Von Ariane Barth
Es war einmal ein Junge, der im Alter von 13 Jahren aus dem sonnigen Jamaika an die fauligste Stelle des Big Apple verschlagen wurde, in die Bronx. Alsbald nannte er sich Hercules und gehörte zu den Sprayern, die aus den Waggons der U-Bahn rollende Leinwände machten, um aus der Vergessenheit ihres Slums herauszutreten und "Fame" zu erlangen: Ruhm für ihr Kürzel, ihre Schrift an der Wand, ihr Writing.
Wenn der Junge, der eigentlich Cleve Campbell hieß, nicht sprühte, improvisierte er Block-Parties für ein paar Cents Eintritt. Mit 15 Jahren bezahlte er aus einem Schuhkarton 2000 Dollar für ein mächtiges Sound-System und stach fortan alle Rivalen durch schiere Lautstärke aus. Oft war der Strom von einer Laterne geklaut, wenn DJ Kool Herc auflegte. Mit den weichen Reggae-Rhythmen seiner Heimat konnte er den Kids der Bronx nicht imponieren. In magischen Momenten aber, immer dann, wenn vehement ein Schlagzeug einsetzte oder ein Bass den Rhythmus übernahm, gingen die harten Typen wie die Raketen ab. So spielte Kool Herc immer nur genau die Stellen mit den Breakbeats, wechselnd von zwei Plattenspielern. Er war der Erfinder einer neuen Musik aus Tonfetzen von alten Platten.
Dazu sprach der DJ als Master of Ceremony, kurz MC genannt, Anweisungen für die Party, damit die Leute ihre Arme in die Luft streckten oder in die Knie gingen, den Körper schüttelten oder im Chor "Woohah" riefen. Wenn er gut drauf war, feuerte er sein Publikum nach Art jamaikanischer Toasts mit rhythmischem Gequassel in Reimen an: So begann der Rap (von to rap: klopfen, quatschen).
Pionier und Initiator: DJ Kool Herc
Andere perfektionierten die Technik, Plattenspieler als Instrumente zum Komponieren zu benutzen. Andere kultivierten die Reime und fächerten die Thematik des Rap auf. Wiederum andere beuteten die Kreativität des Ghettos aus und wurden reich damit. Kool Herc verschwand wieder in der Versenkung und schlug sich als Werftarbeiter oder Lastwagenfahrer durch. Auch heute, ein gutes Vierteljahrhundert, nachdem er den zündenden Funken gab, lebt der farbige Hercules noch in der Bronx.
Was der Rock'n'Roll für die 68er war, ist HipHop für die 2000er, die Trendsetter in der heranwachsenden Generation. Sie heben sich ab von den Ballermann-Prolls, die ihren Spaß im Spannungsfeld zwischen Disco und Saufen finden. Der Dortmunder Soziologie-Professor Ronald Hitzler, spezialisiert auf die Kulturen des Nachwuchses, verzeichnet "ein stark anschwellendes Interesse für HipHop, weil in maßgeblichen Teilen der Jugend die Attitüde 'Ich denke nach' wieder wichtiger geworden ist".
Einher gehe ein Niedergang des Techno, der synthetischen Musik der 90er Jahre, die den Konsumrausch als Antwort gegen die "Laberkultur" der ergrauten 68er gesetzt hätte, aber in Zukunft wohl nur noch eine Rolle auf Großereignissen wie der Love-Parade spielen werde: gehört, genossen und aus dem Sinn. Im Aufstieg des HipHop erkennt Hitzler dagegen "Zeichen eines wachsenden Ausdruckbedarfs".
Es waren so faszinierende Formen, die in der Bronx für jugendliche Kreativität gefunden wurden, dass sie durch geistige Raubzüge weltweit verbreitet wurden. Im Kontext anderer Nationen und der Sichtweisen anderer Schichten entstanden vielfältige Dimensionen von HipHop.
Derartige Adaptionen geschahen in Deutschland wie in Frankreich oder Japan. Von Stockholm bis Kapstadt, von Antwerpen bis Taiwan, von St. Petersburg bis Hongkong, von Lagos bis Bangkok, von Sao Paulo bis Saigon reichen die Blutlinien dieser Jugendkultur. Sie hat ausgeprägte regionale Züge und ist doch Ausdruck der Globalisierung: das "Esperanto" in der jungen Welt, wie die Stuttgarter Gruppe Freundeskreis rappt, während der MC der Hamburger Band Eins Zwo unverkrampft singt: "HipHop ist wie Pizza, auch schlecht noch recht beliebt."
Was den Schülern schmeckt, beschäftigt zunehmend auch Lehrer als Unterrichtsstoff. An Universitäten entstehen die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über HipHop. Das Goethe-Institut entsendet Rapper als Botschafter des jungen Deutschlands in die Welt.
HipHop ist nicht nur Musik, Tanz und Graffiti, HipHop ist ein Lebensgefühl, eine Sprechweise, eine Körpersprache, eine Kleidungsart und nebenbei ein Milliardengeschäft. Der harte Kern umfasst einige hunderttausend Fans, sehr viel mehr Jungen als Mädchen, und verjüngt sich neuerdings dynamisch durch den Zulauf frühreifer Kinder, teils schief angeguckt, teils willkommen geheißen als "Zahnspangenfraktion". Das von Insidern geschätzte HipHop-Magazin "Backspin" verdoppelte seine Auflage in nur einem Jahr auf 70.000 Exemplare, die kommerzielle Konkurrenz "Juice" bringt es auf 75.000.
Als Designermode erreicht der Ghetto-Look Millionen im Geschlecht der Noch- nicht-Männer. Sie schieben in Sneakers durch die Gegend, der Schritt ihrer übergroßen Hosen hängt ihnen zwischen den Knien, als hätten sie die Klamotten vom großen Bruder geerbt und auch noch im Gefängnis den Gürtel abgeben müssen. Als Dekollete des HipHop blitzt ein nacktes Rückenstück mit Unterhose.
Aus der Sprayer-Szene stammen die Kapuzenpullis zur praktischen Tarnung. Man trägt ein Cap oder eine "Kopfsocke". Den Wollmützenkult brachten die Breaker auf: Wenn sie sich auf den Kopf drehen, werden durch den gestrickten Schutz Glatzen vermieden. Im Outfit gewisser Marken, die von Stars hochgereizt werden, bewegt man sich geschmeidig durch den Asphaltdschungel und demonstriert auf Schritt und Tritt, was für ein cooler Typ man ist. Das ABC der Gesten und Posen wird in Musikvideo gezeigt.
Wenn sich zwei HipHopper begegnen, ist eine beliebte Begrüßungsfloskel: "Was geht ab?". "Einiges", so lautet die bevorzugte Antwort. Dann "chillt" man zusammen (von to chill: kühlen), was auf eine Art cooler Entspannung hinauslaufen soll. Man genießt das pubertär Fäkale, hat viel mit "Scheiß" zu tun, besonders gern mit "heißem Scheiß" und kommuniziert freundlich von "Arsch" zu "Arsch", natürlich gebildet. Man hält seine "Clikke" oder "Cligge" hoch, man reißt die Nacht als "Posse" auf (was einstmals in Wildwest die bewaffnete Schar eines Sheriffs war).
"Be real" ist ein HipHop-Ideal, aber die Illusion wird ständig zerfetzt. Was bleibt ist ein anstrengendes Streben nach Authentizität: "Ich mach' mein Ding." Ob einer ein einigermaßen "realer Typ" oder ein "Faker" ist - darüber wird leidenschaftlich gestritten. Der Superlativ des HipHop ist "fett" oder "phatt", wie der fetteste Beat.
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