Zum Tode Ulrich Plenzdorfs Haltet ihn fest und lasst euren Drachen steigen

"Die neuen Leiden des jungen W." machte ihn zu Beginn der siebziger Jahre über die Grenzen der DDR hinweg zum Literaturstar: Ulrich Plenzdorf, der heute 72-jährig starb, zeigte bis ins Alter viel von der Zerrissenheit seines Romanhelden - und lebte ein Leben zwischen Linientreue und Dissidenz.

Von Andreas Merkel


Ulrich Plenzdorf wird als der Autor in die Literaturgeschichte eingehen, der es riskierte, Holden Caulfield, J.D. Salingers tragischem Romanhelden aus der Bibel der Jugendrebellion, dem "Fänger im Roggen", den Vorschlag zu unterbreiten, doch einfach in die DDR rüberzumachen. Dort würde er schon endlich ein paar Freunde finden. So stellte sich das Edgar Wibeau vor, Plenzdorfs 17-jähriger Anti-Held der Arbeit aus dessen berühmter Goethe-Salinger-Adaption "Die neuen Leiden des jungen W.".

Autor Plenzdorf: "Definitiv nicht ausgehalten"
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Autor Plenzdorf: "Definitiv nicht ausgehalten"

Ulrich Plenzdorf, am 26. Oktober 1934 in Berlin-Kreuzberg als Sohn eines kommunistischen Maschinenbauers geboren, wird sich in seinem Erfolgsroman auch ein gutes Stück eigener Lebensgeschichte von der Seele geschrieben haben. Auf eine bis heute nachvollziehbare Weise spiegelt sich in der Entwicklung von Edgar W. die innere Zerrissenheit zwischen individuellem Glücksversprechen der Popkultur und dem kollektivistischen Ehren- und Freundschafts-Appeal einer höheren Moral, nennen wir sie ruhig Sozialismus, wider.

Nach dem Abitur 1954 in Berlin-Lichtenberg studierte Plenzdorf zunächst Marxismus-Leninismus am Franz-Mehring-Institut in Leipzig. Er verließ die Hochschule ohne Abschluss in klassischer Edgar-Wibeau-Pose: "Die reine Theorie, die Praxis war grauenvoll … Marxismus-Leninismus Mitte der fünfziger Jahre … ich habe es definitiv nicht ausgehalten, physisch, ich bin fast abgestorben ..."

Daraufhin durfte er sich dann zunächst einmal als Bühnenarbeiter in der "Produktion" bewehren, bevor er von 1959 bis 1963 an der DDR-Filmhochschule Babelsberg zum Szenaristen und Filmdramaturgen ausgebildet wurde. Sein erstes Drehbuch lieferte er 1964 für "Mir nach, Canaillen", mit Manfred Krug in der Hauptrolle. Weitere Filme folgen und zunächst erhält man – völlig Wibeau-untypisch – den Eindruck, dass das SED-Mitglied Plenzdorf (von 1963 bis 1976) eine DDR-Bilderbuchkarriere verfolgte.

Tatsächlich stößt Plenzdorf mit seinen persönlicheren Projekten auf Widerstände: In der durch die Staatszensur erzwungenen Entstehungsgeschichte seines Erfolgstitels "Die neuen Leiden des jungen W." irgendwo zwischen Drehbuch-Theaterstück-Roman-Hybrid spiegeln sich bereits die Konflikte mit dem Staatsapparat wider, wie sie lebenslang exemplarisch für sein Schaffen und Schreiben bleiben sollten.

1968, sicherlich unter dem Eindruck des Prager Frühlings und der Enttäuschung des drei Jahre zuvor erfolgten Kahlschlags auf dem 11. Plenum der SED, als die Filmproduktion eines kompletten Defa-Jahrgangs ins Archiv wanderte, begann Plenzdorf an den Arbeiten am "W.", zunächst als Drehbuch, in einem coolen Jugendjargon und mit radikalem Anti-Spießer-Impetus.

Nachdem Erich Honecker dann 1971 die mindestens ebenso zerrissene Parole ausgab, dass in einem gefestigten Sozialismus keine Tabus herrschen dürften, war aus dem neuen "Werther" als Film zwar noch nichts geworden, dafür konnte er aber als Stück im Mai des folgenden Jahres in Halle an der Saale uraufgeführt werden. – Und schlug ein wie eine Bombe: In der kommenden Spielzeit waren "Die neuen Leiden des jungen W." das meistgespielte Stück auf ost- wie westdeutschen Bühnen. In der DDR leitete es damit einerseits die innere Emigration der Bürgerrechtsbewegung ein, zum anderen rechtfertigte es ein weiteres Mal die berühmte deutsch-deutsche Haltung des "Es ist vielleicht doch nicht alles so schlecht im Staate".

