Zum Tode Walter Jens': Die Ein-Mann-Opposition

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Walter Jens gestorben: Er kämpfte mit der Kraft des Wortes Fotos
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Er kritisierte Schröders Reformen und kämpfte gegen die Nato-Nachrüstung. Helmut Kohl beschimpfte ihn als "Kommunisten": Walter Jens war ein kämpferischer Intellektueller, der die Bundesrepublik fast im Alleingang prägte. Ein Nachruf.

Er sei ein schwächliches Kind gewesen, erzählte Walter Jens häufig, asthmatisch, bucklig - "aber ich konnte mich redend verdeutlichen". Dieser Satz, gefallen in einem Fernsehinterview, war ein typischer Walter-Jens-Satz, ausgesprochen in Jens' markantem hanseatischen Timbre, gesättigt vom Wissen um die eigene Rolle und Formulierungskunst.

Walter Jens hatte klassische Philologie und Germanistik studiert. 1944 promovierte er über die Tragödien des Sophokles, 1949 habilitierte er sich in Tübingen über Tacitus: Ein Dichter des antiken Griechenland, ein Historiker des antiken Rom - zwei Figuren der Geistesgeschichte, für die sich die breitere intellektuelle Öffentlichkeit schon damals kaum noch interessierte. Jens versteckte dieses Wissen nie, verstand es, beiläufig über die Denker der Antike zu sprechen und dabei doch ganz in der Gegenwart zu stehen. 1963 übernahm er in Tübingen den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik. Wann immer er fortan in der Öffentlichkeit auftrat, wurde er als Rhetorikprofessor apostrophiert. Jens allerdings war weit mehr als das.

"Zehnkämpfer"

"Es gibt bessere Schriftsteller. Es gibt bessere Wissenschaftler", sagte er über sich selbst - wenn er auch mehrere Romane und Erzählungen, zahlreiche Essays und Zeitungsbeiträge, dazu theologische und literaturwissenschaftliche Schriften veröffentlicht hatte.

Walter Jens sah sich als "Zehnkämpfer". Der Begriff aus dem Sport stand nicht nur für die Figur des Universalgelehrten, der Jens sicher auch war, sondern für eine Ein-Mann-Opposition, die trotz ihrer verschiedenen Ämter eigentlich gar keiner Organisation bedurfte. Der Begriff aus dem Sport stand auch für einen anscheinend unendlich neugierigen, vielseitigen und raschen Denker und Meinungsmacher, der einem heute vorkommen muss wie die Verkörperung des Internet in einer Zeit, in der es noch gar kein Internet gab.

Jens schien fast alles zu wissen und sich dementsprechend zu fast allem äußern zu können: Er erzählte Homers "Ilias" und "Odyssee" für die Jugend nach, übersetzte das Matthäus-Evangelium und verfasste - schon im fortgeschrittenen Alter - gemeinsam mit seiner Frau Inge die Bestseller "Frau Thomas Mann" und "Katias Mutter" über zwei wichtige Frauen in der Familie von Thomas Mann. Gleichermaßen äußerte er sich zu Fußball oder Fernsehen (über Jahre war er Fernsehkritiker der "Zeit") - und immer wieder zur Politik.

"Scheißliberaler"

Die Achtundsechziger hätten ihn einen "Scheißliberalen" geschimpft, bekannte Jens später. Doch vollzog er in jenen Jahren nach Ansicht seines Schülers, des Theologen und Buchautors Karl-Josef Kuschel, eine entscheidende Wende: Vom griechisch-antiken Bildungsideal hin zu einem politisch definierten Christentum, das dem Religionsverständnis der C-Parteien denkbar fernlag - eine Unterscheidung, die damals, als sich die Kirche noch von den Christdemokraten zu emanzipieren hatte, von größter Bedeutung war. Der CDU-Kanzler Helmut Kohl bezeichnete Jens einmal als "Kommunisten". Jens hingegen sah sich selbst als "bürgerlichen Radikaldemokraten".

Walter Jens und seine Frau Inge gehörten in den achtziger Jahren zu den prominenten Exponenten der Friedensbewegung. 1984 nahm er an Sitzblockaden vor dem US-amerikanischen Atomwaffendepot in Mutlangen teil. 1990 versteckte er während des ersten Golfkrieges desertierte US-Soldaten - was ihm einen Prozess wegen Beihilfe zur Fahnenflucht einbrachte. Die Anti-Terror-Politik George W. Bushs nach dem 11. September kritisierte er ebenso wie die rot-grüne Regierung Gerhard Schröders, als er 2001 vor einer "Barbarei" durch die "völlige Ökonomisierung der Gesellschaft" warnte.

"Vatermord"

Jens, der hoch über Tübingen in einem architektonisch ambitionierten Einfamilienhaus mit Swimmingpool eher residierte als wohnte, war der Star des linksliberalen westdeutschen Bildungsbürgertums. Umso größer war deshalb das Erstaunen, als 2003 bekannt wurde, der 1923 Geborene sei als Jugendlicher Mitglied der NSDAP gewesen. Er selbst hat diesen Vorwurf nie hinreichend entkräftet, sondern lediglich die Vermutung geäußert, unwissentlich in die Partei aufgenommen worden zu sein. Eine These, die unter anderem im SPIEGEL angezweifelt wurde.

2008 wurde öffentlich, dass Walter Jens an Demenz litt. Ein letztes Mal geriet er, der so viele Jahre seines Lebens an öffentlichen Debatten teilgenommen hatte, in den Mittelpunkt einer Auseinandersetzung - doch vom Subjekt war er zum Objekt geworden: Sein Sohn Tilman ließ sich in einem Buch zu der These hinreißen, die Krankheit seines Vaters sei eine Reaktion auf dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus - und gab zudem zahlreiche Details aus dem Alltag des Demenzkranken preis. Ein Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung gab der Veröffentlichung eine zusätzliche, reißerische Note, angesichts derer man sich fragen konnte, ob Walter Jens selbst, der seinen heranwachsenden Sohn in den späten Sechzigern zur Blockade des Springer-Verlags aufgerufen hatte, damit wohl einverstanden gewesen wäre. In einem zweiten Buch, vielsagend "Vatermord" betitelt, versuchte Tilman Jens sich gegen seine zahlreichen Kritiker zu verteidigen. Und auch Inge Jens beschäftigte sich im Buch "Unvollständige Erinnerungen" mit der Krankheit ihres Mannes.

Im März 2013 konnte Walter Jens seinen 90. Geburtstag feiern. Es gab Apfelkuchen und Schwarzwälder Kirschtorte. Wie viel er, der sich als Kranker wie ein Kind über schwäbische Leberkäsweckle gefreut haben soll, davon noch mitbekommen hat, ist schwer vorstellbar. Die öffentlichen Gratulationen lasen sich wie Nachrufe zu Lebzeiten.

Nun ist Walter Jens in Tübingen gestorben. Wer könnte heute Jens' Position in der Öffentlichkeit in ihrer ganzen Vielfältigkeit ausfüllen? Wahrscheinlich niemand - mit ihm starb nicht nur einer der letzten großen deutschen Universaldenker, sondern auch der einzige intellektuelle Zehnkämpfer, den die Bundesrepublik hatte.

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