Ralph Siegel ist der deutsche "Mr. Grand Prix". Der Musikproduzent und Schlagerkomponist, der bis heute rund 2000 Titel veröffentlicht hat, nahm 1974 zum ersten Mal als Songwriter am europäischen Schlager-Festival teil. Seitdem gewannen seine Lieder zweimal Bronze, dreimal Silber und mit Nicoles "Ein bisschen Frieden" (1982) auch einmal Gold. In diesem Jahr schickt der 56-Jährige, zu dessen größten Erfolgen Lieder wie "Fiesta Mexicana", "Together we're strong" und "Moskau" zählen, die blinde Sängerin Corinna May mit "I Can't Live Without Music" in den Vorentscheid. Nach einer Affäre mit dem Medien-Sternchen Nadja Abd El Farrag schaffte es Siegel vor kurzem auch als Privatmensch in die Schlagzeilen der Boulevard-Blätter.
Herr Siegel, kaum naht die Vorentscheidung zum Grand Prix, ist es mit "ein bisschen Frieden" vorbei. Bernhard Brink, einer der Teilnehmer, hat sogar Morddrohungen erhalten.
Ralph Siegel: Dass so etwas passiert, gefällt mir natürlich überhaupt nicht. Und ich wünsche mir, dass wenigstens ein "bisschen Frieden" dann doch wieder hergestellt werden kann, bei allen Teilnehmern.
SPIEGEL ONLINE: Gerade Kelly-Familienmitglied Joey ist zuletzt wenig friedfertig gewesen und hat kürzlich das Auto eines Fans zertrümmert. Ist die Kelly Family noch tragbar für den Grand Prix?
Siegel: Ich kenne die Kelly-Family seit 30 Jahren, damals hat der gute alte Vater Kelly seine Kinder noch auf dem Arm getragen, und ich habe mich immer gefreut, wenn ich die Familie getroffen habe. Wenn die jetzt beim Grand Prix antreten sollte, warum denn nicht? Irland ist diesmal nicht dabei, also sollte es dann heißen: Irish people vote for Germany!
SPIEGEL ONLINE: Wie sehr stört es Sie eigentlich, dass auch in Ihrem Fall das Privatleben zuletzt wesentlich mehr Schlagzeilen produziert hat als Ihre Arbeit?
Siegel: Ich und meine Arbeit können auf bald 35 Jahre zurückblicken. In dieser Zeit habe ich bewiesen, dass ich a) komponieren und b) produzieren kann. Ich habe über 100 Lieder geschrieben, die die Menschen bis heute in den Herzen tragen. Da ist es natürlich störend, wenn gewisse Journalisten den Privatmann Ralph Siegel wichtiger nehmen als den Komponisten. Damit muss ich leben. Aber ich hoffe, dass gerade bei einer solchen Vorentscheidung die Menschen nun an allererster Stelle die Lieder und die Künstler auf der Bühne sehen, und nicht das Privatleben des einen oder anderen Mitwirkenden.
SPIEGEL ONLINE: Geben Sie sich eine Mitschuld an Ihrer Boulevard-Karriere?
Siegel: Ich habe den Boulevard-Journalismus nicht erfunden und habe mich, meiner Rolle als Komponist und Produzent gemäß, immer im Hintergrund gehalten. Dann hat mir mal ein Journalist gesagt: 'Ralph, was mir an dir nicht gefällt, ist, dass man über dich nichts Negatives schreiben kann!' Dass aber irgendwann mal eine Scheidung oder eine Trennung im Leben eines Menschen vorkommt, das ist wohl normal. Wenn man dann etwas mehr im Fokus steht als der Durchschnittsbürger, wird das eben von der Presse aufgegriffen. Bis auf ein, zwei Mal aber habe ich dazu nie Stellung genommen, deshalb kann ich auch keine Mitschuld sehen.
SPIEGEL ONLINE: Die "Süddeutsche Zeitung" vermutet, dass Jürgen Meier-Beer, der für den Grand Prix Verantwortliche Unterhaltungschef des NDR, bei der morgendlichen Zeitungslektüre stets hofft, dass die "Bild"-Zeitung endlich einen Skandal über die Teilnehmer der Vorentscheidung ausgräbt. Braucht der Grand Prix solche Hilfe?
Siegel: Der Grand Prix hat zumindest Negativ-Schlagzeilen nicht nötig. Und ich bin sicher, dass auch Dr. Meier-Beer lieber Positives über den Grand Prix lesen möchte als irgendwelche negativen Meldungen. Weil aber für den Journalisten gilt, dass "good news" sich nicht verkaufen, berichtet er in der Regel nicht darüber, dass ein Künstler ein tolles neues Lied komponiert hat, sondern darüber, dass ihm die Frau weggelaufen ist.
SPIEGEL ONLINE: Zuletzt war der Vorentscheid immer mehr zum Blödel-Wettbewerb verkommen. Wem geben Sie die Schuld an dieser Entwicklung?
