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26.12.2001
 

Serie HipHop-Kultur (V)

Mongos und Monster, Opas und Babys

Von Ariane Barth

Längst sind die Fanta 4 nicht mehr alleinige Besetzer des deutschen HipHop-Hauses: Zwischen Stuttgart, Hamburg und Berlin tummeln sich die verschiedensten Netzwerke neuer Bands und Rapper, die die Zukunft und die Etablierung der heimischen Rap-Kultur bestreiten werden.

Mongo mit schlechten Manieren: Rapper Ferris MC
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Mongo mit schlechten Manieren: Rapper Ferris MC

Im "Haus" der Fantastischen Vier haben sich längst andere Besetzer ausgebreitet. Während die Vier Karriere machten, entwickelte sich in "Stuggitown" auf dem Gelände der ehemaligen Südmilch-Molkerei eine quirlige HipHop-Szene aus Sprayern, Brakern und Rappern, die sich locker als "Kolchose" formierten.

Die Massiven Töne donnerten "Hände hoch" und brachten die "Kopfnicker" (so der Titel ihres Albums) auf Touren. Afrob (Robert Zermichiel) pflegte als Gruß an Eritrea seine Lockenmähne und übertraf die Wirkung als "Reimemonster": "Weil du nur Scheiße frisst, wenn du nur leise bist..." Dass in Stuttgart die Augen der Polizei verschärft auf ihm ruhen, nervt ihn, aber: "Babylon ist, wo ich wohn'."

Max Herre machte als Intellektueller des deutschen Rap ein geschärftes Geschichtsbewusstsein attraktiv. Mit seinem Freundeskreis wurde er der erste Star von Four Music. "Weil das Kapital die Rebellion vermarktet", so distanzierte er sich im Lied "Sternstunde" vom "Bizniz" und zeigte die Zwickmühle auf: "Auch wir sind Teil dieses Spiels." Mehr aber liebt der politische Kopf die Liebeslyrik "A.N.N.A", deren Namen er immer wieder buchstabiert und die er durchnässt vor sich sieht, "immer wenn es regnet", brachte dem Freundeskreis die erste goldene Schallplatte. "Dann kam Julia. Seither wusste er, was Sex ist und ich, was Blues war": Mit zwei Sätzen wurde ein Drama zwischen zwei Jungen entfaltet. Im Duett von Max und Joy (die Denalane heißt und aus Südafrika stammt) entstand eine Art Liebescodex für die erste Nacht: "Mit dir", ebenfalls ein Chartbreaker.

Im Battle der Städte wurde Stuttgart doch von Hamburg geschlagen. Yo Mama in einem ehrwürdigen Kontorhaus hinter dem Rathaus und Buback in einer ehemaligen Darmwäscherei hinter dem Schlachthof, die lässige wie die schrille Firma machten ein und dasselbe. Sie schickten den Nachwuchs auf Tour, über Jahre, kreuz und quer durch die Republik. So entstand eine Art Landschaft des Raps mit einem organisatorischen Netzwerk und einer eigenständigen Ökonomie. Junge Talente mussten nicht verhungern und konnten sich musikalisch weiter entwickeln. Wenn sie schließlich bei Yo Mama oder Buback eine Platte veröffentlichten, hatten sie längst eine Fan-Gemeinde. Wer schon Erfolg hatte, nahm eine noch unbekannte Gruppe mit auf die Reise.

Rapper Afrob: "Babylon ist wo ich wohn'"
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Rapper Afrob: "Babylon ist wo ich wohn'"

Weil sich die Konkurrenten "Luthzifer" und "Sexfeind" in eine Battle verstrickten, in der es darauf ankam, einander mit Großzügigkeit zu überbieten, konnten sich die Gruppen labelübergreifend hochschaukeln: Man "featurte" einander, nahm also auf dem eigenen Album wie in einem Omnibus andere Rapper mit: Geteilter Fame wurde verdoppelter Fame. Schließlich war die Bundesliga voll von Hamburger HipHop-Adel.

