Zum Tode Walter Kempowskis Der bürgerliche Seismograf

Seine fragmentarische Methode des Erzählens leugnete die Brüche nicht und leistete doch Großes: die Zusammenschau der deutschen Zeitgeschichte. Und das Schönste: Er dozierte nie, sondern beschrieb, analysierte - mit Herz und Humor.

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Berlin - Er war todkrank, aber das Tagesgeschehen verfolgte er noch immer. Als SPIEGEL ONLINE Mitte Juli von Walter Kempowski eine Stellungnahme zum Moscheebau in Köln haben wollte - der Schriftsteller Günter Wallraff hatte gerade die öffentliche Lesung der im Islam höchst umstrittenen und angefeindeten "Satanischen Verse" im Gebetshaus verlangt -, da lehnte seine Frau am Telefon höflich ab. Ihrem Mann habe sie die Meldung am Morgen schon vorgelesen, sie hätten darüber geschmunzelt. Aber sie bitte um Verständnis, dass ihr Mann nicht antworte. Er sei derzeit zu schwach.

Anfang August publizierte die "Frankfurter Rundschau" ein Interview mit ihm. Das war im Monat zuvor geführt worden. Da fällt der Satz: "Mit dem Ende als solchem habe ich kein Problem. Gut, mich interessiert schon, was passiert, wenn die Klappe eines Tages fällt."

Nun ist Walter Kempowski gestorben, mit 78 Jahren. Zuletzt hatte er davon gesprochen, wenigstens so alt zu werden wie Thomas Mann, also 80. Dass er ausgerechnet den Lübecker Dichterfürsten zitierte, ergab Sinn. Wie dieser als Beobachter des verschwindenden Großbürgertums auftrat, war Kempowski der Seismograf jenes Rostocker Bürgertums, dem er entstammte und das mit dem Jahr 1945 sein faktisches Ende gefunden hatte. Ihrem Alltag, ihren Wirrungen und Irrungen, ihrer Kauzigkeit, ihrer Großzügigkeit und auch ihrer geistigen Enge hat er ein Denkmal gesetzt - mit der Anfang der achtziger Jahre vollendeten "Deutschen Chronik".

Nachsicht der Nähe

Wer diese Bücher las, der blickte auch immer ein wenig nachsichtiger auf die Lebensläufe der eigenen Lieben und Verwandten. Denn Kempowski war niemals überheblich und anmaßend, nie verurteilend. Gerade das aber hat ihn in den siebziger und achtziger Jahren, wo nicht nur der Literatur feste Standpunkte abverlangt wurden, angreifbar gemacht. Und diese Angriffe haben bei ihm tiefe Verletzungen zurückgelassen.

In den vergangenen Jahren war es in der deutschen Literaturkritik Usus, Kempowski vor allem für seine großangelegten Bände zur deutschen Geschichte zu loben - seine minutiös zusammengetragenen Tagebucheintragungen von Bürgern und Diplomaten, Staatsmännern und KZ-Insassen, von Soldaten und Jugendlichen, von Hausfrauen und Künstlern. Die "Echolot"-Bände zum Zweiten Weltkrieg waren komponiert wie ein Choral rund um historische Einschnitte und Weggabelungen, wie sie Kempowski für die Deutschen als exemplarisch auswies: die Invasion der Wehrmacht 1941 in die Sowjetunion, die Schlacht um Stalingrad 1942/43, der Verlust der deutschen Ostgebiete und die große Flucht ab Januar 1945 und das Kriegsende selbst.

Die Kritik vergaß über den Lobpreisungen des "Echolot" gelegentlich, dass Kempowski unter den deutschen Schriftstellern eine seltene Gabe besaß: mit Humor und Heiterkeit auf den Alltag zu blicken. In seiner Chronik über die Rostocker Jahre, einem weit gespannten Textpanorama über das Schicksal seiner Familie vom Beginn der Kaiserzeit, über die Weimarer Republik, die Nazi-Ära bis hin zur späteren DDR und den Anfangsjahren der Bundesrepublik, bewies Kempowski seinen Blick für das Kleine, scheinbar Unscheinbare.

Wie war das möglich?

Das war das Material für seine Beobachtungen, die immer auch um die Frage kreisten: Wie war das möglich, der Wahnsinn des 20. Jahrhunderts, das Aufkommen der Nazis, der Krieg, Auschwitz, die Teilung Europas und der Welt. Manche Kritiker warfen ihm vor, er habe auch in seinen Romanen (unter anderem "Tadellöser & Wolf", "Ein Kapitel für sich") nur gesammelt und keine originäre Literatur zustande gebracht. Die Leser wussten es besser: Seine Romane, vor allem jene aus den siebziger und achtziger Jahren, wurden Bestseller.

Dabei war der Anfang für den passionierten Dorfschullehrer nicht einfach. Von seinem ersten Buch "Im Block", das seine fast achtjährige Haftzeit in der sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR beschreibt, verkauften sich nur 2000 Exemplare. Erst in den vergangenen Jahren wurde das Buch wieder aufgelegt - was Kempowski erfreute. Denn die Erfahrungen im Gefängnis von Bautzen waren das Fundament für seine spätere literarische Karriere. Die Stimmen der Mitgefangenen, ihre Dialoge, ihre Marrotten und Eigenheiten, all das floss ein in seinen Erfahrungsschatz. Bautzen, so hat er später einmal gesagt, habe die "Echolot"-Bände erst möglich gemacht.



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