Von Ariane Barth
Doch auch im Rest der Republik wird für die Zukunft gerappt und gereimt. Ulm glänzt mit den Kinderzimmer Productions, die ihre lustigen, aber tiefgründigen Werke im Eigenvertrieb versenden. Der Ruhrpott bietet die Rapper-Fusion RAG auf oder die aus einem Bunker in Witten hervorgegangene Gruppe mit dem abartigen Namen Creutzfeldt & Jakob; Köln hat Die Firma und Hannover den Sympathieträger Spax; Minden brachte den Aufsteiger Curse hervor und Braunschweig den umherschwirrenden Tausendsassa MC René, der schon als Kind freestylen konnte und sich mit der Wirkung seiner zahllosen Hüte selbst übertrifft.
Und Berlin? Da fragt man: "Wats lousz"? Denn "Was geht?" ist als Westgruß ideologisch verpönt. In der Hauptstadt brodelt der Rap, es gibt Tausende von Bands, an die 300 haben ein paar Fans mehr als nur ihre Freunde, und über 40 MCs bringen türkische Texte. Da kocht Rebellisches hoch, ein Abglanz von Ghetto, aber auch darwinistischer Geist. Statt sich zu battlen, machen sich die Konkurrenten neidisch nieder und verzehren sich obendrein, erfolgreiche Hamburger oder Stuttgarter Rapper zu dissen. Weil Berlin in den neunziger Jahren keinen "Luthzifer" oder "Sexfeind" hervorbrachte, hat die Hauptstadt kein HipHop-Schaufenster, jedenfalls noch nicht.
Was aus dem Untergrund hochkam und in die Republik dröhnte, waren nur ein paar harte, dreckige Styles. "Nutten, Nutten, überall Nutten", rappten die Spezializtz (Dean Dawson und Oliver Harris), zwei riesig große Typen aus Kreuzberg, die sich mit abenteuerlichen Frisuren als "H-Town Negroes" stilisieren. Ihre Nutten, das sind nicht bloß Frauen, sondern auch Sell-out-Rapper und obendrein Schwule ("Kein Respekt für Rap-Tucken"). Wenn sie "GBZ" skandieren, dann schreien ihre Fans im Chor, denn das Kürzel steht für Gras, Becks und Zärtlichkeit.
Als Pornograph übertrifft King Kool Savas alle. Nachdem sein Vater in der Türkei als politischer Häftling weggesperrt wurde, flüchtete seine Mutter mit ihm ins beschauliche Aachen. Aus ruhigen Kinderjahren landete er hart auf dem Pflaster von Kreuzberg. Den Ton der Straße, der ihn als Junge schockiert hatte, griff er auf: "Alle Fotzen ohne Hirn - lutscht meinen Schwanz." Das Obszöne bringt ein bisschen "Fame".
Es war ein Traum, den sich eine Clique aus Chemnitz an einem heißen Sommertag ausmalte. Die Jungs lagerten an einem Badesee in der Umgebung und stellten sich vor, dass alle Rapper, die sie von Ferne bewunderten, hier wären und über das idyllische Tal die Beats fetzten. Sie kriegten das hin, sie gewannen mit ihrem Elan die Stadtväter und schmeichelten den Bauern der Umgebung frühzeitige Ernten ab, um Platz für ihr Festival zu schaffen. Der organisatorische Kopf Jan Richter, gerade erst volljährig, lieh sich von Eltern und Verwandten Geld für den Aufbau einer Bühne. Noch am Vorabend überlegte die Clique, wohin sie denn abtauchen könnte, wenn alles schief ging.
Zum ersten Splash kamen 13.000 Fans. Das Unternehmen, bei dem rund eine Million Mark umgesetzt wurde, ging nach Entschädigung für die Anwohner für unerwünschte Graffiti plus-minus Null aus. Zum zweiten Splash reisten 20.000 HipHopper aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich an und lagerten drei Tage lang in Zelten rund um den See. Über 70 Bands, die Creme des deutschen Raps, versammelte sich in Chemnitz.
Die fünf Freunde hatten ein hervorragendes Forum, um ihr winziges Label Phlatline und die beiden Rapper unter ihnen, Tefla & Jaleel, zu pushen. "Wir Zonies", sagt Jaleel, "haben keine Angst vor Sell out, wir wollen durch eine Infrastruktur den ganzen Osten für HipHop erschließen." Das ist für die Freunde durchaus ein gesellschaftspolitisches Anliegen. Wie sich in Chemnitz zeigte, konnten rechtsreaktionäre Glatzen in der Jugendkultur nicht Fuß fassen, die andere Seite war mit ihrer Faszination für Rap und Graffiti einfach stärker. HipHop hat viele Wurzeln, die sehr langsam an vielerlei Orten entstanden. Schnell wie ein Rülpser des Zeitgeistes wird er gewiss nicht vergehen.
In der Szene tauchen immer mehr Babys auf, mit dicken Ohrschützern gegen die Beats gefeit. Dass ihre Töne zum Scratchen benutzt und der Rap um Erziehungsfragen kreist, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Dendemann greift noch weiter vor und erzählt, wie ihm Afrob und Ferres, Smudo und Max und "alle, die je wichtig war'n" als Opas mit "lichten Haaren, melierten Schläfen" begegnen, ausgestattet mit "elektrischen Klobürsten" und "schrottreifen Geräten" - im "HipHop-Altenheim".
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