Der Tobi & Das Bo, mit Marcnesium (Marc Clausen) und DJ Coolmann (Mario Cullmann) zu Fünf Sterne Deluxe verschmolzen, kamen mit Hohn und Spott groß an "Es ist der Teufel, der bei uns die Fäden zieht" - das war auf Luth gemünzt. "Wir sind charakterlos und uns fehlt Profil, Ha Ha, deine Mudder" - das ging in die Jugendsprache ein als ironische Floskel. Wenn einer zum andern sagt: "Ja, ja, deine Mudder", dann heißt das, dessen Mutter habe Schuld, einen solchen Idioten geboren zu haben. Bo brachte seinen "Leudden" auch noch eine andere seltsame Redensart bei:"Türlich, türlich, sicher Digger."

Die Absoluten Beginner steuerten "hammerhart" zum Jugendjargon bei. Mit ihrem Album "Bambule" (gefolgt von Remix "Boombule") avancierten sie zu Stars und kauften sich erst einmal Fahrräder. "Wir ham' kein Ziel, aber wir fahr'n los" - das traf die Stimmung der Jugend. Statt der 100 Leute auf Beginner-Konzerten waren mit einem Mal 1500 da, von denen mindestens 1000 die ganze Zeit zu dem unvergleichlichen Näseln sprangen: "Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied..." Das kam bei der Masse an als ein Hit zum Kuscheln, war aber für die Szene eine Persiflage auf Pop-Stuss. Die Rapper entzauberten den "Beginner-Rausch" als Kalkül und erzeugten ihn zugleich.

Als Gegenbild zu den Sophisten, aber von ihnen mit hochgezogen, besetzte Ferris MC (Sascha Reimann) die Rolle eines White Trash-Freaks. Die blonden Locken verwuschelt, ein Handtuch um den Hals geschlungen, so schlurfte er über die Bühne, "ewig breit", und beschwor in eindringlichen Bildern das Ghetto, wo er herkam: Betonblocks des sozialen Wohnungsbaus in Bremen, "wo man mit schlechten Manieren Respekt verdient, wo dich die Polizei filzen darf, weil du Scheiße aussiehst".

Freche Newcomerin aus Hamburg: Nina MC
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Freche Newcomerin aus Hamburg: Nina MC

Erst rappte Ferris MC in der Hamburgs Justizvollzugsanstalt "Santa Fu" vor Schwerverbrechern, dann fuhr er mit Tobis Moped in eine Verkehrskontrolle und landete für acht Tage im Untersuchungsgefängnis, rechtswidrig, bloß weil in Bremen gegen ihn ein Verfahren wegen Haschischkaufs schwebte und er vergessen hatte, sich in Hamburg anzumelden. Wenige Tage später ein schriller Kontrast: Die Kultursenatorin überreichte ihm in einer Glamour-Welt den "Echo"-Preis für den besten Nachwuchssänger.

Der Nächste, der einen Durchbruch in die erste Liga schaffte, war Dendemann (Daniel Ebel). Er kam aus Menden im Sauerland aus einer "kuscheligen Kindheit" in einem bürgerlichen Reihenhaus, und seine Eltern waren erst einmal verstört, als ihn das Rap-Fieber packte. Der begabte Anfänger geriet nach dem Abitur durch "Luthzifers" Fäden an den erfahrenen Scratcher von Fettes Brot, DJ Rabauke (Arne Ritter). In einer gefühlvollen Umarmung wurde die Band Eins Zwo begründet. Als Vorgruppe anderer Stars erwarben die beiden in gut zwei Jahren genug Skills, um sich an ein Album zu wagen. Dendemann hatte neun Tage lang immer denselben Beat gehört, um die passenden Reime zu finden, als er fix und fertig auf einer Hamburger Bühne stand und seinen Text nicht mehr wusste. In seiner Hilflosigkeit wirkte er so anrührend, dass der Saal vor Begeisterung tobte, als er nach einer Pause einen neuen Versuch wagte: "Es war mein schönster und mein schlimmster Auftritt."

Das Album "Gefährliches Halbwissen" hatte einen unerklärlichen Zauber, der auf so gut wie jeden Musikkritiker wirkte. Vielleicht war es Dendemanns kratzige Jungenstimme, die wie ein Aufheller gegen "Depri-Mucke" an miesen Tagen wirkte: "Es geht mir gut, es geht mir sehr, sehr gut..."

