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22.05.2001
 

Interview mit Blumfeld

Die Verkörperung des Neins

Von Oliver Hüttmann

Seit fast einem Jahrzehnt hinterfragt die Hamburger Band Blumfeld immer Staat und Gesellschaft, macht sich Gedanken über Autonomie und den Zwiespalt des Ichs. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Sänger und Songwriter Jochen Distelmeyer über das neue Album "Testament der Angst", die Plattenindustrie und die Hoffnung für die Menschheit.

Politischer Pop aus Hamburg: "Wir sind an einem Punkt, an dem es für eine grundsätzliche Kritik keinen Ort mehr gibt"
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Politischer Pop aus Hamburg: "Wir sind an einem Punkt, an dem es für eine grundsätzliche Kritik keinen Ort mehr gibt"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Distelmeyer, fast ein Jahrzehnt lang beharrten Sie mit ihrer Band Blumfeld auf ihrem Independent-Status. Nun sind Sie für das neue Album "Testament der Angst" doch zu einer Major-Firma gewechselt. Das dürfte viele überrascht haben...

Jochen Distelmeyer: Ich war eher erstaunt, wie wenige Leute darauf reagiert haben. Aber ich finde es schon interessant, dass ein solcher Schritt als bemerkenswert wahrgenommen wird, als wäre er irgendwie zu problematisieren, ja.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Sie zuvor alle lukrativen Angebote abgelehnt und das mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Plattenindustrie begründet, die ja auch ein Teil des Systems ist, gegen das Blumfeld immer angespielt haben.

Distelmeyer: Ich weiß, was Sie meinen. Wir hatten immer die Haltung, zu sehen, ob wir es auch alleine durchziehen können, damit alles zu 150 Prozent nach unseren Bedingungen läuft. Damit die Leute begreifen: Das sind wir, ja, das ist unsere Haltung. Und das hat drei Alben lang auch perfekt funktioniert. Aber ich habe nie gesagt, dass es unvorstellbar wäre, zu einem Major zu gehen. Wir wollten nur den Zeitpunkt in Ruhe selbst bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich geändert, dass der Zeitpunkt gerade jetzt gekommen ist ­ und nicht zum vorherigen Album "Old Nobody", das mit dem Popsong "1000 Tränen tief" immerhin Blumfelds bisher größten Erfolg enthält?

Videoclip: Blumfeld - "Graue Wolken"

Distelmeyer: Die Position der Band nach außen, was Blumfeld ist. Es wäre das falsche Signal gewesen, schon "Old Nobody" bei einem Major zu veröffentlichen. Es war nach fünf Jahren das erste Album seit "L'Etat Et Moi", und es hätte uns keiner geglaubt, dass eine Single wie "1000 Tränen tief" keine Pop-, sondern eine Punk-Entscheidung war. Wir hätten gegen die bequemen Einrichtungsbedürfnisse der Leute und Musikjournalisten, gegen Schubladen wie Indie-Rock oder Alternative Rock argumentieren müssen.

So haben wir vor einem Indie-Hintergrund, der für uns immer noch Verpflichtung ist und bindend jenseits der Genres, eine Position des Mainstreams im Sinne einer künstlerischen Unabhängigkeit bezogen, so dass wir die Regeln diktieren und nicht die Plattenfirma entscheidet, welche Songs auf die Platte kommen. Mit "Old Nobody" haben wir gezeigt, dass unsere Musik breit gefächert ist und wir trotzdem an einer Kontinuität und an Positionen festhalten. Das ist relativ selten in Deutschland.

Vierte Blumfeld-CD "Testament der Angst": "Logische Weiterentwicklung und Zuspitzung"

Vierte Blumfeld-CD "Testament der Angst": "Logische Weiterentwicklung und Zuspitzung"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben denen also ein Kuckucksei ins Nest gelegt?

Distelmeyer: Nein, nein. Wir haben mit den Leuten vernünftig geredet und ihnen erklärt, wo wir herkommen, was unsere Haltung ist und worum es auf der Platte geht. Es ist auch nicht so, dass wir ihnen auf der Nase herumtanzen, wie es im Musikmagazin "Rolling Stone" stand. Das finde ich unangenehm. So strategisch war das nun auch wieder nicht geplant.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Titel des Albums und der Single "Graue Wolken" klingen für Vertreter großer Plattenfirmen doch eher abschreckend.

Distelmeyer: "Graue Wolken" schließt musikalisch an "1000 Tränen tief" an und wurde auch deshalb Single, weil der Text das zentrale Thema des ganzen Albums ausdrückt. "Testament der Angst" ist eine logische Weiterentwicklung und Zuspitzung von "Old Nobody".

SPIEGEL ONLINE: Früher hatte man bei Blumfeld den Eindruck, das Private manifestiert sich im Politischen, während sich auf "Old Nobody" das Politische mehr im Privaten zeigte. Es erschien wie ein Aufbruch zum Gefühl, wo ihnen doch lange der Ruf anhing, Sie seien ein verkopfter Poet. Damals gestanden Sie sogar, man könne der Platte anhören, dass Sie verliebt seien. "Testament der Angst" klingt inhaltlich nun wieder düsterer, fast wie ein Rückzug...

