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07.03.2002
 

Earl Zinger

Der Klempner von Frank Sinatra

Von Holger In't Veld

Wenn Dance-Produzenten in die Jahre kommen, greifen sie oft zu einem jugendlichen Pseudonym. Rob Gallagher geht den umgedrehten Weg: Unter dem Namen Earl Zinger erscheint der frühere Kopf der Acid-Jazzer Galliano als legendärer Greis.

Rob Gallagher: "Earl Zinger ist wie Kaiser Soze"
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Rob Gallagher: "Earl Zinger ist wie Kaiser Soze"

So spannende Musik die aktuelle Club-Kultur auch hervorbringt, so eintönig lesen sich die meisten Musiker-Biografien. Oft ist es so: Mit zwölf am Plattenspieler herumgespielt, mit 16 zum ersten Mal auf einem Rave gewesen, zwei Remixe gemacht und seitdem zu Hause vor dem Rechner gesessen. Interessante Geschichten sucht man dort zumeist vergeblich.

Umso erstaunlicher liest sich die Information, mit der das deutsche Dance-Label Studio!K7 (Kruder & Dorfmeister) der Musikjournaille seinen neuen Künstler Earl Zinger anpreist. Zinger, so steht es dort geschrieben, begann seine Karriere als Schlagersänger im New York der Vierziger, verbrachte das folgende Jahrzehnt mit William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jack Kerouac, spielte in den Sechzigern für Bob Dylan, war in den Soul-Schmieden Motown und Stax beschäftigt und traf auf Jamaica Peter Tosh und Bob Marley. In den Siebzigern arbeitete er abwechselnd mit Gil Scott-Heron, Tom Waits und Earth Wind & Fire, Ende des Jahrzehnts bat ihn Malcolm McLaren nach London. Fortan pendelte Zinger zwischen den Kontinenten: hier HipHop, da Punk, hier Funk, da Acid House und Rave, bis ihn schließlich die Club-Jazz-Verschmelzungen der frühen Neunziger endgültig nach England zogen.

Zinger-Album: "The freshest Sounds around"

Zinger-Album: "The freshest Sounds around"

Keine Frage: Wäre Gott ein Musiker, dies wäre seine Biografie. In den Redaktionen begann hektische Recherche. Wie kann es sein, dass eine solch zentrale Figur der Musikgeschichte unbekannt geblieben ist? Zudem die Musik das Phänomen keineswegs entschlüsselte. Die Platte mit dem kryptischen Titel "Put Your Phazers On Stun Throw Your Health Food Skyward" bietet tatsächlich, wie es der zusätzliche Aufdruck verspricht, "The freshest Sounds around" - eine gutgelaunte Stunde zwischen Songwriting und modernen Beats, Las Vegas und Jazzkeller, wo Swing, Reggae, HipHop, Funk, Soul, Balladen und viel Augenzwinkern zur großen Revue der Club-Kultur zusammenfinden.

"Man muss keinen massiven Pop produzieren, um von Musik leben zu können"

Der Anruf in einem Studio in Nord-London gestaltet sich dementsprechend aufregend. Doch das Lachen am anderen Ende der Leitung klingt nicht nach einem 80-jährigen New Yorker, es klingt nach einem 32-jährigen Engländer. Sein bürgerlicher Name ist Rob Gallagher und nur die letzten 15 Jahre verbinden ihn mit Earl Zingers Biografie. Gallagher war Acid-House-DJ, hat auf den großen Raves aufgelegt und dann als Sänger, Rapper und Songwriter des Musiker-Kollektivs Galliano House gegen Jazz ausgetauscht. Als erste Band des britischen Hipster-Labels Talkin' Loud verbanden Galliano HipHop, Jazz und englischen Pop mit hippiesker Friedensseligkeit und galten einige Jahre als Trendsetter. Doch Mitte der Neunziger sank der Stern des Acid-Jazz, Galliano lösten sich auf, und Rob Gallagher verschwand im Londoner Underground.

Ex-Galliano-Boss Gallagher: "Alles ein Frage der richtigen Feuchtigkeitscreme"
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Die letzten fünf Jahre hat er in Hunderten von kleinen Studios verbracht. "Eigentlich hat sich nicht viel geändert" sagt Gallagher. "Es ist eine gute Zeit für Leute, die ihr eigenes Zeug machen. Man muss keinen massiven Pop produzieren, um von Musik leben zu können." Gallagher, ein verspielter Aktivist, ist auch ohne Hipness glücklich. Auf seinem eigenen Label Red Egyptian veröffentlicht er Singles in kleinen Auflagen und legt sich dabei beständig neue Masken zu. Neben Earl Zinger warten hier noch zwielichtige Gestalten wie "Lenny Costanza, der frühere Klempner von Frank Sinatra" und "einige andere von Zingers Zeitgenossen" auf ihre Entdeckung.

Das Spiel mit Alter Egos, alltägliche Praxis im HipHop, hat bei Gallagher noch eine besondere Note: Seine Charaktere sind nicht jugendliche, sondern greise Superhelden. Oder besser gesagt: zeitlose. "Earl Zinger hat kein Alter", stellt Gallagher klar. Die Idee für die Figur kam ihm durch den britischen Kino-Film "Die üblichen Verdächtigen". Wie Kaiser Soze, das verbrecherische Superhirn aus dem Film, ist Earl Zinger ein Mysterium, ein Mann ohne Gesicht. "Sein Name wird nur geflüstert, niemand weiß wirklich, wie er aussieht oder wie alt er ist. Earl Zinger ist eher eine Idee als eine physische Realität. Um sich zu manifestieren, kann er sich in die Körper anderer Menschen begeben." "Momentan" schließt Gallagher lachend an, "sieht er allerdings recht normal aus, wie ein 32-Jähriger, der in der Sonne zu schnell rot wird."

Gegen ein paar Jahre im Körper von Brad Pitt hätte Rob Gallagher nichts einzuwenden. Aber auch, wenn Zinger seiner jetzigen Hülle nicht mehr entkommen sollte, bereitet ihm der Zahn der Zeit keine Sorge. "Alles eine Frage der richtigen Feuchtigkeitscreme."

Earl Zinger: "Put Your Phazers On Stun Throw Your Health Food Skyward" (Studio!K7/Zomba), veröffentlicht am 25. Februar 2002.

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