Aufgeweckt: Newcomer Samy Deluxe
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DPA

Aufgeweckt: Newcomer Samy Deluxe

Mit dem neuen Jahrtausend kam Samy Deluxe alias Samsemilias (bürglich: Sorge) und "erschütterte die Nationen". Dass der Typ mit seinem "natürlich dunklem Teint" angeben kann, verdankt er seinem sudanesischen Vater und der Nonchalance seiner deutschen Familie mit einem Stiefvater, der sich sein Lehrerstudium als Taxifahrer verdiente. Acht Jahre lang übte er sich fast jeden Tag im Freestyle und trat an Wochenenden auf Partys auf. In der elften Klasse ging er vom Gymnasium ab, weil er "die zwei Welten nicht mehr verbinden konnte". Zwar steuerte er zu vielen Platten der Hamburger Rapper ein Lied bei, aber er schlug sich mit seiner Musik oft unter dem Existenzminimum durch: die Miete offen, nichts im Eisschrank und auch noch als Schwarzfahrer erwischt, das Telefon mal wieder abgestellt und einmal auch noch der Strom. In seiner chaotischen Küche, in der es stank, rappte er sein erstes Album ein, mit Beats von Tropf und Scratches von DJ Dynamit.

Es stieg auf Platz vier in die Charts ein. Was er zu sagen hatte, kreiste um ein und dasselbe: "Ich will und muss einfach der Größte sein." Denn: "Selbstvertrauen ist zeitgemäß." Das waren typische Battle-Texte, die nicht gegen irgendwelche Feinde, sondern ironisch gegen die gesamte Konkurrenz gerichtet waren: "MC's, eure Zeit ist um." Er könne, so sagt Samy Deluxe, jeden Rapper rhythmisch imitieren: "Aber keiner kriegt meinen Flow hin." Da könnte der hinreißende Angeber Recht haben, der inzwischen mit seiner düsteren Single "Weck mich auf" ein neues, ernsthaftes Kapitel der deutschen Rapmusik aufgeschlagen hat.

Das also sind sie, die exzeptionellen Typen der "Mongo-Klikke", wie sie sich selbst nennen. Sie hängen aneinander. Wenn Bo hustet, so heißt es, kriegten alle Schnupfen. Im "Eimsbush Basement", einem Souterrain im Stadtteil Eimsbüttel, da "chillen" und rappen sie zum Spaß. Der Pizza-Service sichert ihr Überleben, die "Kligge" ist auch in den Imbissen der Umgebung wohlbekannt. Der Radikalschick der "Mongos" ist Bescheidenheit.

Bereicherten den Jugendslang: 5 Sterne deluxe
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Bereicherten den Jugendslang: 5 Sterne deluxe

Vom Geld, das die Stars einspielen, wächst durch Reinvestitionen die Hamburger HipHop-Gesellschaft in vielfältigen Facetten. Davon profitiert eine beachtliche Regional-Liga, zu der die nordischen Spaßmacher Deichkind und Fischmob gehören, auch Doppelkopf mit romantischer Märchenpoesie im Stil eines postmodernen Edgar Allen Poe und schließlich die neue Rapperin Nina MC, eine attraktive Deutsch-Afghanin mit eindringlicher Stimme, hüftlangen Haaren und feministischen Reimen.

Der avantgardistische Knaller im Untergrund ist derweil Adolf Noise mit verrückten Ansagen und gepfiffenen Ohrwürmern. Dahinter steckt der Old School-DJ Koze (Stefan Kozalla) mit Marcnesium von den Fünf Sternen. München hat die aus einer Wohngemeinschaft hervorgegangene Gruppe Blumentopf mit literarisch anspruchsvollen Texten, aber auch, wie es ihr Delikatessen-Snobismus verdient, die schrillen Rapper von Feinkost Paranoia und schließlich das Freestyle-Talent David Pe, einen Medizinstudenten, der den Ministerpräsidenten in tagespolitisch aktuellen Reimen zu "dissen" versteht.

  • 1. Teil: Mongos und Monster, Opas und Babys
  • 2. Teil

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