Systemübergreifender Erfolg

Der systemübergreifende Erfolg wurde komplett mit dem Erscheinen als Roman im Suhrkamp-Verlag 1973. Das Buch ist in mehr als dreißig Sprachen übersetzt worden und hatte 2004, zu Plenzdorfs 70. Geburtstag eine Gesamtauflage von über vier Millionen. Plenzdorf selbst wurde dann spätestens mit seinem im selben Jahr 1973 verfassten Drehbuch zum ewigen Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" (mit dem von Plenzdorf getexteten und den Puhdys vertonten Hit "Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen") endgültig zum DDR-Superstar. Was unter anderem Reisefreiheit, Stasi-Überwachung und die Berechtigung zum lauten Hören der Rolling Stones bei offenem Fenster bedeutete.

Mit der Reduzierung auf den Erfolg als immerjugendlicher Edgar-Wibeau-Schöpfer war der Autor indes zu Recht nie ganz einverstanden. In einem seiner letzten großen Interviews mit dem MDR verwies Plenzdorf anlässlich seines 70. Geburtstages noch mal darauf, dass er eigentlich kein Buch- und kein Schrift-, sondern ein Bildmensch sei". Ich hab' mich mein Leben lang nur mit Filmemachen beschäftigt. (…) 'Die neuen Leiden des jungen W.' und andere Projekte sind nur in Buchform gekommen, weil sie als Film nicht durchsetzbar waren, sonst hätte ich nie im Leben daran gedacht, was zwischen zwei Buchdeckel zu bringen."

Darüber hinaus sah sich Ulrich Plenzdorf stets als jemanden, der sich "politisch einmischt" mit seinem Gefühl als "Ostbürger, Ostberliner, Ostbrandenburger". Anfang 1997 unterzeichnete Plenzdorf die "Erfurter Erklärung" eines damaligen Linksbündnisses von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ohne Ausgrenzung der PDS zur Ablösung der Regierung Kohl bei den nächsten Bundestagswahlen.

Mit "Eins und eins ist uneins" legte er dann 1999 politische Kabarett-Texte vor, die den "Anschluss" der DDR an die Bundesrepublik kritisieren. In Interviews, die er zu jener Zeit gab, betonte er, dass die deutsche Einheit kein Zusammenwachsen der Gesellschaft bewirkt habe. Gleichzeitig aber verwahrte er sich streng gegen jede Form der Ostalgie: "Ich wollte jedenfalls nie Lokalliteratur schreiben."

Mit diesem produktiven Widerspruch erhielt er unter anderem 1973 den Heinrich-Heine-Preis, fünf Jahre später mit der Erzählung "kein runter kein fern" den Ingeborg-Bachmann-Preis, sowie 1995 den Grimme-Preis für seine Drehbücher für die Anwalts-Serie "Liebling Kreuzberg" mit Manfred Krug.

Abspann in Bitterkeit

Große Erfolge feierte Plenzdorf auch noch einmal im Juni 1998 mit dem Drehbuch für die Verfilmung von Manfred Krugs Autobiographie "Abgehauen" für die ARD sowie der Mitarbeit bei der Verfilmung von Erwin Strittmatters autobiographischem Roman "Der Laden" im selben Jahr.

Was nach dem erfolgreichen Abspann einer großen Autoren-Karriere klingt, endete jedoch in Bitterkeit. In den letzten Jahren seines Schaffens war er der festen Überzeugung, die verantwortlichen Fernseh-Redakteure interessierten sich nicht mehr für ihn, weil er "aus dem Osten" sei. Zuletzt übersetzte er Jugendliteratur und übernahm 2004 noch eine Gastprofessur am Literaturinstitut in Leipzig.

Ulrich Plenzdorf verstarb heute Morgen nach langer schwerer Krankheit in einer Klinik bei Berlin. Der Mann, der sich, anders als sein großer Romanheld Edgar Wibeau, dann doch den Herausforderungen einer mehr oder weniger bürgerlichen Existenz stellte, hinterlässt seine Ehefrau Helga, mit der er seit 1955 verheiratet war und die als Redakteurin beim DDR-Verlag "Volk und Wissen" gearbeitet hat, sowie drei Kinder.

Bleibt die spannende Frage, was der total versaute Caulfield von dem Angebot des vielleicht noch ganz anders verderbten Wibeau gehalten hätte, in den Arbeiter und Bauernstaat zu kommen. Diese Überlegungen dürfen die Leser von Ulrich Plenzdorfs bestem Buch auch weiterhin gerne anstellen.



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