"Es tut mir leid, nein, ich kann nicht mehr"

Distelmeyer: Nein, nein! Das Private und Politische gehören immer gleichzeitig zusammen. Schon am Anfang der Band standen wir vor der Frage: Wie gehen wir mit einer Nachricht um, die sowohl Kriegserklärung als auch Liebesbrief ist? Sicher war die Musik auf "Old Nobody" etwas gleißender, leichter geworden, aber die Texte waren auch ziemlich düster. Und dass ich verliebt war, konnte man ja nur auf ein, zwei Stücken heraushören. Die Platte handelte vom Altern, von Vergänglichkeit, von bestimmten gesellschaftlichen Zuständen, die man ablehnt, ja, und wie man das verkörpern kann, was das bedeutet. Jetzt ist die Verkörperung des Neins noch zugespitzt: Es tut mir leid, nein, ich kann nicht mehr, kein Verständnis mehr dafür.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb prangern Sie im Song "Die Diktatur der Angepassten" mit Zeilen wie "Millionen sind durch sie gestorben/ Sie lassen hungern, foltern, morden, morden, morden/... Die Medien helfen ihnen beim Dummsein/ Ein starker Staat hilft ihnen beim Stummsein" die Gleichgültigkeit der Gesellschaft an?

"Ich bin ja auch ein Teil des Problems"

Distelmeyer: Ich bin ja auch ein Teil des Problems, erkenne mich auch in "Die Diktatur der Angepassten" wieder. Aber ich will mich nicht für dumm verkaufen lassen. Nein, ich war nicht dafür, das Deutschland in den Kosovo-Krieg zieht. Ich habe nicht weggesehen, dass kann ich ganz klar sagen, nicht nur auf Platten, auch bei Aktionen, als Musiker, als Künstler, als Mensch, als Form des Engagements.

Blumfeld (mit Sänger Distelmeyer, M.): "Kein Verständnis mehr dafür"
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Blumfeld (mit Sänger Distelmeyer, M.): "Kein Verständnis mehr dafür"

SPIEGEL ONLINE: In "Graue Wolken" singen Sie: "Dann stehe ich auf und gehe unter Menschen/ Und frage mich: Was kann ich tun?/ Ich will sie hassen und kann's nicht lassen/ In allem, was sie ausmacht, auch ein Stück von mir zu sehen." Ist das Hassliebe, ein Zwiespalt in dem verzweifelten Bestreben, sich sowohl arrangieren als auch abgrenzen zu wollen?

"Für mich haben Leute Probleme, die ein globales Wirtschaftsnetz durchsetzen wollen"

Distelmeyer: Die Welt ist ein Ganzes, ein Planet, und jeder Mensch ist als Ganzes erschaffen. Und dazu gehören auch Fragmentierungen, Zweifel, Zerrissenheit. Ich habe kein Problem damit, festzustellen, dass wir in Widersprüchen leben oder selbst ein Widerspruch sind. Für mich haben Leute Probleme, die ein globales Wirtschaftsnetz durchsetzen wollen oder ihren Körper durchdefiniert haben, um sich als Ganzes zu fühlen.

Noch bevor ich denke, ich möchte dazugehören, sehe ich, wie die Leute mit ihren Ängsten, Sehnsüchten, Hoffnungen umgehen ­ und möchte nichts mehr damit zu tun haben. Man kann nicht sagen: Ich lebe 60, 70 Jahre, ja, und mach' solange mal Party. Und wenn ich den Fernseher einschalte oder Zeitung lese, sehe ich hungernde Menschen und unnötige Kriege.

SPIEGEL ONLINE: Im Titelsong heißt es: "Ich hab Angst vor Deutschland/ Ich hab Angst vor Europa/ Ich hab Angst vor den USA und der Nato und vor ihren Interessen/... Angst vor der Geschichte und sie zu vergessen." Gerade in den letzten Jahren wurde die Vergangenheitsbewältigung ja nicht gerade subtil betrieben.

"Nazis sind das für mich!"

Distelmeyer: Das Wort Vergangenheitsbewältigung sagt ja schon, worum es Leuten wie Guido Knopp und Martin Walser geht. Ja, Nazis, Nazis, ganz klar. Wenn jemand wie Laurenz Meyer meint, mit provokanten Gags punkten zu können, und sich hinstellt und sagt, er sei stolz, ein Deutscher zu sein, kann ich nur noch schwer einen Unterschied zu Haider ausmachen. Oder Stoiber. Nazis sind das für mich! Wir sind an einem Punkt, wo es für eine grundsätzliche Kritik daran keinen Ort, keinen Raum mehr gibt.

Die Nazi-Demo am 1. Mai wurde erlaubt, was sich die Linke natürlich nicht gefallen lassen konnte. Aber weil ihnen das Recht auf Demonstration genommen worden ist, hat es Randale geben. Dann hieß es in den Nachrichten wieder, linke Chaoten hätten Krawall gemacht und gebrandschatzt, während die Rechten doch nur friedlich ihre Meinung gesagt hätten. Das halte ich für Absicht. Diese so genannten Deeskalationsmaßnahmen der Polizei sind reine Provokation. Die Gleichsetzung von Rechten und Linken hat Methode, das wurde der Öffentlichkeit über Jahrzehnte eingeprügelt.

SPIEGEL ONLINE: "Verrat mir, wer soll uns vermissen, die Welt, in der wir leben, wird zu Grunde gehen", heißt es im Stück "Eintragung ins Nichts". Warum haben Sie dennoch nicht resigniert, sich umgebracht oder die Menschheit aufgegeben?

Distelmeyer: Es fällt mir immer schwerer, aber ich glaube ja noch an die Menschen, an die Geschöpfe, daran, wie wir konstruiert sind. Ich glaube, dass der Mensch ganz außergewöhnlich ist, so wie auch dieser Planet etwas ganz Außergewöhnliches ist. Ich singe in dem Song ja auch: Wir haben nichts zu verlier'n/ Nur das Glück, und das sagt wir.

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