Von Stefan Krulle
Hatte immer Probleme, sich ernst zu nehmen: Rocklegende Clapton
Mr. Clapton, Ihr Album beginnt mit einem gesangsfreien Samba - man glaubt beinahe, die falsche CD eingelegt zu haben...
Eric Clapton: Genau deshalb fand ich die Idee auch gut, diesen Song gleich an den Anfang zu setzen. Dass ich kein Jazz-Musiker bin, wusste ich, und dass es hier keine Großtaten auf der Gitarre zu vollbringen geben würde, wusste ich auch. Aber der Song illustriert verdammt genau die Person, die ich gerade bin. Oder zumindest am liebsten bin. Ich habe schließlich viel deutlicher als meine Fans bemerkt, dass ich älter geworden bin.
SPIEGEL ONLINE: "Reptile" klingt wie ein Rückblick auf die Karriere - wieso passiert das so vielen Musikern, wenn sie gerade ein Best-Of-Album veröffentlicht haben?
Clapton: Vielleicht, weil einen solche Alben immer melancholisch machen. Bei mir hatte das aber auch persönliche Gründe. Als vor kurzem mein Onkel starb, da fiel mir wieder und wieder ein Song ein, den ich als Neunjähriger oft mit ihm gesungen hatte. Den wollte ich schon immer mal aufnehmen, und jetzt ist "Got You On My Mind" eben auf der Platte gelandet. Ein seltsames Gefühl, irgendwie denkt man danach, jetzt ist ein Teil deines Lebens zu einem Abschluss gekommen.
SPIEGEL ONLINE: "Clapton is God" steht ja auch immer seltener an den Brückenpfeilern...
Clapton: Zum Glück, es gab ja Momente, wo ich nahe dran war, solchen Unsinn selbst zu glauben.
SPIEGEL ONLINE: Nun ja, Gründe für ein gesundes Selbstbewusstsein gab es immerhin genug.
Clapton: Gründe vielleicht, aber ich hatte immer Probleme damit, mich so ernst zu nehmen wie manche Kollegen und Fans. Ich bin auch immer mit Schweiß auf der Stirn ins Studio gegangen, weil da wieder Leute von mir etwas ganz Großartiges erwarteten. Dabei kann ich doch eigentlich erst heute so gut singen, wie ich Gitarre spiele, und auch da bin ich nicht mehr als guter Durchschnitt.
SPIEGEL ONLINE: Da provozieren Sie jetzt aber entrüstete Aufschreie Ihrer Verehrer!
Clapton: Mag schon sein, aber das muss mir egal sein. Ich habe auf meinem Instrument einfach in all den Jahren viel zu wenig dazugelernt. Also verlasse ich mich heute lieber auf tatsächliche Talente. Ich halte mich zum Beispiel für einen guten Interpreten meiner wahren Gefühle. Das kann ja auch nicht jeder.
SPIEGEL ONLINE: Und so einfach J.J. Cale, Ray Charles und Stevie Wonder auf derselben Platte covern darf nicht jeder...
Clapton: Es sei denn, er erweist den Helden seinen Respekt. Ich arrangiere solche Songs ja auch nie großartig um, weil ich sie nicht zu meinen machen, sondern den Originalen Danke sagen will. Fast alle Songs, die ich jemals gecovert habe, haben mir über ganz schwere Zeiten meines Lebens geholfen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das noch nie einem Song eines jüngeren Kollegen gelungen oder weshalb ist Ihr Fremdrepertoire recht betagt?
Clapton: Bestimmt nicht, weil ich ein Nostalgiker bin. Aber natürlich sehe ich es zunehmend als meine Aufgabe, auch junge Leute mit der Musik unserer Vergangenheit vertraut zu machen. Ich finde es einfach schade, dass Musik mehr und mehr ihre Geschichte verliert. Und ich finde es sehr schön, wenn meine 16-jährige Tochter mir erzählt, sie denke an Billie Holiday, wenn sie Dido im Radio hört.
Neue Clapton-CD: "Viel deutlicher als meine Fans gemerkt, dass ich älter geworden bin"
Clapton: Letzten Sonntag saß ich mit meiner Freundin in unserem Landhaus. Die Sonne schien, ich las in der Zeitung belanglose Geschichten über belanglose Leute, die man Prominente nennt und die beim Einkaufen erwischt worden waren. Wir haben uns ein Feuer im Kamin gemacht, später was gegessen, ein bisschen Fernsehen geguckt. Sie sehen: Die Zeiten, in denen mir stinklangweilige Wunschträume noch peinlich waren, sind vorbei.
Eric Clapton: "Reptile" (Reprise/WEA), veröffentlicht am 5. März 2001
Eric Clapton live: 6. März Stuttgart; 8. März Köln; 9. März Frankfurt/M.
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