Herr Cretu, Sie haben weltweit über 30 Millionen Platten verkauft. Wie viele kommen Ihrer Meinung nach durch die soeben veröffentlichten "Greatest Hits"- und Remix-CDs ihres sakralen Pop-Projekts Enigma noch hinzu?
Michael Cretu: Woher soll ich das wissen? Es interessiert mich auch nicht. Es wird mir ja ewig unterstellt, ich sei ein Cleverle und würde nichts machen, was ich nicht komplett durchkalkuliert hätte. Aber so könnte ich nicht Musik machen! Ich bin Vollblutmusiker, mein Beruf ist Leidenschaft. Da bin ich wie so mancher Fußballer - ein Lothar Matthäus hat auch noch mit 39 gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Als Ihr erstes Enigma-Album 1990 herauskam, gab es in Deutschland Proteste von Seiten der Kirche.
Cretu: Ach, Deutschland... Ich möchte mal wissen, welche Probleme dieses Land immer mit denen hat, die Erfolg haben. In anderen Ländern wie Amerika bin ich mit offenen Armen empfangen worden. Da kamen Priester auf mich zu, die sich bei mir bedankt haben, dass ich ihre jugendliche Klientel verdreifacht habe. Ich habe der Kirche mit meinen Alben einen großen Gefallen getan. Aber da muss man schon ein bisschen fortschrittlich im Hirn sein, und das kann ich von diesen alten, verkalkten, 85-jährigen Leuten nicht verlangen. Kirche interessiert mich eigentlich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Damit werden Sie aber auch anecken.
Cretu: Ich bin religiöser als so mancher, der jeden Sonntag in die Kirche geht oder Wallfahrtsorte besucht. Ich bekenne mich jedoch zu gar nichts. Außerdem mag ich die Institutionalisierung der Kirche nicht. Ein Freund sagt, die katholische Kirche ist die älteste GmbH der Welt. Er hat nicht unrecht. Welche Firma hat schon über 2000 Jahre Bestand?
Pop-Projekt Enigma (CD-Cover): Erfolg mit sakralem Ambient-Sound
Cretu: Das liegt im Menschen drin, der muss immer an anderen herumsägen. Warum kann man sich nicht mit anderen über ihre Erfolge freuen? Die Menschheit urteilt und richtet zu schnell über andere, ohne Hintergrundinformationen zu haben. Das ist ein wirkliches Grundübel, dass müssen wir uns abgewöhnen. Ich war immer ein Querdenker, ein positiver Rebell. Ein friedvoller Anarchist.
SPIEGEL ONLINE: Apropos Anarchist - auch Musik ist eine Art Rebellion. Wollen Sie mit der Musik von Enigma gegen etwas rebellieren?
Cretu: Nein. Ich möchte unterhalten und niemand mit meiner Musik verletzen. Musik ist mein seelisch-spirituelles Bekenntnis, wenn Sie so wollen. Ich will niemanden belehren oder mit dem Finger auf ihn zeigen, dazu bin ich innerlich noch zu kindlich. Rebellion ist etwas für Unwissende.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind - gemessen an den Verkaufszahlen - der international erfolgreichste deutsche Künstler. Überrascht Sie das?
Cretu: Nein. Ich mache eben internationale Musik. Wer will denn den Westernhagen oder den Grönemeyer im Ausland hören? Versteht ja doch keiner. Ich dagegen bin multilingual, ein Global Player. Mich versteht man überall. Dafür könnte man mir schon mehr Respekt in Deutschland entgegenbringen. Nimm zum Beispiel Heino. Der ist nicht meine Welt und musikalisch komplett anders drauf als ich. Aber ich muss ihn respektieren, weil er in seinem Genre mehr verkauft als 500 andere zusammen. Er muss also etwas haben, was andere nicht haben. Das verlange ich auch von mir und meiner Arbeit. Einfach nur Respekt.
SPIEGEL ONLINE: Also respektiert man Sie nicht so, wie Sie es gern hätten.
Cretu: Nein, tut man nicht. Ich muss mich und meine Arbeit immer noch erklären. Deshalb lebe ich auch nicht mehr hier. Ich könnte es auch nicht mehr. Auf Ibiza, meinem Wohnort, scheint jedenfalls immer die Sonne, da fühlen ich und meine Familie uns sehr wohl. Wenn ich sehe, wie es in den deutschen Schulen zugeht, da möchte ich meine Kinder nicht hinbringen. Auf Ibiza gehen sie in einen alten, umgebauten Bauernhof, sind an der frischen Luft, da geht es ihnen gut. Deutschland? Nein danke.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man Sie und Ihre Arbeit mit einer Bundesliga-Mannschaft vergleichen würde - welche würden Sie gern sein?
Cretu: Da gibt es nur eine: Bayern München. Klasse Mannschaft, guter Aufbau, exzellenter Trainer, erfolgreiches Management. Hervorragend geführt und absolut mit mir und meiner Enigma-Arbeit vergleichbar. Ich gebe mich, wie die Bayern, auch mit nicht weniger als absoluter Perfektion zufrieden.
SPIEGEL ONLINE: Etwas ganz anderes: Sie sind - wie ihr Musikerkollege Peter Maffay - gebürtiger Rumäne. Könnten Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen?
Cretu: Wollen Sie mich verarschen? Ein bisschen mehr Respekt, bitte.
Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel
Enigma: "LSD: Love Sensuality Devotion" (Greatest Hits und Remixe, Virgin Records), veröffentlicht am 8. Oktober 2001
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