Von Holger In't Veld
Er heißt Murdoc und er hat keinen Nachnamen. Seine Familie dürfte das freuen. Um zu wissen, dass Murdoc ein übler Geselle ist, reicht ein Blick in seine Schlägervisage: ein Auge schwarz, das andere lila, die Nase gebrochen, die Zähne spitz und grün. Bei seinen öffentlichen Auftritten beleidigt Murdoc mit Vorliebe andere Bands. Momentan ist sein liebstes Opfer Hear'say, die aktuelle Nummer eins in England, deren Mitglieder aus Tausenden von Bewerbern vom Publikum der TV-Sendung "Popstars" ausgesucht wurden. Über solch hilflose Versuche, eine perfekte Band zu erstellen, kann Murdoc nur hämisch lachen - und das mit gutem Grund. Er ist schließlich der Gründer einer wirklich perfekten Band. Sie heißt Gorillaz und wie alles, was perfekt ist, sind sie keine Menschen.
Peanuts, Muppets und die Simpsons
"Murdoc ist ein Stereotyp" sagt Jamie Hewlett. "Er ist nicht wirklich ein Satanist, er denkt nur, er sollte einer sein, weil er auf Heavy Metal steht. Ich mag ihn. Ich wollte schon immer einen ekligen Popstar." Hewlett ist ein bisschen stolz - und eitel. Schließlich spricht er nicht nur über seine Arbeit, sondern auch über sich selbst. Hewlett ist Comic-Zeichner, Murdoc sein Alter Ego und die erste virtuelle Band der Welt entstammt seinem Filzstift. Die Gorillaz wollen sich jedoch keinesfalls verstecken. Hewlett sieht sein Quartett in der Traditionslinie von Peanuts, Muppets und, etwas aktueller, den Simpsons.
Auch Damon Albarn liebt Matt Groenings Geschichten. "Die Simpsons sind schamlos und brillant" sagt er. "So, wie alle Kunst sein sollte." Albarn ist Hewletts Kompagnon. Er kann zwar nicht zeichnen, dafür aber singen und Musik schreiben - immerhin sind die Gorillaz eine Band. Eine Band, die, wie Albarn nicht müde wird zu betonen "größer wird, als es Blur jemals waren". Blur, diese Säule der englische Gitarrenwelt, die im Duell mit Oasis zwar in Bezug auf die Verkaufszahlen unterlag, dafür aber immer noch aufrecht steht, ist Albarns eigene Band. Er muss es also wissen.
Eintritt in die illustrierte Welt
"Die Gorillaz sind kein Scherz" sagt er. Um das auch in Deutschland klarzustellen, ist er gemeinsam mit Hewlett hinter den Figuren hervorgetreten. Die Inkonsequenz ist ihm klar. Am liebsten möchte er Artikel sehen, die einfach nur die Charaktere abbilden, dazu die Internet-Adresse www.gorillaz.com. Dies nämlich ist das Medium, wo deutlich wird, wie ernst es Hewlett und Albarn wirklich meinen: Auf der Website findet sich eine vollständig illustrierte Welt aus verschachtelten Räumen und Abenteuern, die, schnelle Technik vorausgesetzt, Geschichten mit multimedialer Unterhaltung ästhetisch vereint.
Die Privaträume der Band erzählen vier Kurz-Biographien: vom Gorilla-förmigen Schlagzeuger Russel, einem Afro-Amerikaner mit HipHop im Blut, von der zehnjährigen Japanerin Noodle, die in einer Kiste nach England kam, nur ein einziges Wort - Noodle - spricht und auf ihrer Gitarre die besten Riffs aller Zeiten schlägt - und von dem verträumten Sänger 2-D (Albarn), der durch mehrere Gehirnerschütterungen zwischen Genie und Wahnsinn pendelt und Hobby-Satanist Murdoc vollständig ergeben ist.
HipHop, Rock, Blues, Folk und Reggae
Die Musik allerdings, die diese Klischees aus zwanzig Jahren Popgeschichte produzieren, ist nicht der Soundtrack zur Rebellion. Damon Albarn ist kein Freund von AC/DC oder Public Enemy, sein Vorbild ist die britische Post-Punk-Avantgarde zwischen Clash und Talking Heads und wie diese hat auch er eine besondere Liebe zu Dub-Reggae. Für die Gorillaz hat Albarn eine bunt gewürfelte Gruppe renommierter Musiker zusammengetrommelt: den US-japanischen HipHop-Produzenten Dan "Automator" Nakamura, den Rapper Del Tha Funkee Homosapien, Ex-Talking Head-Bassistin Tina Franz und Buena-Vista-Sänger Ibrahim Ferrer.
Mit "Clint Eastwood" in die Charts
Für gute Stimmung sorgte die Wahl von Jamaika als Aufnahmeort. Auf der sonnigen Insel entstand HipHop, Rock, Blues, Folk und Reggae, vermischt zu langsam groovenden, zart-melodiösen Songs. Sehr schöne Musik, mit der man aber - selbst als Damon Albarn - normalerweise nicht den Top-10-Jackpot knackt. Was die erste Single "Clint Eastwood" jedoch trotzdem getan hat. Und damit beweist, dass hier eben nicht "normalerweise" vorliegt, sondern ein bei aller Stilsicherheit und allem Pop-Anspruch doch vielschichtiges Experiment.
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Und spätestens jetzt, nachdem auch der erste Live-Auftritt - eine Hightech-Show mit Projektionen und Schattenrissen Ende März in der Londoner King's Cross Scala - allgemein beklatscht wurde, weiß er, dass der Plan, die perfekte Band zu schaffen, erschreckend gut gelungen ist. Albarn: "Die Gorillaz sind so, wie wir Popstars immer haben wollten. Sie werden uns nie enttäuschen. Und sie werden immer super aussehen."
"Leute bieten uns Geld für einen Film"
Das Echo lässt nicht auf sich warten. Gerade haben Daft Punk bezüglich gemeinsamer Auftritte angefragt. "Leute bieten uns Geld für einen Film", berichtet Hewlett. "Microsoft will ein Spiel für die X-Box machen, Autofirmen wollen die Figuren für Anzeigen. Es kommt alles auf den Tisch, und wir entscheiden gemeinsam, was wir machen wollen. Sicher hätten wir Lust auf einen Spielfilm, aber dazu brauchst du eine richtig gute Idee. Sobald wir die haben, machen wir eben einen Film."
Momentan stecken Albarn und Hewlett die Finanzen jedoch in die Verbesserung des Projekts. "Das ist keine Band, die am Erfolg scheitern wird, bekoksten Mist von sich gibt oder mit Überdosis in der Badewanne gefunden wird." Hewlett springt längst zwischen den Realitäten. Zweieinhalb Jahre hat er an Figuren und Geschichten gearbeitet. "Das ist auch das Beruhigende" sagt er. "Wer auch immer so was nachmachen will, braucht einen langen Atem."
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