor und in der das Internet das Phänomen der gefühlten Nachrichten noch verstärkt, ist der Tod des Essayisten Kapuscinski ein bitterer Verlust. Denn dieser kosmopolitische Pole konnte die Welt nicht nur beschreiben, er konnte sie auch erklären. Und wer kann das schon?

Ryszard Kapuscinski gehört zu den glaubwürdigsten Journalisten, die es je gegeben hat. Sein letztes veröffentlichtes Buch ist eine Hommage an sein großes Vorbild, den antiken Reporter Herodot. "Die Götter sind neidisch und wankelmütig" schrieb der in seinen Historien. Und Kapuscinski, der natürlich an Gott geglaubt hat, weil es im Kugelhagel keine Atheisten gibt, wusste: "Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies."

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