Zum Tode Stanislaw Lems Der optimistische Pessimist

Stanislaw Lem war ein Science-Fiction-Schriftsteller, dem die Zukunft stets suspekt war. Viele Errungenschaften der modernen Technik nahm er in seinen Utopien vorweg, aber stets warnte er die Menschheit vor ihrer Hybris. Heute ist Lem im Alter von 84 Jahren gestorben.

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Den vielleicht prophetischsten Satz schrieb Stanislaw Lem 1961 in seinem Roman "Solaris": "Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel". In dem zweimal erfolgreich verfilmten Science-Fiction-Buch stoßen Wissenschaftler auf einer Raumstation mit einer fremden Planeten-Intelligenz zusammen, die wundersame Kräfte besitzt, die über das Vorstellungsvermögen der Menschen weit hinausgehen. Die Astronauten werden in einen Wettstreit gegensätzlicher Emotionen gestürzt: Xenophobie gegen Neugier.

Autor Lem: Angst vor der Invasion der Technik
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Autor Lem: Angst vor der Invasion der Technik

Dieses Grundthema findet sich in vielen Romanen Stanislaw Lems. Ob in "Eden" oder "Der Unbesiegbare", oft ging es um die Erforschung fremder, extraterrestrischer Formen der Intelligenz und deren Abgleich mit den Grenzen des menschlichen Geistes. Kritischer Geist, der er war, versuchte Lem stets, den Menschen auf seine Hybris hinzuweisen: So viel er auch erforscht und herausgefunden haben mag, wie weit er auch in den Weltraum einzudringen vermag, die Schöpfung ist ihm doch immer um einige Schritte voraus. Der Mensch als gottgleiche Kreatur, die dank wissenschaftlicher Erkenntnisse die Gesetze der Natur aushebelt und beherrscht - diese Vorstellung war Lem ein ewiges Menetekel.

"Bereits als Kind scharte ich elektrostatische Geräte, Induktoren und Vakuumröhrchen um mich", erzählt er im vergangenen Jahr der "Zeit". Die Wissenschaft bezeichnete er als "erste große Liebe sozusagen". Dabei begann Lem, 1921 in Lwow (Lemberg) als Sohn eines polnisch-jüdischen Arztes geboren, nach dem Abitur zunächst ein Medizinstudium, das er jedoch im Krieg abbrechen musste. Später arbeitete er tatsächlich als Arzt am Krakauer Konservatorium Naukozncze, ab Anfang der fünfziger Jahre betätigte er sich jedoch vermehrt als freier Schriftsteller.

Lems erster Science-Fiction-Roman erschien bereits 1946 in einer Heftreihe, geriet aber in Vergessenheit, bis er 1989 unter dem Titel "Der Mensch vom Mars" neu aufgelegt wurde. Als Debüt-Roman Lems galt lange das Buch "Hospital der Verklärung" (1948), dessen Veröffentlichung jedoch von der polnischen Zensur vereitelt wurde.

Zu Lems literarischen Schaffen gehören nicht nur Romane, sondern auch Gedichte, Humoresken, Märchen, Fabeln und zahlreiche Essays, die bis in in die späten Neunziger hinein in wissenschaftlichen Pubklikationen veröffentlicht wurden.

In den letzten Jahren hatte sich Lem jedoch weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Teils, weil ihm das Genre der Science-Fiction, dem er zugerechnet wird, mehr und mehr zur Gräuel wurde, teils aber auch, weil er angesichts der fortschreitenden Technikentwicklung immer mehr zum Pessimisten und Mahner wurde.

Dabei hat Lem viele Errungenschaften der modernen Zivilisation in seinen Büchern bereits vorhergesehen: Schon 1954 entwarf er Computernetze und schrieb in seinem Roman "Lokaltermin" von den Vorläufern der Internet-Suchmaschine. Doch gerade die drohende Verschmutzung der "Informationsumwelt" durch zu viele kursierende Daten und Mitteilungen begann den Schriftsteller zu verdrießen. Auch im hohen Alter verzichtete er darauf, im Internet zu recherchieren und suchte das persönliche Gespräch mit Wissenschaftlern zur Recherche.

Auf dem Laufenden blieb Lem trotz Abgeschiedenheit und Abnabelung von der Infoirmationsgesellschaft: In einem seiner letzten Interviews sprach er über den Atomkonflikt zwischen den USA und Iran und warnte vor einem drohenden Nuklearkrieg. Bei der Frage nach der Zukunft des Menschen, sagte er in dem Gespräch, "verspüre ich immer eine gewisse Unruhe".

Gewarnt vor ihrer Selbstüberschätzung hat er die Menschheit immerhin schon früh. Mit dem ihm eigenen Humor parodierte er in zahlreichen Romanen das ihm so verhasste Science-Fiction-Genre mit seinem überhöhten Glauben an den technischen Fortschritt, indem er die Protagonisten seiner eigenen Bücher mit alltäglichen Problemen konfrontierte. Unvergessen ist, wie der tölpelhafte Pilot Pirx, eine der Lieblingsfiguren Lems, die in vielen Büchern auftaucht, mit verdorbenen Lebensmitteln, vergesslichen Robotern und den Sinnlosigkeiten der Weltraum-Bürokratie kämpft.

Lems Helden sind sternenfahrende Don Quichottes, die nicht gegen Windmühlen kämpfen, sondern gegen die Invasion der Technokratie in die geistige Welt. Es sind nachdenkliche Schöngeister, die hoffen und zweifeln, "optimistische Pessimisten", wie Lem sich einmal selbst bezeichnete.

Aus dem Utopisten ist im Alter ein Dystopist geworden, ein zuweilen laut polternder Kritiker, der Flüge zu fernen Planeten als "Wahngebilde" bezeichnet. Angesichts der vielen ökologischen und politischen Probleme auf der Erde solle man aufhören, ihn mit "mit dem Science-Fiction-Schwachsinn" zu behelligen. Die Steigerung der technischen Leistung gehe "paradoxerweise mit einem Verfall der Phantasie und Intelligenz der Menschen einher", sagte Lem der "Zeit" im Sommer 2005.

Heute ist der wohl berühmteste und erfolgreichste polnische Schriftsteller, der einst mit einem Intelligenzquotienten von 180 das schlaueste Kind in ganz Südpolen gewesen sein soll, im Alter von 84 Jahren in einer Krakauer Klinik gestorben. Er soll bereits seit einigen Jahren an einer schweren Krankheit gelitten haben. Lem hinterlässt seine Frau Barbara Lésniak, mit der er seit 1953 verheiratet war, und seinen Sohn Tomasz.

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