Siegel: Jede Zeit hat ihre Momente. Durch Guildo Horn und Stefan Raab wurde der Wettbewerb sicher wieder etwas spannender, das hat dem Grand Prix also vielleicht sogar ganz gut getan. Letztendlich liegt die Entscheidung, wer bei einem Vorentscheid dabei ist, bei den A&R-Managern der Plattenfirmen. Dabei war in der Vergangenheit offensichtlich weniger wichtig, ob der Künstler auch wirklich den Grand Prix gewinnen kann. Entscheidend war wohl eher die Tatsache, diesem Künstler beim Vorentscheid ein Promotion-Forum und damit Verkaufschancen bieten zu können.
SPIEGEL ONLINE: In diesem Jahr ist das musikalische Spektrum so breit wie nie zuvor und reicht von Schlager über Pop und Soul bis hin zu HipHop. Begrüßen Sie diese Bandbreite?
Siegel: Ich kenne alle Titel und bin von der Qualität dieser Beiträge diesmal, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, überzeugt. Der Vorentscheid wird mit Sicherheit diesmal auch kein Schlager-, sondern ein richtig gutes Pop-Festival mit Künstlern, bei denen einer den anderen überbieten wird.
SPIEGEL ONLINE: Wann ist ein Beitrag Ihrer Meinung nach Grand-Prix-tauglich?
Siegel: Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es leichter wird, wenn man den Beitrag in englischer Sprache präsentiert. Englisch ist die Musik- und Pop-Sprache und die Dänen, die Isländer oder die Schweden haben in der Vergangenheit bewiesen, dass damit die Chancen steigen. Zudem sollte es sich um ein Lied handeln, dass eine Idee oder eine Story präsentiert, die auch international verstanden werden kann. Der Song muss an diesem Abend den Iren genauso gefallen können, wie den Spaniern oder den Türken. Und letztlich schadet es sicherlich auch nicht, wenn der Künstler Bühnenerfahrung hat und nicht nur in Videos eine hübsche Figur macht.
SPIEGEL ONLINE: Dass Video-Tauglichkeit durchaus reichen kann, beweisen derzeit allerdings jene Fernsehsender, die erfolgreiche Bands und Songs am Reißbrett entwerfen, siehe Phänomene wie No Angels und BroSis. Warum aber können Sie als renommierter Komponist einen Erfolg nicht per se garantieren?
Siegel: Hundertprozentigen Erfolg kann kein Mensch garantieren, auch die TV-Sender nicht. Allerdings kann man die Erfahrungswerte, die man hat, in die Waagschale werfen. Ich nehme seit 1974 am Grand Prix teil, also denke ich, dass ich auch über einen großen Erfahrungsschatz verfüge in der Beurteilung davon, wann ein Song auch international Chancen hat. Auf Videos können Sie alles so zusammen schneiden, dass es immer nach etwas aussieht. Die Live-Bühne beim Grand Prix aber setzt voraus, dass ein Künstler in nur drei Minuten sein Maximum bringen kann. Wer da keine Professionalität beweist, fällt durch.
SPIEGEL ONLINE: Mit der Kelly-Family gibt es in diesem Jahr einen Favoriten, der besonders vom Ted-Entscheid profitieren könnte. Diese Art der Abstimmung ist in den letzten Jahren zu Lasten Ihrer Künstler gegangen. Befürchten Sie, dass Ihnen "dank" der Kelly-Family jetzt ähnliches widerfahren könnte?
Siegel: Meine Künstler und ich haben in den letzten Jahren in der Tat viel Pech gehabt und bei den Abstimmungen immer auf dem zweiten oder dritten Platz gelegen. So wurde Corinna May schon einmal disqualifiziert und hatte im Jahr darauf gegen Stefan Raab das Nachsehen. Daher wünsche ich gerade ihr, dass das Publikum sie so akzeptiert, dass sie auch Chancen hat, ganz vorne zu liegen.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Ted die richtige Methode, um über den deutschen Beitrag abzustimmen?
Siegel: In der Summe finde ich es gut, wenn das Publikum entscheidet. Wichtig ist, dass die Zuschauer auch im zweiten Wahlgang noch einmal zum Hörer greifen und die eigene Wahl dann noch ein zweites Mal unterstützen.
SPIEGEL ONLINE: Die Kellys sprechen bereits davon, dass Sie beim Grand Prix größere Chancen hätten, als Ihre Kandidatin. Müssen Sie dem zustimmen, wenn Sie nur an die deutschen Chancen und nicht an Ihre Künstlerin denken?
Siegel: Die Selbsteinschätzung anderer Künstler nehme ich so hin, wie sie geäußert wird. Die Kellys machen bestimmt einen guten Job, aber eins ist doch wohl klar: Weder die Kellys noch irgendeinen der anderen Künstler kennt man in ganz Europa. Ich bin sicher, jeder, der sich beim deutschen Publikum bewährt, hat Chancen, auch den Grand Prix zu gewinnen.
Das Interview führte Andreas Kötter
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